Äthiopiens Riesendamm entsetzt Ägypten

Wem gehört der Nil? Auch uns, findet Äthiopien und baut eine gigantische Talsperre. Ägypten fürchtet wegen des Jahrhundertprojekts Wasserknappheit.

Ein gigantisches Bauwerk: Der Staudamm ist total 1870 Meter lang und 145 Meter hoch. Dereinst sollen hier 16 Turbinen Strom erzeugen. Foto: Fausto Podavini (Keystone)

Ein gigantisches Bauwerk: Der Staudamm ist total 1870 Meter lang und 145 Meter hoch. Dereinst sollen hier 16 Turbinen Strom erzeugen. Foto: Fausto Podavini (Keystone)

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Ein Krokodil liegt gerade unten im ­Flussbett des Blauen Nils und scheint den Damm anzugähnen, der sich ein paar Hundert Meter entfernt auftürmt, 1870Meter lang und 145Meter hoch. Bald wollen die Äthiopier damit beginnen, die Schotten zu schliessen und einen riesigen See anzustauen, dreimal so gross wie der Bodensee. In drei Jahren, 2022, soll der Damm voll in Betrieb sein, mit fünfjähriger Verspätung. Geplant ist, dass ab Dezember 2020 zwei Turbinen den ersten Strom produzieren.

«Durch den Damm lassen wir ein Jahrhundert des Misstrauens am Nil hinter uns», sagt Simegnew Bekele auf einer Baustellenführung. Es ist März 2017. Bekele steht mit einem Helm auf dem Kopf vor dem grossen Damm, von hinten bläst der Wind den Sand aus dem Sudan herüber, von vorne beleuchten Dutzende riesiger Masten die grosse Baustelle, unter ihm fliegen Funken, werden Vorrichtungen für die Turbinen verschweisst. Es ist laut und heiss und staubig – und doch eine ganz besondere Stimmung, so, als ob jeden Tag Richtfest wäre hier draussen im Nichts. Eine junge Schweisserin hebt den Helm und lächelt, Chefingenieur Bekele schaut über das Tal zu seinen Füssen.

Ein unheimlich grosses Projekt. Foto: Reuters

«Der vielleicht grösste Gewinn ist, dass der Damm das ganze Land zusammenführt», sagt der Chefingenieur. In Äthiopien ist er ein kleiner Nationalheld, weil er auch schon die kleineren Staudämme gebaut hat, die das Land bisher mit Strom versorgen. Aus Sicht der Äthiopier ist der Damm natürlich für alle gut. «Wir werden die Energiequelle für ganz Afrika», sagt Ingenieur Bekele. 6000 Megawatt soll das Kraftwerk am Damm einmal liefern, so viel wie etwa fünf Atomkraftwerke. Energie für einen Kontinent, dessen Entwicklung auch deshalb nicht so richtig in Schwung kommt, weil der Strom zu oft weg ist. Davon würden auch die Nachbarn profitieren, sagt Bekele, die Leitungen in den Sudan seien bereits gelegt.

Laufen erst mal alle 16 Turbinen, werden sie viel mehr Strom produzieren, als das Land verbraucht. Bis nach Spanien und in die Türkei will Äthiopien den Strom exportieren, aus dem einst bitterarmen Land, durch das der grosse Blaue Nil bisher einfach nur hindurchfliesst, ohne irgendeinen Nutzen.

«Mutter der Erde» heisst das Land

Die Nachbarn im Sudan und in Ägypten teilten sich das Wasser des Flusses bisher auf, von dem Äthiopien nichts hat. Sie bewässern ihre Mais- und Melonenfelder und tränken ihre Kühe – noch.

Umm al-Duniya nennen die Ägypter ihr Land, Mutter der Erde. Sie sind ­überzeugt, dass der Strom ihnen gehört, den rund 100 Millionen Ägyptern. Und so gibt es in Ägypten auch alte ­Lieder, die den Fluss besingen. Sie handeln vom Blut der Ägypter, mit dem sie jeden Tropfen ersetzen, um den der Nil zurückgeht.

