Zurück in die Trümmer

400'000 Menschen sind in Gaza vor den Kämpfen aus ihren Häusern geflohen. Trotz Waffenruhe kehren nun nur wenige heim. Die einen trauen der Ruhe nicht, andere haben ihr Haus verloren.

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Iman al-Ksaslot kann sich noch genau an das Flugblatt erinnern, das sie vor 26 Tagen dazu veranlasste, schnell nur ihre wichtigsten Sachen zu packen und mit den drei Kindern aus ihrem Haus in Beit Lahia zu fliehen: «Die Kämpfe in Gaza hatten schon begonnen, dann warnte uns die Armee. Wir wollten nichts ris­kieren und kamen hierher», sagt sie in einem Telefongespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Seither wohnt die 26 Jah­re alte Hausfrau in einem Klassenzimmer im ersten Stock der UNO-Schule in Rimal, einem wohlhabenden Teil der Stadt Gaza. Iman teilt sich den Raum mit den Familien ihrer drei Schwäger.

Lohn fürs Nichtstun

Vier Wochen lang schliefen hier 28 Personen auf dünnen Matratzen auf dem Boden, wo die Frauen auch die Mahlzeiten zubereiteten. Waschen konnte man sich nur notdürftig in den Schultoiletten. Trotz all dieser Unbequemlichkeit bleibt sie vorerst lieber hier: «Ich traue dieser Waffenruhe nicht», sagt Iman. Schon sechsmal wurden im vergangenen Monat Kampfpausen unterbrochen. Ohnehin will sie nie wieder zurück in ihr Haus: «Jedes Mal, wenn es Krieg gibt, dann ist Nord-Gaza als Erstes betroffen. Bei jedem Krieg wieder Flüchtling zu werden – das ist doch kein Leben», meint Iman. Wenn alles vorbei ist, will sie mit ihrem Mann deswegen eine Wohnung in Gaza-Stadt mieten, auch wenn es dort teurer ist und sie sich mit weniger Platz begnügen müssen: «Wir werden halt sparen», sagt sie.

Dabei gehören die Ksaslots noch zu denen, die sich glücklich schätzen dürfen. Imans Ehemann hat ein reguläres Einkommen. Er ist Angestellter in einem Ministerium der Palästinensischen Autonomiebehörde. Regelmässig erhält er aus Ramallah Geld dafür, dass er nicht zur Arbeit geht – um zu verhindern, dass er zur Hamas überläuft. Die Wohnung in Beit Lahia soll den Krieg fast unbeschadet überstanden haben. Iman besuchte sie bei der letzten Waffenruhe: «Zwei Zimmer waren beschädigt, die restlichen aber in Ordnung.» Wie es jetzt dort aussieht, weiss sie nicht.

Nada Salman kann von solchen Zuständen nur träumen. Entsetzt starrt sie auf das Chaos in ihrer kleinen Wohnung in Beit Lahia. Auch sie verliess ihr Haus zu Beginn der Kämpfe: «Überall wurde schon geschossen», erzählt sie. Also drängte sie sich mit Ehemann, acht Kindern, zwei Schwiegertöchtern und den Enkeln in einen Krankenwagen, um aus der Kampfzone zu fliehen. Zuerst wohnte sie bei Verwandten in einem anderen Stadtteil, doch auch hier wurde es gefährlich. Seither wohnte sie in einer Schule der UNO. Doch da hielt sie es nicht mehr aus: «Es ist schmutzig, Menschen leben zu dicht beieinander und stecken sich gegenseitig mit Krankheiten an», sagt sie. Ausserdem wollte sie wissen, was mit ihrer Wohnung ist.

Wut nur auf Israel

Als der Waffenstillstand begann, packte sie die wenigen Sachen, die sie noch besitzt, und kehrte heim. Zumindest fuhr sie zu den Trümmern, die einst ihr Heim waren. Viel ist nicht übrig geblieben. ­Küche und Bad sind zerstört, die Wände verrusst, die Wohnung unbewohnbar. Nada weiss nicht, wie es weitergehen soll: «Keines meiner Kinder hat einen Job. Mein Mann arbeitete früher in Israel, aber er ist jetzt Rentner. Wir haben keine Versicherung, kein Geld, um unser Haus wieder aufzubauen.»

Die Familie lebt von Nahrungsmitteln, die sie vom Flüchtlingshilfswerk ­erhält. Manchmal arbeitet Nada als Putzfrau. Das reicht nicht, um ihr Haus in­stand zu setzen. Deswegen hofft sie auf Spenden aus dem Ausland: aus Katar oder vielleicht der Türkei. In den Westen setzt sie keine Hoffnungen: «Die USA unterstützen doch nur Israel und helfen, unser Leben zu zerstören», sagt sie.

