Zurück in die Hölle von Anbar

Wer die Terrormiliz IS besiegen will, muss die irakische Unruheprovinz Anbar zurückerobern. 1500 Amerikaner sollen nun neun irakische Brigaden dafür fit machen. Vor 7 Jahren hatte ein ähnlicher Plan Erfolg.

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Die Amerikaner kennen Anbar. Und das besser, als ihnen lieb ist. Hier in der irakischen Wüste stiessen sie auf den heftigsten Widerstand während der 8-jährigen Besetzung. Besonders schlechte Erinnerungen wecken Falluja und Ramadi, wo die US-Truppen in wochenlange Häuserkämpfe verwickelt wurden. Für die jungen amerikanischen Soldaten war es die Hölle. Allein in der Unruheprovinz starben 1300 von ihnen. Das ist fast jeder dritte der im Irak gefallenen US-Soldaten.

Nun also sind die Amerikaner wieder dort, wo sie nie mehr sein wollten. Anfang Woche ist eine Vorhut von 50 Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt al-Asad in der Provinz Anbar eingetroffen, wie das US-Verteidigungsministerium mitteilte. Das Detachement soll prüfen, ob die Basis geeignet wäre, um die irakische Armee zu trainieren. Bisher haben die Amerikaner ausschliesslich in Bagdad und in Arbil im kurdischen Norden die Streitkräfte unterstützt.

140'000 km² mit unzähligen Verstecken

Doch wer die Terroristen des Islamischen Staats (IS) besiegen will, muss nach Anbar. Nirgends sonst im Irak haben sie mehr Rückhalt. Anbar ist die einzige irakische Provinz mit sunnitischer Mehrheit. Entsprechend verhasst ist hier die schiitisch dominierte Zentralregierung in Bagdad. Auf ihrem Vormarsch wurden die IS-Kämpfer oft unterstützt von lokalen sunnitischen Milizen und alten Anhängern Saddam Husseins. Lange vor der Einnahme Mosuls und den Kämpfen um Kobane hat die Terrororganisation strategisch wichtige Punkte in Anbar erobert.

Anbar ist die grösste Provinz des Irak. Abgesehen vom Euphrattal ist es eine einzige grosse Wüste. Die 140'000 km² bieten unzählige Verstecke, wohin sich die Terroristen zurückziehen können, bevor sie erneut zuschlagen. Anbar stösst an Saudiarabien und Jordanien, vor allem aber an Syrien, wo sich der IS im Bürgerkrieg formieren konnte. Die etwa 400 Kilometer lange Grenze zwischen Anbar und Syrien existiert als solche nicht mehr. Immer schon porös, wird sie heute von den IS-Extremisten ignoriert, nicht nur draussen in der Wüste, auch auf der Autobahn zwischen der syrischen Grenze und Bagdad, der Nachschubroute des IS. Der wichtige Haditha-Staudamm liegt ebenso hier wie zahlreiche Militärbasen, die vom IS geplündert wurden. Mit den erbeuteten Waffen und Fahrzeugen können sie nun von Falluja und Ramadi aus die Hauptstadt bedrohen.

Zwei Monate Vorbereitung, sechs Monate Training

Die US-Militärs haben deshalb entschieden, in Anbar einen neuen Hub einzurichten, hier soll der Kampf gegen den IS geführt werden. Deshalb kündigte US-Präsident Barack Obama an, die Zahl der Militärberater im Irak zu verdoppeln. Allerdings sollen die Amerikaner nicht selber kämpfen, wie Washington regelmässig betont. Sie haben angeblich nur Waffen zur Selbstverteidigung bei sich.

Vielmehr soll die irakische Armee erneut aufgebaut werden – eine Aufgabe, die man vor dem Abzug 2011 als erfolgreich abgeschlossen bezeichnet hatte. Umso ernüchternder war, dass die Regierungstruppen den IS-Horden kaum Widerstand geleistet hatten. «Wir brauchen ungefähr zwei Monate für die Vorbereitung und sechs weitere für das eigentliche Training», teilte das Pentagon mit. Der Kongress muss dafür noch 5,6 Milliarden Dollar bewilligen.

Konkret geht es um neun irakische Brigaden mit je 2500 Soldaten, die die Stabschefs der US-Streitkräfte als «gut genug geführt, ausgerüstet und – am wichtigsten – als psychisch stabil» identifiziert haben. Dies machte der pensionierte US-General Robert H. Scales in einem Gastbeitrag für die «Washington Post» publik. Jede irakische Brigade soll von 150 Amerikanern trainiert werden, um eine Gegenoffensive führen zu können. Dazu kommen noch Funker und Sicherheitsleute. Damit kommt man auf die 1500 zusätzlichen Militärberater, die Obama zusätzlich entsenden will.

Deal mit den «Söhnen des Irak»

Dieses Vorgehen habe schon einmal zum Erfolg geführt, schreibt General Scales weiter. 2007 während des Guerillakriegs in der Provinz Anbar habe man in Bedrängnis den unentschlossenen irakischen Truppen US-Berater als Muntermacher zur Seite gestellt und so die Wende geschafft. «Daran haben sich nun jene Pentagon-Generäle erinnert, die als Oberste in Anbar dabei waren.» Von Scales nicht erwähnt wird allerdings, dass damals auch Zehntausende US-Soldaten mitkämpften.

Für den Erfolg von 2007 noch wichtiger war der Deal der US-Militärs mit den sunnitischen Stämmen. Die Besatzer bezahlten die «Söhne des Irak» in Anbar, damit sie ihre Wohnquartiere in Falluja oder Ramadi gegen al-Qaida verteidigten. Bis 2008 hatten die Amerikaner 103'000 Milizionäre unter Vertrag. «Sunniten, die einst Seite an Seite mit al-Qaida gegen uns gekämpft haben, kämpfen nun Seite an Seite mit uns gegen al-Qaida», sagte der damalige US-Präsident George W. Bush bei einem Truppenbesuch auf dem Luftwaffenstützpunkt al-Asad, also exakt dort, von wo aus 2015 der IS angegriffen werden soll.

Wie der Aufbau der irakischen Armee war aber auch die Partnerschaft mit den Sunniten nicht nachhaltig. Der irakische Premier Nouri al-Maliki, von Bush und zunächst auch von Obama protegiert, integrierte die sunnitischen Milizen nicht in Armee und Polizei. Im Gegenteil: Der Schiit Maliki begann, die Sunniten offen zu bekämpfen, nachdem die US-Truppen im Dezember 2011 das Land verlassen hatten. Und das war ganz im Sinne des IS.

Der strategische Fehler des IS

Ob es den USA und der irakischen Regierung nochmals gelingt, die Sunniten in Anbar auf ihre Seite zu ziehen, ist fraglich. US-Generalstabschef Martin Dempsey will es trotzdem versuchen. Die Führung in dieser Frage überlässt Washington diesmal aber Bagdad. «Die US-Truppen bewaffnen die Stämme in der Region nicht. Das ist Sache der irakischen Regierung und der irakischen Armee», versicherte das Pentagon.

Nicht ausgeschlossen ist jedoch, dass sich die sunnitischen Stämme von den sunnitischen Extremisten abwenden. Denn auch für sie hat sich ihre Provinz in eine Hölle verwandelt: Im vergangenen Monat haben die IS-Leute in Anbar Hunderte Stammesangehörige öffentlich hingerichtet. Vielleicht war dies der strategische Fehler, der die Wende bringt im Kampf gegen die IS-Fanatiker.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2014, 13:38 Uhr

Die Provinz Anbar mit den vom IS kontrollierten Gebieten. (13. November 2014) (Bild: TA)

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