Es gibt unter Forschern einen erbitterten Streit darüber, welcher der längste Fluss der Welt ist, der Amazonas oder der Nil. Der Nil speist sich aus zwei Quellen, der des Blauen Nils und der des Weissen Nils. Der Weisse ist der längere Nil und entspringt im Lake Victoria in Uganda. Der Blaue Nil entspringt im See Tana im Äthiopischen Hochland, er ist kürzer, bringt aber wesentlich mehr Wasser mit, wenn die beiden Flüsse in Khartum zusammenkommen. Blau ist er nicht, eher braun, weil seine Fluten viele Sedimente mit sich spülen.

Wasserknappheit bereits ein Problem in Ägypten

Unstrittig ist, dass kein Fluss auf der Welt so wichtig ist wie der Nil für so viele Menschen: Elf Länder und sechs Prozent der Weltbevölkerung liegen in seinem Einzugsbereich. Ägypten sah sich seit Jahrhunderten als eine Art oberster Wasserwärter des Nils, als grosse Zivilisation, der es zustand, über das Wohl des Flusses zu wachen. Und ihn auszubeuten. Ägypten zweigt sehr viel Wasser ab für seine rasant wachsende Bevölkerung. Um gut zwei Millionen Menschen nimmt sie jedes Jahr zu.

Schon jetzt leidet Ägypten unter Wasserknappheit. Laut den Vereinten Nationen beginnt sie, wenn pro Kopf und Jahr weniger als 1000 Kubikmeter zur Verfügung stehen. In Ägypten sind es jetzt noch knapp 570 Kubikmeter. Im Jahr 2025, sagen Prognosen, reiche das Wasser nicht mehr für die dann 115 Millionen Ägypter. Und was, wenn Äthiopien schon davor den Hahn abdreht, um seinen Damm zu füllen?

Am Ende des 19. Jahrhunderts hat Ägypten bereits einmal einen blutigen Krieg angefangen gegen Äthiopien, als man in Kairo das Gefühl hatte, der Rivale im Süden wolle den Nil ganz für sich. Es war ein Kampf, der sich nun wiederholen könnte. Als Äthiopien 2011 den Bau beschloss, dachte die Regierung in Kairo laut über Luftangriffe nach. Der jetzige Präsident Abdel Fattah al-Sisi sagt zwar, dass man keinen Krieg wolle mit den Nachbarn, er sagt aber auch, dass man sich «alle Optionen offenhalten» werde. Die Frage ist für Ägypten so existenziell, dass Präsident, Geheimdienst und Armee involviert sind. Aber auch Äthiopiens neuer Ministerpräsident Abiy Ahmed droht. Wenn sich keine Lösung finden lasse, werde man notfalls in den Krieg ziehen, sagt er.

Bauarbeiten am Grand Ethiopian Renaissance-Damm. Foto: Bernd Dörries

Seit Jahren sitzen Ägypten, der Sudan und Äthiopien in regelmässigen Abständen zusammen, um darüber zu sprechen, wer wie viel vom Nilwasser bekommt und wie viel Zeit man den Äthiopiern zubilligt, das Wasser zu ­stauen. Fortschritte? Gibt es bis heute keinen einzigen greifbaren.

Mal wird gedroht, mal wieder verhandelt. Die Parteien haben bislang keinen Mechanismus gefunden, wann Äthiopien wie viel Wasser durch den Damm lassen muss und wie viel während des Aufstauens, wie viel in einem trockenen Jahr und wie viel in einem mit viel Regen.

Zwischendurch hatten sie die Idee, eine Studie in Auftrag zu geben. Unabhängige Ingenieure sollten Daten sammeln in den drei Ländern und dann eine Simulation erarbeiten, die die Grund­lage eines Vertrags werden sollte. Jahre wurde darüber gestritten, was überhaupt untersucht werden soll. Dann ging es ewig darum, wer die Studie anfertigt. Schliesslich wurde ein französisches Ingenieurbüro damit beauftragt, das wiederum eine Studie vor der Studie machen musste, in der es darum ging, wie man die eigentliche Studie macht. Auch dieser Streit ist noch immer nicht beigelegt.

