Zäher Kampf um Beduinensiedlung

Der Weiler Makhoul im Jordantal ist zum besonderen Brennpunkt des Nahostkonflikts geworden, seit die israelische Militärverwaltung die Häuser der dort lebenden Beduinen abgerissen hat.

Streit in der Wüste: Israelische Aktivisten helfen den Bewohnern von Makhoul bei Wiederaufbau der Infrastruktur, die die Armee wiederholt zerstört hat. (11. Oktober 2013)

Streit in der Wüste: Israelische Aktivisten helfen den Bewohnern von Makhoul bei Wiederaufbau der Infrastruktur, die die Armee wiederholt zerstört hat. (11. Oktober 2013) Bild: Keystone

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Verbogene Bleche, Bauschutt und ein paar verstreute Schafe sind alles, was von dem Dorf Makhoul geblieben ist, nachdem die israelische Armee Mitte September eine Abrissorder durchsetzte. Die dort siedelnden Beduinen harren seitdem auf dem nackten Boden aus. Drei Wochen nachdem ein Hilfskonvoi europäischer Diplomaten mit harter Hand gestoppt wurde, wollen elf israelische Bürgerrechtsgruppen einen neuen Anlauf starten, den rund hundert Einwohnern Notunterkünfte zu liefern. Das kleine Makhoul im Jordantal ist zum besonderen Brennpunkt des Nahostkonflikts geworden.

Die zehn kinderreichen Familien mit ihren rund tausend Nutztieren klammern sich an ihre steinige Heimaterde, die von den Agrarflächen jüdischer Siedlungen eingeschnürt wird. «Wir leben hier schon seit 25, andere Familien seit 43 Jahren», sagt Abu Hussein und versichert: «Wir haben amtliche Besitzurkunden für dieses Land. Unsere Vertreibung ist nicht zu rechtfertigen.»

«Ihnen fehlen die Papiere»

Die israelische Militärverwaltung des Westjordanlands erliess in den vergangenen vier Jahren immer wieder Abrissverfügungen gegen den Weiler, der östlich von Nablus nahe des Jordans liegt. Zur Begründung hiess es, es lägen keine Baugenehmigungen vor.

Einsprüche der Bewohner von Makhoul scheiterten im August letztinstanzlich vor dem Obersten Gerichtshof Israels. «Die Familien leben noch nicht so lange dort, wie sie behaupten», sagt der Sprecher der Militärverwaltung Guy Inbal auf Anfrage. «Ihnen fehlen zudem die nötigen Papiere, um dort zu bauen.»

Mehr als 90 Prozent des fruchtbaren und rohstoffreichen Jordantals liegen in der C-Zone, die vollständig von der israelischen Armee kontrolliert wird. Baugenehmigungen stellt die Militärverwaltung nur sehr restriktiv an Palästinenser aus. Deshalb bleibe ihnen nur die Wahl, ohne Genehmigung zu bauen, sagen deren Vertreter und Menschenrechtsgruppen.

«Die wollen uns hier weg haben»

Für Major Inbal ist der Konflikt ein «kulturelles Missverständnis. Selbst wenn die Besitzansprüche stimmen, muss man legal bauen. Wenn Sie Ihr Zelt einfach in den Central Park setzen, wird das die New Yorker Polizei auch nicht dulden», sagt er.

Im weiter südlich gelegenen Dorf Fassajil veranschaulicht die kleine Schule, was die ständigen Abrissbescheide bewirken. Die Klassen sind hoffnungslos überfüllt. «Seit zehn Jahren beantragen wir bei der Militärverwaltung vergeblich, hier eine neue Schule zu bauen», berichtet der palästinensische Friedensunterhändler Sajeb Erakat, als er mit Diplomaten und Journalisten Brennpunkte im Jordantal besucht.

«Aber die wollen uns hier weg haben, weil sie die beiden angrenzenden Siedlungen miteinander verbinden und das nahegelegene Grundwasser nur für diese nutzen wollen», fügt er hinzu. Die Palästinenserführung ist überzeugt, dass sich Israel mit vielen kleinen Schritten letztlich das gesamte Jordantal aneignen will. Während dort zum Beginn der Besetzung 1967 noch 250'000 Palästinenser lebten, seien es heute nur 70'000.

Land beschlagnahmt

Ausser den derzeit obdachlosen Beduinen von Makhoul würden weitere Dörfer mit zusammen dreihundert Familien mit Abrissverfügungen bedroht, berichtet Aref Daraghme vom örtlichen Gemeinderat.

«Da gibt es ein Bündnis verschiedenster israelischer Institutionen, die die Palästinenser von hier verjagen wollen», klagt er. «Die Armee beschlagnahmt das Land für militärische Zwecke – und zehn Jahre später gibt sie es den Siedlern als Farmland.»

Konfrontation erwartet

Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation B'Tselem vermengt Israel im Jordantal seine Sicherheitsinteressen mit wirtschaftlichen Zielen. Indem die palästinensische Präsenz dort gering gehalten und die Ressourcen durch die Siedler genutzt werden, werde die Kontrolle gesichert.

Das sehen die elf Bürgerrechtsgruppen, darunter die siedlerkritische «Frieden jetzt» und die «Rabbis für Menschenrechte» ähnlich, die heute von Tel Aviv und Jerusalem aus mit Bussen und Zelten in Richtung Makhoul aufbrechen. Es ist unwahrscheinlich, dass die Armee sie bis dort kommen lässt. Stattdessen sind neue Szenen der Konfrontation zu erwarten. (ami/sda)

Erstellt: 11.10.2013, 21:22 Uhr

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