«Al-Sisi schützt Muslime und Christen»

Kopten-Papst Tawadros II. sieht im ägyptischen Präsidenten al-Sisi den Garanten für die Sicherheit der Christen. Den Westen warnt er davor, den Muslimbrüdern zu vertrauen.

«Die westlichen Länder sind zu naiv gegenüber dem politischen Islam», sagt Kopten-Papst Tawadros II. Foto: Dominique Meienberg

«Die westlichen Länder sind zu naiv gegenüber dem politischen Islam», sagt Kopten-Papst Tawadros II. Foto: Dominique Meienberg

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Papst Tawadros, Sie sind dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi sehr zugetan, weil er die koptisch-orthodoxe Kirche vorIslamisten schützen will. Loyalität zum Staat ist für Sie essenziell. Ist das nicht auch gefährlich?
Al-Sisi ist ein neuer Präsident für alle Ägypter, er schützt alle Ägypter – Muslime und Christen. Zusammen mit der Regierung und dem Parlament versucht er, ein neues Ägypten aufzubauen. Wobei die Kopten Bürger Ägyptens mit allen Rechten sind.

Zugunsten der Sicherheit nimmt al-Sisi Einschränkungen derMenschenrechte in Kauf. Kritiker sagen sogar, er nutze dieterroristischen Attacken auf Kopten, um Militär und Polizei zu stärken.
Sehen Sie: Die zwei Revolutionen von 2011 und 2013 haben das Leben in Ägypten ruiniert. Unser Staat ist verletzt. Mit al-Sisi wurde dann erstmals ein Präsident gewählt, der für alle Ägypter da ist. Die Menschenrechte betreffen ja nicht nur die Sphäre der Politik. Letzte Woche sagte al-Sisi: Die Revolutionen bauen die Staaten nicht auf; nur Arbeit baut sie auf. Unser Staat ist ökonomisch schwach, wegen der schwachen Wirtschaft leben 30 Prozent der Ägypter in bitterer Armut. Auch diese 30 Millionen Armen haben keine Menschenrechte.

Können Sie dem Arabischen Frühling überhaupt etwas abgewinnen?
Der Begriff «Arabischer Frühling» ist eine falsche Bezeichnung. Es war absolut kein Frühling, sondern Herbst, ein arabischer Herbst. Er bedeutete das Ende des Sommers. Auf allen Ebenen hat sich die Situation verschlechtert – punkto Einkommenslage, Bruttosozialprodukt, Zahlungsfähigkeit und Sicherheit. Einige Staaten sind durch diesen Frühling total zerstört worden. Syrien ist das beste Beispiel dafür.

Manche Kopten werfen Ihnen eine zu grosse Nähe zum Präsidenten vor.
Der Vorwurf ist nicht berechtigt. Wenn es Sympathie gibt zwischen dem Präsidenten und dem Papst, dann ist das doch gut für das Volk. Ich selber bin auch ägyptischer Bürger und trage grosse Verantwortung, nicht nur für die Kopten, für alle Ägypter. Auch ich muss auf die Sicherheit des Staates achten.

Vor kurzem konnte man aber lesen, die Synode der koptisch-orthodoxen Kirche habe Sie wegen dieser Nähe zu al-Sisi als Papst entfernen wollen.
Fake News! Alles Gerüchte, wahrscheinlich von den terroristischen Gruppen in die Welt gesetzt.

Gibt es denn für die Kopten und die religiösen Minderheiten in Ägypten Religionsfreiheit? Den Glauben dürfen sie ja nicht wechseln.
Die ägyptische Gesellschaft ist der Religion sehr verbunden, das ist ein wichtiges Thema. Eine Konversion von einer zur anderen Religion ist mit grossen gesellschaftlichen Problemen verbunden. Wir müssen die ägyptischen Traditionen respektieren und so den Frieden der Gesellschaft bewahren.

Sie plädieren stets für eine Trennung von Religion und Staat. Ist inÄgypten eine säkulare Verfassung nicht illusorisch?
Wir lehnen jede Vermischung zwischen Religion und Politik ab. Eine Theokratie, also eine Regierung im Namen der Religion, können wir nicht akzeptieren. Allerdings lehnen auch viele die Säkularisierung des Staates ab. Gemäss seiner Verfassung ist Ägypten ein ziviler Staat mit einer muslimischen Mehrheitsreligion. Neben den 85 Millionen Muslimen gibt es 15 Millionen christliche Kopten. Der Staat respektiert die Religionen.

Sie wurden 2012 zum Papst Ihrer Kirche, also nach dem Arabischen Frühling und machten in der kurzen Zeit unter Präsident Mursi schlimme Erfahrungen.
Vor der Revolution von 2013 dominierten die Muslimbrüder ein grosses Segment der ägyptischen Gesellschaft. Ein trügerisches Segment, denn die Religion diente ihnen als Tarnung. Als die Muslimbrüder an die Regierung kamen, war uns allen klar, dass das dunkelste Jahr in der Geschichte Ägyptens begonnen hatte.

Schelten Sie deshalb die westlichen Länder, zu naiv gegenüber denMuslimbrüdern zu sein?
Die westlichen Länder sind allgemein zu naiv gegenüber dem politischen Islam. Ich sage ihnen: Das ist eure Verantwortung. Man kann nicht nur tolerant sein, man muss auch Verantwortung tragen. Einige meinen ja auch, dass der Westen diese islamistischen Gruppen hervorgebracht hat.