Moskau und Washington involviert

Stattdessen eskalierten im Oktober die Spannungen erneut. Ägypten drohte zum zweiten Mal mit dem vielsagenden Satz, man halte sich «alle Optionen offen». In ägyptischen Zeitungen hiess es, Ägypten müsse notfalls Krieg führen gegen Äthiopien, so wie gegen Israel im Jom-Kippur-Krieg 1973. Der Kreml bot sich als Vermittler an, Ägyptens Staatschef und Äthiopiens Ministerpräsident trafen sich in Sotschi am Rande eines von Wladimir Putin ausgerichteten Russland-Afrika-Gipfels.

Kurz darauf hat sich auch das Weisse Haus in den Disput eingemischt und einen Schlichtungsversuch unternommen. Bis zum 15. Januar sollen die Wasser- und Aussenminister nun eine einvernehmliche Regelung aushandeln, bei strittigen Punkten sollen Washington und die Weltbank vermitteln.

Der Konflikt ist ein Beleg dafür, dass die Ressource Wasser immer umkämpfter wird. Die neuen Kriege, sie werden womöglich nicht mehr um Öl oder Gold geführt, sondern auch um das, was bei uns einfach immer aus dem Hahn kommt. In Afrika ist Wasser alles. Es ist in vielen Regionen am Morgen der erste Gedanke und der letzte am Abend. Und ein Quell des Streits. Der Liter, den der Nachbar gerade mit seinem Kamel­lederbeutel oder seiner Pumpe aus dem Fluss geholt hat, könnte dem anderen fehlen am nächsten Tag. Wasser schafft Leben, aber auch Misstrauen, wenn es nicht reicht. So geht das am Nil seit über einem Jahrhundert.

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Und das will Äthiopien nun endlich ändern. «Grand Ethiopian Renaissance Dam» heisst das Projekt, das der äthiopischen Nation zum Wiederaufstieg verhelfen soll. Jahrzehntelang war das Land vor allem durch seine Bilder von Hungerbäuchen bekannt – nicht für die jahrtausendealte Kultur, die monumentale Natur, die Regenwälder und Salzwüsten. Seit vielen Jahren aber wächst die Wirtschaft mit teils zweistelligen Raten, durch Addis Abeba fährt ein Tram, in den Vororten werden modernste Handys zusammengebaut. Der Damm ist gleichzeitig ein Denkmal des neuen Äthiopiens, das die Welt nicht mehr übersehen kann.

Fast der ganzen Welt war der Bau aber zu heikel, selbst den Chinesen, die sonst überall in Afrika zur Stelle sind, wenn es eine Eisenbahn oder etwas Grosses zu bauen gilt. Und so bauten ihn die Äthiopier erst einmal mit ihrem eigenen Geld. In fast jeder Wohnung, in fast jedem Geschäft hängt eine gerahmte Anleihe mit dem Namen des Geld­gebers und der Summe. Sehr viele Äthiopier waren nicht gerade begeistert von der damaligen autoritären Regierung, die den Bau auf den Weg brachte. Für den Damm gezahlt haben dennoch alle, die irgendwie konnten. Vier Milliarden Dollar sind so zusammengekommen.

Um Strom zu produzieren, muss der Stausee aber erst einmal gefüllt werden, was 3 bis 20 Jahre dauern kann, je nachdem, welchen Wissenschaftler man fragt. Äthiopien möchte den See hinter dem Damm möglichst schnell füllen, um rasch an den Profit der Stromerzeugung zu kommen. Ägypten möchte das Aufstauen möglichst lange hinauszögern, damit jedes Jahr möglichst viel Wasser durch die Schleusen kommt.

Fragt man Chefingenieur Simegnew Bekele, wie lange die Flutung denn wohl dauern werde, sagt er: «Es gibt ein progressives Aufstauen.» Was heisst das? «Es ist selbsterklärend.» Man kann nun lange nach Zahlen bohren. Der Chef­ingenieur aber macht ein Gesicht, das keine weiteren Fragen zulässt. Er mag nicht mit Journalisten über das heikle Thema reden, was der Damm für die Nachbarn bedeutet. Lieber zitiert er aus Reden des Ministerpräsidenten.

