Zweite Befreiung

Der frisch gewählte Parteichef Cyril Ramaphosa muss den ANC moralisch erneuern und die Korruption in Südafrika stoppen. Falls das jemand kann, dann er.

Kurzer Höheflug oder langer Aufschwung? Anhänger des ANC in Pretoria. Foto: Siphiwe Sibeko (Reuters)

Kurzer Höheflug oder langer Aufschwung? Anhänger des ANC in Pretoria. Foto: Siphiwe Sibeko (Reuters)

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Es gibt nicht wenige Südafrikaner, die den Tag mit einem Blick auf die Wechselkurse beginnen. Kaum ein anderes Volk verfolgt die Devisenmärkte derart obsessiv. Nimmt man also die Landeswährung als Indikator, war die Wahl von Cyril Ramaphosa zum neuen Präsidenten des African National Congress (ANC) gut für Südafrika. Der Rand ist gegenüber dem Dollar so stark wie lange nicht. Die Frage ist, ob es ein kurzer Höhenflug ist oder der Beginn eines lang anhaltenden Aufschwungs.

Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Apartheid steht Cyril Ramaphosa vor der monströsen Aufgabe, den von Korruption zerfressenen ANC vor sich selbst zu bewahren und den Traum der Regenbogen­nation – das Erbe Nelson Mandelas – zu retten. Mandela wollte Ramaphosa schon damals als Nachfolger haben, konnte sich aber in der eigenen Partei nicht durchsetzen. Es folgten zwei weitgehend verlorene Jahrzehnte.

Erst führte Technokrat Thabo Mbeki den ANC, ein entrückter Besserwisser, der die kostenlose Vergabe von Aids-Medikamenten einschränkte und damit Tausende in den Tod trieb. Danach kam Jacob Zuma, der gewählt wurde, obwohl er einer Vergewaltigung und vieler Korruptionsfälle verdächtigt wurde. Zuma schuf sich seine eigene Regenbogennation: Seine korrupten Freunde sind schwarz, weiss oder indischer Abstammung. Er führte das Land in einen moralischen und wirtschaftlichen Bankrott und schaltete fast alle Institutionen aus, die ihm gefährlich wurden: Justiz, Polizei und Steuer­behörden. Überall sitzen seine Günstlinge. Nimmt man den Rand als Indikator, verlor das Land während seiner Amtszeit die Hälfte seines Wertes.

Zu oft geschwiegen

Nun soll es Ramaphosa richten. Es gibt derzeit zumindest im ANC keinen anderen, der dafür besser geeignet wäre. Ramaphosa war einer derer, die mit dem weissen Regime das Ende der Apartheid verhandelt haben. Nun muss er die einstige Befreiungsbewegung moralisch erneuern. Es mag ihm wirklich ernst damit sein. Ob es gelingt? Der ANC ist ja nicht über Nacht eine andere Partei geworden. Die Delegierten, die ihm die Stimme gaben, wählten gleich­zeitig Leute zum Stellvertreter oder Generalsekretär, die zum Übelsten gehören, was der ANC zu bieten hat. Sie werden mit Korruption in Verbindung gebracht, einer soll eine Art Privatarmee unterhalten.

Mehr als 100 ANC-Mitglieder wurden ermordet, weil sie gegen Korruption gekämpft haben oder derart korrupt waren, dass sie nichts abgeben wollten. Ramaphosa steht für die Aufrechten im ANC. Von denen gibt es noch einige, sie haben zuletzt zu oft geschwiegen. Zu viele von ihnen sind auch jetzt bereit, dem Verbrecher Zuma zu verzeihen. Es ist der alte Geist der Bewegung: Man denunziert die eigenen Leute nicht.

Wirklich frei wären die Südafrikaner, wenn sie nicht abhängig wären vom ANC.

Wenn ein Schwarzer in Südafrika erfolgreich ist, stehe er automatisch unter Korruptionsverdacht, so hat es Jacob Zuma beklagt. Niemand hat zu diesem Bild mehr beigetragen, als er selbst. Der ANC hat seit dem Ende der Apartheid die Infrastruktur erneuert und etwa vier Millionen Häuser gebaut, er hat die Zahl der Schwarzen an den Universitäten vervielfacht und den Ärmsten staatliche Hilfe verschafft. Unter Zuma aber hat der ANC nur noch an sich selbst gedacht und sich den Staat zur Beute gemacht.

Bei vielen Weissen herrscht eine zynische Haltung: Die können es nicht besser. Dabei ist das weisse Südafrika nicht unbedingt weniger korrupt; vor allem sitzt es weiter auf unermesslichen Reichtümern, die durch Unterdrückung erworben wurden.

Es geht aber nicht nur ums Verteilen, sondern darum, das Land zu erneuern, Jobs zu schaffen, fair zu sein. Wer schwarz ist und auf dem Land wohnt, kann bisher nur hoffen, durch den ANC eine Stelle beim Staat zu bekommen. Wirklich frei wären die Südafrikaner, wenn sie nicht abhängig wären vom ANC. Ob die Partei diesen zweiten Befreiungskampf will, werden die nächsten Jahre zeigen. Mit Cyril Ramaphosa hat der ANC zumindest gute Chancen, die Wahl 2019 zu gewinnen. Das wäre gut für den ANC und kann auch gut für Südafrika sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2017, 18:36 Uhr

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