Die Wut beider Frauen richtet sich ­gegen Israel. Die Hamas trage keine Schuld, davon sind sie überzeugt. «Israel hat diesen Krieg begonnen, als es die Hamas beschuldigte, drei Siedler entführt und getötet zu haben. Dabei hatte sie nichts damit zu tun», sagt Nada. Von den Hunderten Raketen, welche die Islamisten auf israelische Städte abgefeuert haben, wollen sie nichts wissen. Ausserdem würden die ja ohnehin niemand töten, warum also die ganze Aufregung? Die Aktionen der Hamas werden nie als Angriff interpretiert, auch die Selbstmordattentate, die früher dazu geführt hatten, dass die Grenze mit Israel geschlossen wurde und Nadas Ehemann seine Arbeit verlor. Und in diesem Krieg hätten die Islamisten niemanden als Schutzschilde missbraucht: «Die Israelis lügen doch nur. Ich habe keine einzige Rakete gesehen, die von hier aus abgefeuert wurde. Das war ein Vorwand, um unsere Häuser zu zerstören, unsere Kinder im Schlaf zu töten», sagt Nada. Aus ihrer Sicht war es nicht der Beschuss israelischer Städte aus Gaza, der Jerusalem zu Vergeltung veranlasste: «Die Hamas hat uns nur verteidigt. Hätte sie das nicht getan, hätte Israel uns alle getötet», meint sie.

Von den Arsenalen, die laut Berichten der Vereinten Nationen in UNO-Schulen entdeckt wurden, oder dem Angriffstunnel, den die Hamas aus einer Klinik der UNO nach Israel grub, haben beide nichts gehört: «Wenn das stimmen sollte, dann war es falsch, so zu handeln. Aber ich glaube es nicht», sagt Iman.

Hamas-Verbot für die Söhne

Wie viele Menschen in Gaza sehen beide Frauen die Hamas als Sieger dieses Waffengangs: «Sie hat diesen Krieg gewonnen, weil es der Hamas gelungen ist, Israels Städte zu beschiessen und das zu überleben», sagt Nada. Laut konservativen Schätzungen schossen die Islamisten mehr als 13'000 Raketen auf israelische Städte. Das Tunnelsystem, das israelische Truppen jetzt teilweise zerstört haben, soll Hunderte Millionen US-Dollar gekostet haben.

Dennoch glaubt Nada, dass das eine gute Investition war: «Natürlich ist es wichtig, in Gazas Wirtschaft zu investieren, aber es ist mindestens genauso wichtig, Raketen zu bauen. Sonst würden die Israelis uns das ganze Land stehlen. Nur die Hamas kann es verteidigen.» Iman hingegen sieht das kritischer: «Wenn es nur Hamas-Gelder waren, ist das ihr Recht, es für Waffen auszugeben. Aber nicht unsere Steuern. Die Lage hier ist schlecht, selbst Universitätsabsolventen finden keine Arbeit. Die Hamas sollte mehr in Arbeitsplätze investieren», meint die junge Frau.

Beide Mütter sehen die Hamas-Kämpfer als «Helden». Doch trotz allem Patriotismus ist ihre Begeisterung für die Islamisten begrenzt. Ihren Söhnen würden sie verbieten, der Organisation beizutreten, besonders wenn es um deren bewaffneten Arm geht, die Qassam-Brigaden, die gegen Israel kämpften. «Ich wünsche mir eine bessere Zukunft für mein Kind», sagt Iman. Auch wenn eines Tages in den besetzten Gebieten Wahlen abgehalten würden, können die Islamisten trotz ihres Sieges nicht mit den Stimmen dieser Frauen rechnen: «Ich würde niemanden wählen. Die kümmern sich doch alle nur um sich selbst und nicht um unser Volk», meint Nada. Und auch die Worte über den vermeintlichen Sieg der Hamas relativieren sich, wenn man die Frauen fragt, ob der Krieg 1800 Tote in Gaza wert war: «Was kann schon so viele Menschenleben wert sein?», fragt Iman resigniert. Sie ist mit derselben Führung, die sie eben noch als heldenhaft bezeichnet hat, unzufrieden: «Wenn es Massenproteste gegen die Hamas gäbe, schlösse ich mich an. Aber anfangen werde ich so etwas nicht. Die würden mich doch nur verhaften.»

Beide Frauen hoffen darauf, dass der Waffenstillstand hält, bleiben allerdings skeptisch: «Die Israelis wollen keinen echten Frieden», sagt Iman. Mohammed habe prophezeit, «dass wir um dieses Land kämpfen müssen bis ans Ende unserer Tage», meint die junge Frau. Und auch Nada «weiss nicht, ob Frieden mit Israel möglich ist. Aber es wäre schön. Vielleicht könnten mein Mann und meine Söhne dort ja wieder zur Arbeit gehen. Es gibt ja auch Israelis, die Frieden wollen.»

Vorerst muss sie jedoch einer ungewissen Zukunft ins Gesicht blicken: «Ich weiss nicht, wo wir jetzt hinsollen. Wahrscheinlich müssen wir zurück in die UNO-Schule.» Dort bleibt ihr nur die Sehnsucht nach ihrem alten Leben: «Ich vermisse mein Bett, meine Dusche. Die Augenblicke, in denen die ganze Familie einfach nur im Wohnzimmer sitzen und miteinander reden konnte. Ich weiss nicht, ob das je wiederkehren kann», sagt sie und geht davon.

Erstellt: 06.08.2014, 06:53 Uhr

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