Dann steht er auf, geht in den Bau der Kantine, wo es an diesem Tag wie an all den anderen frittierte Auberginen und Artischocken gibt am Vorspeisenbuffet. Serviert werden anschliessend Kalbsschnitzel und Spaghetti. Äthiopien ist das einzige Land in Subsahara-Afrika, das nie kolonialisiert wurde, so erzählen es Äthiopier jedem Fremden nach etwa zehn Minuten. Die Italiener haben es lange versucht und sind immer wieder böse verdroschen worden, bis es den Truppen Mussolinis dann doch gelang, das Land für ein paar Jahre einigermassen unter Kontrolle zu bekommen. Als Italien den Zweiten Weltkrieg verlor, verlor es auch Äthiopien.

Einen Groll hat diese Zeit in Äthiopien nicht hinterlassen. Eine italienische Firma hat den Auftrag erhalten, die Hälfte des Staudamms zu bauen, der rund 700 Kilometer westlich von der Hauptstadt Addis Abeba liegt. Deshalb gibt es nun in den Kantinen der Baustelle italienisches Essen und auf dem Hügel der Umgebung eine kleine Siedlung für die Vorarbeiter aus Europa, mit einem Pool, an dem es abends wilde Feste geben soll, mit Pizza und Rotwein und schönen Frauen. So raunen es die einfachen Arbeiter. Schaut man dort vorbei, liegt der Pool brach. Und auch sonst ist es ziemlich still.

Der Tod des Chefingenieurs

Die andere Hälfte des Auftrags für den Damm haben die Äthiopier an das eigene Militär vergeben. Es ist der chinesische Ansatz, die eigene Industrie gross zu machen, nur Joint Ventures zuzulassen und so ein bisschen Know-how abzustauben. Die Firma des Militärs wird von den äthiopischen Arbeitern, die abends vor ihrer Hütte ein Bier trinken, für die Verzögerungen des Baus verantwortlich gemacht. Immer wieder musste die Fertigstellung verschoben werden. Die Gesamtanlage sollte ursprünglich 2017 in Betrieb gehen.

«Wenn das so weitergeht, werden wir in drei Jahrzehnten nicht fertig», sagte Äthiopiens neuer Ministerpräsident Abiy Ahmed im Juli 2018, es klang ziemlich ungehalten. Wenige Tage später fand man Chefingenieur Bekele tot in seinem Auto, eine Pistole neben ihm, er habe sich erschossen, sagte die Polizei, und womöglich das Gefühl gehabt, nie zu Ende zu kommen mit dieser Talsperre, die er wollte wie kein anderer. Millionen Äthiopier trauerten, es kam zu gewalttätigen Demonstrationen, sein Tod müsse gesühnt werden, forderten die Protestierer. Premierminister Abiy Ahmed, gerade erst ins Amt gewählt, reagierte umgehend und feuerte die korrupte Firma des Militärs. Nun sollen doch Firmen aus Europa und China den Damm voranbringen, und das so schnell wie möglich.

Der Nasser-See beschert Ägypten bis zu drei Ernten pro Jahr.

«Ich freue mich auf den Damm, wenn er endlich fertig wird», sagt Khawad A. Amin viele Hundert Kilometer stromabwärts. Er könne ein Lied singen von den Launen des Nils, der nur ein paar Meter von ihm entfernt vorbeifliesst. «Seit sechs Jahren spielt der Fluss verrückt, es gibt kein Normal mehr.» Entweder sei es zu wenig Wasser, das den Fluss herunterkommt, oder zu viel. Beides sei schlecht für die Ernte. Amin steht auf seinem Feld am Rande der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Vor ihm buddeln ein paar Leute ein tiefes Loch in die Erde. Sie graben dem Grundwasser hinterher, das immer weiter absinkt in den trockenen Monaten.

