Zivilisten griffen Bartträger an

Ägyptens Regierung bleibt kompromisslos: Sie hat die Al-Fatah-Moschee räumen lassen, in der sich gegen tausend Mursi-Anhänger verbarrikadiert hatten. Die Truppen erhielten dabei kräftige Hilfe von Anwohnern.

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Trotz internationaler Bestürzung über die Gewalt in Ägypten bleibt die Übergangsregierung gegenüber den Muslimbrüdern kompromisslos. Es könne keine Aussöhnung mit denen geben, die «Blut an den Händen» oder gegen das Gesetz verstossen hätten, sagte Interims-Ministerpräsident Hasem al-Beblawi am Samstag in Kairo. Bei der Räumung einer Moschee und anderen Zusammenstössen wurden mehr als 170 Menschen getötet. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon verlangte sofortige Deeskalation.

Hunderte Islamisten – Anhänger des am 3. Juli entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi – hatten sich seit Freitagabend in der Al-Fatah-Moschee auf dem zentralen Ramses-Platz verschanzt. Das Gotteshaus diente ihnen auch als Leichenhalle – dutzende bei den Protesten am «Freitag des Zorns» getötete Demonstranten lagen aneinandergereiht auf dem Boden. Am Samstagnachmittag eskalierte die Lage. Von verschiedenen Seiten wurde scharf geschossen und über dem Vorplatz hing Tränengas.

Wütende Anwohner

Die ägyptische Nachrichtenagentur Mena meldete, Bewaffnete hätten vom Minarett aus das Feuer eröffnet. Danach begannen die Sicherheitskräfte, die Menschen einzeln aus dem Gotteshaus zu holen. Wenig später hiess es, das Gebäude sei vollkommen geräumt worden. Beim Verlassen der Moschee griffen wütende Anwohner die Islamisten an. «Das sind Terroristen», rief die aufgebrachte Menge. Auch in anderen Teilen Kairos griffen Zivilisten mutmassliche Islamisten an – oft nur, weil sie einen Bart trugen.

Wenige Tage vor der jüngsten Gewalteskalation in Ägypten standen die verfeindeten Lager einem Medienbericht zufolge offenbar kurz vor einem Friedensabkommen. Die international vermittelte Lösung hätte das neuerliche Blutvergiessen mit hunderten Toten möglicherweise vermeiden können. Der inzwischen zurückgetretene ägyptische Vize-Präsident Mohamed al-Baradei habe Militärchef Abel Fattah al-Sisi aber offenbar nicht dazu bewegen können, dem Friedensabkommen zuzustimmen

Verbot der Muslimbrüder?

Spekulationen über ein geplantes Verbot der Muslimbrüder setzte die Regierung kein Ende: Die Mitglieder der Organisation, der auch Mursi entspringt, könnten «als ägyptische Bürger» am politischen Prozess teilnehmen, sagte ein Berater von Übergangspräsident Adli Mansur. Eine Auflösung von Parteien sei zwar nicht vorgesehen. Die Regierung werde aber gegen all diejenigen rechtlich vorgehen, die zu Gewalt aufgerufen oder Gewalt eingesetzt hätten, sagte Mustafa Hegasi.

UNO-Generalsekretär Ban verurteilte in einer Erklärung vom Samstagabend den «exzessiven» Gewalteinsatz. Sowohl die politisch Verantwortlichen als auch die Menschen in den Strassen müssten sich äusserst zurückhalten und sofort auf Deeskalation umschalten. Der «von der Gewalt als Geisel genommene politische Prozess» müsse umgehend wiederbelebt werden.

Auch der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle forderte von der Regierung in Kairo eine Rückkehr zum Dialog. Westerwelle habe am Samstagnachmittag «in einem ernsten» Telefongespräch mit dem ägyptischen Aussenminister Nabil Fahmi ein besonnenes Vorgehen angemahnt, erklärte eine Sprecherin den Auswärtigen Amtes. Der britische Aussenminister William Hague verurteilte Angriffe auf Moscheen und Kirchen als «nicht hinnehmbar».

Bruder von Al-Qaida-Chef festgenommen

Einen dramatischen Höhepunkt hatten die Konfrontationen am Mittwoch erreicht, als zwei Protestcamps der Mursi-Anhänger in Kairo gewaltsam geräumt und dabei mindestens 578 Menschen getötet wurden. Seitdem hatte es brutale Strassenschlachten zwischen den Islamisten und Sicherheitskräften sowie mit Mursis Gegnern gegeben, die die Opferzahl seit Mittwoch auf über 750 hochschnellen liessen. Dem Aufruf der Islamisten zu täglichen Protesten als Reaktion auf die Gewalt waren am Samstag aber nur vereinzelte Anhänger gefolgt.

In Giseh, einem Vorort von Kairo, wurde nach offiziellen Angaben der Bruder von Al-Qaida-Chef Aiman al-Zawahiri festgenommen. Mohammed al-Zawahiri werde die Unterstützung Mursis vorgeworfen, sagten Behördenvertreter. (mw/AFP)

Erstellt: 18.08.2013, 06:24 Uhr

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