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App gegen Mullah

Millionen Iraner nutzen die App Telegram. Sie verändert die Politik im Gottesstaat.

Smartphones sind auch im Iran weit verbreitet: Eine Frau an einer Wahlveranstaltung. (23. Februar 2016)
Smartphones sind auch im Iran weit verbreitet: Eine Frau an einer Wahlveranstaltung. (23. Februar 2016)

Erreichen die reformorientierten Kräfte im iranischen Parlament eine Mehrheit? Heute finden die Stichwahlen statt. Es geht um die letzten 68 von 290 Sitzen. 40 davon müssen die Reformisten und ihre Verbündeten gewinnen. Erste Ergebnisse werden für Sonntag erwartet.

In der ersten Runde der Parlamentswahlen im Februar hatten die konservativen Kräfte eine Niederlage erlitten. Auch weil die Reformisten ihre Wähler erstaunlich gut mobilisieren konnten. Beobachter machen dafür eine App mitverantwortlich: den Instant-Messaging-Dienst Telegram.

Am Freitag findet im Iran die zweite Runde der Parlamentswahlen statt. (29. April 2016/Bild: AFP)
Am Freitag findet im Iran die zweite Runde der Parlamentswahlen statt. (29. April 2016/Bild: AFP)

Mindestens 20 Millionen Iraner sollen Telegram nutzen. Die App wurde 2013 von zwei russischen Brüdern lanciert. Der Hauptsitz des Unternehmens ist in Berlin. Telegram ist vergleichbar mit dem hierzulande viel populäreren Whatsapp. Auch über Telegram werden Textnachrichten, Bilder, Videos getauscht. Der Dienst ist aber besser gegen Überwachung geschützt.

Er ermöglicht so den Iranern offene Diskussionen, ohne Repressionen durch den Staat befürchten zu müssen. Besonders brisante Inhalte können auch so verschickt werden, dass sie sich nach einer bestimmten Zeit selbst zerstören.

Zudem gibt es eine öffentliche Kanalfunktion, über die Nachrichten an ein grosses Publikum verschickt werden können. Den populärsten Kanälen folgen Zehntausende Nutzer. Auch westliche Medienunternehmen wie etwa die BBC mit ihrem Dienst in Persisch sind auf Telegram präsent.

Austausch via Telegram: Blick auf die Handydisplays von Iranern. (1. Dezember 2015/Bild: AFP)
Austausch via Telegram: Blick auf die Handydisplays von Iranern. (1. Dezember 2015/Bild: AFP)

Die iranischen Behörden überwachen das Internet sehr genau. Die Verbreitung von unerwünschten Inhalten kann für die Bürger schwere Konsequenzen haben. Verhaftungen sind häufig. Dienste wie Facebook oder Twitter wurden von den Behörden blockiert. Iraner können sie also nur über Umwege nutzen. Telegram ist dagegen bislang frei zugänglich. Einzig im letzten Herbst soll er kurzfristig gesperrt worden sein.

Mobilisierung von unten

Der Politologe und Iran-Spezialist Shervin Malekzadeh hat die Telegram-Nutzung nach der ersten Runde der Parlamentswahlen untersucht und einen Bericht dazu in der «Washington Post» veröffentlicht.

Gemäss Malekzadeh ist die Mobilisierung der Wähler für die Reformisten im Iran ein grosses Problem. Viele ihrer bekanntesten Kandidaten werden jeweils ausgeschlossen. In den iranischen Medien dominieren die konservativen Kräfte. Telegram habe den moderaten Kräften die Mobilisierung diesmal deutlich vereinfacht, schreibt Malekzadeh.

Es handle sich vor allem um eine Mobilisierung von unten. Freunde und Verwandte hätten sich in den Wochen und Tagen vor der Wahl via Telegram zur Teilnahme aufgerufen. Zudem gebe es Tausende Telegram-Chats, die von politischen Gruppierungen genutzt würden, um ihre Botschaften zu verbreiten.

Inzwischen sind laut Beobachtern sowohl die reformorientierten Kräfte als auch die Konservativen auf Telegram präsent. Obwohl viele Hardliner nach wie vor für eine Sperrung des Dienstes plädieren.

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