Fluten lösen diese trockenen Monate dann ab. «Es war zu viel Wasser, alle Pflanzen sind abgestorben», sagt der Bauer. Rucola baut er an, einen Monat braucht der bis zur Ernte, wenn alles gut läuft. Es lief aber wenig gut in den letzten Jahren. «Ich freue mich auf den Damm», sagt der Bauer dann noch einmal. Alles werde mit ihm vorhersehbarer, es werde dann, hofft er, immer gleich viel Wasser geben, das ganze Jahr über.

Das ist auch das ganz grosse Argument der Äthiopier, mit dem sie ihre Nachbarn umzustimmen versuchen: gleich viel Wasser, das ganze Jahr.

Nilpegel variiert um acht Meter

Ebbe und Flut, das kennen die meisten nur von den Gezeiten des Meeres. Der Nil schwankt aber fast noch extremer. Bis zu acht Meter variiert der Pegel hier in Khartum, je nach Jahreszeit. Fast 85 Prozent des Wassers kommen in den drei Regenmonaten von Ende Juni bis September, den Rest des Jahres kommt nicht sonderlich viel.

Obwohl der Nil – auf dem Papier – immer gleich viel Wasser führt. 1959 hatten Ägypten und der Sudan ein Abkommen geschlossen. Demnach sind es genau 84 Milliarden Kubikmeter im Jahr, gemessen am Assuan-Staudamm in Ägypten. Damit die Nachbarn sich nicht streiten, wurde damals festgelegt, wer wie viel bekommt vom Nilwasser. 18,5 Milliarden Kubikmeter gehen an den Sudan, 55,5 Milliarden Kubikmeter an Ägypten, und 10 Milliarden verdunsten und versickern. Eine ähnliche Vereinbarung hatten schon die britischen Kolonialherren 1929 geschlossen. Und Äthiopien? Bekommt nichts.

«Die Zahlen sind eine reine Schätzung, mit der Wirklichkeit haben sie ­wenig zu tun», sagt Ahmed el-Tayeb in seinem riesigen Büro. Tayeb ist Direktor des Nationalen Wasserforschungszentrums im Sudan. Es gibt nur wenige Jahre, von denen er nicht die Pegel­stände kennt. 1984 zum Beispiel, sagt er und seufzt, sei ein sehr schwieriges Jahr gewesen, nur 30 Milliarden Kubikmeter flossen durch den Sudan, die ­Ernte fiel aus.

In der Dürre verdorrten die Felder, während der Flut mussten die Schleusen der Wasserkraftwerke geöffnet werden, weil sie sonst gebrochen wären. «Für uns hat der Damm viele Vorteile. Wir haben nun jemanden, der uns die Wassermassen der Regenmonate aufstaut und auf zwölf Monate verteilt», sagt Tayeb. Das sei gut für die Landwirtschaft und gut für die Stromproduktion. Allein die sudanesischen Kraftwerke würden durch den gleichmässigen Zustrom von Wasser etwa 20 Prozent mehr Strom generieren. «Das funktioniert aber nur, wenn wir zusammenarbeiten», sagt der Wasserforscher. Er sitzt in der Verhandlungsgruppe der drei Anrainer, die seit fünf Jahren immer wieder tagt – und streitet.

Eine Touristenattraktion

Die Ägypter haben diese Probleme schon lange nicht mehr. Schon die Briten errichteten 1898 aus Granitblöcken eine Staumauer, um die Fluten des Nils zu zähmen. Vier Jahre später gingen die Schleusen des Staudamms südlich von Assuan in Betrieb. Heute kann man von hier aus mit einem Boot die Katarakte bis nach Assuan herunterfahren. Die Stromschnellen haben ihren ­Schrecken längst verloren, sind zur ­Attraktion für Touristen geworden. Es gibt ein buntes nubisches Dorf, man kann hier sogar im Nil schwimmen oder sich auf einem Lastwagenschlauch ­zwischen den Felsen im Fluss hindurch­treiben lassen.