Zugleich rufen Sie die westlichen Staaten auf, die Traditionen in den arabischen Ländern zu respektieren.
Die westliche Einmischung hat die arabischen Länder beschädigt. Nach sieben Jahren Krieg lebt heute die Hälfte des syrischen Volkes als Asylsuchende in Europa. Vor 10 oder 15 Jahren gab es im Westen den Plan für einen neuen Nahen Osten mit dem Ziel, diesen aufzuteilen, in 40 statt bisher 22 Staaten. So hat man begonnen, den Sudan aufzuteilen. Das hat nur neue Konflikte gebracht.

Haben die Kopten mit den Muslimen nicht viel gemeinsam? Speziell die traditionellen Familienwerte?
Kopten und Muslime leben in Ägypten seit 14 Jahrhunderten zusammen. Darum haben sie vieles gemeinsam. Aber die christlichen Gesetze, die die Familie regulieren, sind ganz andere als die muslimischen. Der Islam kennt zum Beispiel die Polygamie, das Christentum indes erlaubt dem Mann nur eine einzige Frau. Oder: Scheidung kann in islamischen Familien mit dem Willen des Mannes relativ leicht erwirkt werden. Bei den Kopten wird Scheidung strenger gehandhabt und kommt via Beschluss einer bestimmten Kommission zustande.

Seit dem Mauerfall von 1989 gebärden sich die orthodoxen Kircheninsgesamt antiwestlich, vor allem in Sachen Feminismus und Rechte von Homosexuellen. Ist da die koptische Kirche keine Ausnahme?
In der koptischen Kirche gibt es auf der Grundlage der Bibel keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Wir haben in Ägypten eine Frauenkommission. Und 30 Prozent der Minister und Beamten in der Regierung sind Frauen.

Aber in Ihrer Kirche gibt es keine Priesterinnen.
Nein, wir haben keine Priesterinnen, aber es gibt Lehrerinnen und Professorinnen an den theologischen Schulen und in den Pfarreien Priester-Helferinnen.

Wie stellen Sie sich zur Homo-Ehe?
Wir akzeptieren nur die Lehre der Bibel. Und für sie ist Homosexualität etwas Aussernatürliches. Gott schuf «Adam und Eve» und nicht «Adam und Steve».

Haben Sie Pläne, Ihre konservative Kirche zu reformieren?
Wir reformieren nur die Führung in der koptischen Kirche. Wir sind eine traditionelle und eine konservative Kirche, 2000 Jahre alt. Ich bin der 118. Papst der koptischen Kirche seit dem heiligen Markus, dem Evangelisten. Wir gehen seither denselben Weg.

Erstellt: 20.05.2019, 17:58 Uhr

Platzhalter der Christen im Mittleren Osten

Papst Tawadros II. (66) hat am vergangenen Dienstag die ehemalige katholische Kirche in Grafstal ZH zum koptisch-orthodoxen Gotteshaus geweiht. Das Sicherheitsaufgebot war erheblich. Obwohl Tawadros II. nicht in politischer Mission in der Schweiz war, wurde er wie ein Staatsoberhaupt behandelt. Papst Tawadros ist das Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche mit 20 Millionen Mitgliedern. 15 Millionen leben in Ägypten, der Papst in Kairo. Bevor er Mönch wurde, leitete der Pharmazeut eine Medikamentenfabrik. Am 4. November 2012 wurde er durch Losentscheid zum neuen Papst bestimmt: Ein Junge zog mit verbundenen Augen seinen Namen aus drei Vorschlägen.

Die Wahl fiel in die schwierige Zeit zwischen dem Arabischen Frühling von 2011 (1. Revolution) und der Machtübernahme der Muslimbrüder 2013 (2. Revolution). Schon vor der Wahl von Präsident Mursi wurden die Kopten immer wieder Zielscheibe des islamistischen Terrors. Im April 2013 wurde erstmals die Sankt-Markus-Kathedrale, Sitz des koptischen Papstes, angegriffen. Die Muslimbrüder spotteten, die Kopten hätten sich die Aggression selber zuzuschreiben. Nach dem Sturz Mursis wurden Kopten, überhaupt die Christen im ganzen Land, abermals Opfer von schlimmen Anschlägen.

Obwohl es auch unter al-Sisi immer wieder zu Anschlägen auf Kirchen und Pilgerbusse kommt, versucht Tawadros, die Kopten zu beruhigen und sie von Demonstrationen gegen die Regierung abzuhalten. Er begrüsste schon den Putsch gegen Präsident Mursi und schlug sich alsbald auf die Seite al-Sisis. Er ist überzeugt, dass dieser den Kopten wohlgesinnt ist. So dürfen sie eigene Kirchen bauen. Und im 596-köpfigen Parlament sitzen heute 40 koptische Vertreter.

Tawadros grenzt sich von seinem Vorgänger Papst Schenuda III. ab, der zum ägyptischen Staat auf Distanz ging. Auch binnenkirchlich ist Tawadros offener und pflegt die Ökumene mit anderen Kirchen. Was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass die koptische Kirche überaus konservativ ist. Mit Stolz verweisen die Kopten darauf, die ältesten Christen und die Ureinwohner von Ägypten zu sein – und bis heute die grösste christliche Gemeinschaft im Nahen und Mittleren Osten. (mm)

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