Zahlte Schweden für die Freilassung einer Al-Qaida-Geisel?

Al-Qaida hielt ihn fünf Jahre gefangen. Nun wurde Johan Gustafsson befreit. Schwedische Medien spekulieren über Lösegeldzahlungen.

Die befreite Geisel Johan Gustafsson und seine Familie nach seiner Ankunft am Flughafen. Foto: Marcus Ericsson (Keystone)

Die befreite Geisel Johan Gustafsson und seine Familie nach seiner Ankunft am Flughafen. Foto: Marcus Ericsson (Keystone)

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Es sollte das Abenteuer seines Lebens werden, eine Töfftour von ganz oben auf der Weltkarte bis nach ganz unten, von Schweden bis nach Südafrika. Im November 2011 erreichte Johan Gustafsson Timbuktu, die alte Karawanen-, Kultur- und Handelsstadt in Mali. Der Sehnsuchtsort wurde zur Endstation: Der Schwede wurde von der Terrasse seines Hotels, wo er gerade beim Abendessen sass, zusammen mit einem Südafrikaner und einem Holländer entführt. Ein deutscher Reisender, der den bewaffneten Kidnappern Widerstand leistete, wurde erschossen. Johan Gustafsson verschwand für fünfeinhalb in der Wüste.

Nun hat die Regierung in Stockholm mitgeteilt, der inzwischen 42-jährige Schwede sei befreit worden und nach Hause zurückgekehrt. Details wollte Aussenministerin Margot Wallström nicht bekannt geben: «Es geht ihm gut, aber er ist überwältigt von all dem, was passiert ist.»

Abenteurer Gustafsson war in die Fänge eines Al-Qaida-Ablegers geraten. Aqim, das Akronym von «al-Qaida im Maghreb», operiert im westlichen Teil der Sahara und ist dafür berüchtigt, Wüstentouristen zu entführen und dann Lösegeld zu verlangen für deren Freilassung. Das war allerdings bekannt, als Motorradfahrer Gustafsson zu seinem Trip aufbrach, er muss die Risiken gekannt haben.

Hat Hilfsorganisation mit Kidnappern verhandelt?

Die Aqim-Terroristen gehörten zu jener Jihadisten-Koalition, die 2012 den Norden Malis unter ihre Kontrolle brachte und in Timbuktu wütete, wo sie bedeutende Grabmäler und Manuskripte zerstörte. Erst die von französischen Truppen angeführte Militäroperation «Serval» beendete den Horror in der Oase.

Johan Gustafsson blieb jedoch verschwunden. Erst 2015 veröffentlichten die Aqim-Terroristen ein Video, das den Schweden zusammen mit seinem Leidensgenossen aus Südafrika zeigte. Die beiden sassen unter einem verdorrten Busch in der Wüste und baten ihre Regierungen, mit al-Qaida über ihre Freilassung zu verhandeln. Der ebenfalls gefangengehaltene Holländer war kurz zuvor bei einer Kommandoaktion französischer Spezialkräfte befreit worden. Was die Islamisten für das Leben von Gustafsson und seines Kollegen genau verlangten, ist unklar.

Aber es dürfte um Geld gegangen sein. Jedenfalls soll die südafrikanische Hilfsorganisation Gift of the Givers mit den Kidnappern verhandelt haben, wie die schwedische Boulevardzeitung «Aftonbladet» berichtet. Dabei habe man die Lösegeldsumme von umgerechnet 22 Millionen Franken auf knapp 9 Millionen heruntergehandelt – ein Betrag, den eine Durchschnittsfamilie nicht einfach so bezahlen kann. «Wir haben versucht, ihn während zweier Jahre freizubekommen, aber wenn man das Geld nicht hat, kann man ihn nicht freibekommen. Regierungen können indirekt mit Geiselnehmern verhandeln, aber ich weiss nicht, wie es in diesem Fall zugegangen ist», sagte Imtiaz Sooliman, der Gründer von Gift of the Givers, zu «Aftonbladet».

Der Terror geht weiter

Aussenministerin Margot Wallström wollte dazu keine Stellung nehmen. Sie sagte nur: «Es ist Schwedens Politik, im Fall von Entführungen kein Lösegeld zu zahlen.» Der international übliche Standardsatz in solchen Situationen. Der Erfolg sei das Resultat «mehrjähriger Anstrengungen» von Polizei, Politikern und Diplomaten. Der in der arabischen Welt bestens vernetzte katarische TV-Sender al-Jazeera ergänzte, die Behörden von Mali seien beteiligt gewesen. Gustafsson wurde in der Wüste von Mali freigelassen.

Verneint Lösegeldzahlung: Schwedens Aussenministerin Margot Wallström. Foto: Marcus Ericsson (Keystone)

Nach der Heimkehr mit einer Maschine der schwedischen Luftwaffe lehnte es Johan Gustafsson ab, mit den Medien zu sprechen. Aussenministerin Margot Wallström zeigte sich jedoch erleichtert. Ebenso ihr Vorgänger Carl Bildt, der mitteilte, die Entführung Gustafssons habe ihn stark beschäftigt während seiner Amtszeit, die 2014 endete.

Unterdessen terrorisieren Aqim und Anverwandte den Wüstenstaat Mali nach wie vor. Kürzlich attackierten sie ein bei Ausländern beliebtes Ferienhotel in der Hauptstadt Bamako, wobei mehrere Personen getötet wurden. Die Islamisten scheinen den Tourismus zu nutzen, für ihre Zwecke und in jeder Hinsicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2017, 14:31 Uhr

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