Doch der See hinter dem Damm war damals viel zu klein, um schwere Dürren auszugleichen oder grössere Fluten abzufangen. Das Wasser reichte auch nicht, um die Felder wie geplant ganzjährig durch Kanäle zu bewässern. So liess Staatspräsident Gamal Abdel ­Nasser 1960 den berühmten Assuan-Staudamm errichten – dessen Bau er ­finanzierte, indem er den Suez-Kanal verstaatlichen liess.

Hinter dem Hochdamm staut sich blau das Wasser bis weit in den Sudan hinein, auf einer Fläche, zehnmal so gross wie der Bodensee. Der Nasser-See speichert mehr als doppelt so viel Nilwasser, wie es der neue See in Äthiopien je tun wird. Er hat Ägypten vor Fluten bewahrt und vor Dürren. Er beschert dem Land bis zu drei Ernten pro Jahr.

Ägypten lebt vom Nil

Magdy, der sich wie viele einfache Ägypter nur mit Vornamen vorstellt, ist Bauer in einem der Dörfer im Nildelta. Der 35-Jährige trägt ein weisses Tuch gegen die sengende Sonne auf dem Kopf. Er pflanzt Mais und Klee an, aber auch Reis. Die Regierung versucht gerade, das zu unterbinden, weil Reis sehr viel Wasser braucht. Fürchtet er die Talsperre in Äthiopien? Vom Damm in Äthiopien hat er gehört, aber Magdy hat keine Ahnung, was er machen würde, sollte weniger Wasser kommen oder gar keines mehr. Na ja, sagt er dann, einige Bauern müssten schon jetzt Grundwasser hochpumpen, um weiter vom Kanal gelegene Felder zu bewässern.

Einen Feddan bewirtschaftet Magdy hier, 4200 Quadratmeter, aufgeteilt in drei Felder. Heute wässert er den Mais, der mannshoch in der gleissenden Sonne steht. Er kurbelt die Motorpumpe an. Zwei Stunden lang schiesst ein arm­dicker Strahl jetzt in ein anderes Becken, das in einen Graben zu seinem Feld führt. Langsam flutet es das ganze Feld.

Die Wasserpumpe gehört dem ganzen Dorf, jeder darf sie benutzen. Und doch reiche es kaum zum Leben, sagt Magdy. Sonderlich effektiv ist diese Art der Landwirtschaft nicht, schon gar nicht der Umgang mit dem Wasser. Viel versickert, viel verdampft. Im Nildelta gibt es Millionen Kleinbauern wie Magdy, die Wasser benötigen und Wasser verschwenden.

Ägypten verehrt den Nil, Ägypten lebt vom Nil, aber es geht schon lange übel um mit diesem Lebensquell. Und das, obwohl die 25-Millionen-Metropole Kairo und auch das Delta aus dem Nil trinken. Der Strom bringt dem Land mehr als 90Prozent des verfügbaren Wassers. Aber rund um Kairo säumen Industrieanlagen die Ufer. Sie entnehmen dem Fluss Wasser und verpesten ihn mit ihren Abwässern. Die Zähmung des Nils durch Ägypten hat ihren Preis. Das Mittelmeer nagt inzwischen am Delta bei Alexandria. An den Nilmündungen in Damiette und Rosetta nahe der Küstenstadt Ale­xand­ria ist der Fluss längst kein gewaltiger Strom mehr. Der «Grand Ethiopian Renaissance Dam» in Äthiopien könnte diese Situation noch verschärfen.

Wissenschaftler prophezeien, dass im Jahr 2030 ein Drittel des Nildeltas vom Mittelmeer überflutet sein wird.

Und Äthiopien? Ist für solche Schreckensszenarien unempfänglich. Wichtig ist der Regierung jetzt, die alten Klagelieder durch Jubelgesänge zu ersetzen. «Seit Tausenden Jahren haben wir nichts vom Fluss», heisst es in einem der alten Lieder, die sie in Äthiopien schon so lange gesungen haben.

Damit soll jetzt endlich Schluss sein.

Erstellt: 30.11.2019, 19:41 Uhr

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