Assad erobert verlorene Stadt zurück

Die syrische Armee dringt in die Provinz Idlib vor. Zehntausende Menschen sind auf der Flucht.

Fünf Jahre hatten hier die Rebellen das Sagen: Ein Panzer der syrischen Armee vor der Stadt Khan Sheikhoun. Foto: AFP

Fünf Jahre hatten hier die Rebellen das Sagen: Ein Panzer der syrischen Armee vor der Stadt Khan Sheikhoun. Foto: AFP

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Die Bilder aus der syrischen Stadt Khan Sheikhoun gingen im April 2017 um die Welt: Kinder, die nach einem mutmasslichen Giftgasangriff um jeden Atemzug rangen. Mindestens 86 Menschen starben bei dem Angriff. Eine UNO-Untersuchungskommission macht die syrische Regierung dafür verantwortlich.

Die Stadt in der Provinz Idlib konnten die syrischen Regierungstruppen von Präsident ­Ba­shar al-Assad in der Nacht auf gestern Mittwoch nun zurück­erobern. Khan Sheikhoun war fünf Jahre lang in den Händen der Rebellen und liegt an der strategisch wichtigen Strasse von Damaskus nach Aleppo. Idlib ist mit etwa drei Millionen Bewohnern die letzte Rebellenenklave, die nach mehr als acht Jahren Krieg nicht von den syrischen Regierungstruppen kontrolliert wird. Nach der Nacht von gestern heisst es wohl: noch nicht.

Die Türkei hat die Grenze geschlossen

Assad konnte mit der Ein­nahme der Stadt den ersten nennenswerten Erfolg seit der Offensive auf Idlib im vergangenen April verbuchen. Die Rebellen zogen sich in Richtung Norden zurück, um nicht umzingelt zu werden. Gestern gingen die ­Gefechte weiter: Orte nördlich von Khan Sheikhoun, wie Alteh oder Saraqeb, wurden von der Luft aus bombardiert.

Die Gewalt der vergangenen Tage hat rund 70'000 Menschen vertrieben, wie das Gesundheitsdirektorat Idlib und die Hilfsorganisation Syrian American Medical Society gestern meldeten. Die Menschen fliehen nach Norden, suchen ­Zuflucht auf ­Feldern – doch weit kommen sie nicht. Die Grenze zur Türkei ist geschlossen, die Flüchtlings­lager an der Grenze sind bereits überfüllt.

Es droht eine Massenflucht

Und der türkische Präsident ­Recep Tayyip Erdogan will den syrischen Vormarsch auf Idlib mit allen Mitteln verhindern. Eine neue Massenflucht von ­Syrern in die Türkei würde ihn innenpolitisch weiter in Bedrängnis bringen. Mehr als drei Millionen syrische Flüchtlinge leben bereits in der Türkei. Kritiker werfen der Regierung in Ankara vor, seit Juli Syrer abzuschieben – auch in Kriegsgebiete wie in Idlib, das Assad derzeit zu stürmen versucht.

Am Dienstagabend hat die Türkei die Abschiebefrist für in Istanbul nicht gemeldete syrische Flüchtlinge bis zum 30. Oktober verlängert. Das könnte auch mit der sich zuspitzenden Situation in Syrien zusammenhängen. In Murak, zehn Kilo­meter südlich der eingenom­menen Stadt Khan Sheikhoun, befindet sich ein türkischer Beobachtungsposten, den Ankara auf keinen Fall räumen möchte. «Wir haben nicht die Absicht, ihn woanders aufzustellen», sagte Aussenminister Mevlüt Çavusoglu. Die Türkei, Russland und der Iran vermitteln in dem Konflikt zwischen der syrischen Führung und den Rebellen. Sie hatten sich auf eine sogenannte Deeskalationszone in der Provinz Idlib und die Errichtung von Beobachterposten entlang der Front geeinigt.

Konflikt könnte eskalieren

Doch Anfang der Woche drohte der Konflikt zwischen der syrischen Armee und türkischen Soldaten zu eskalieren. Kampfflugzeuge, von denen bis heute nicht klar ist, ob sie zur russischen oder zur syrischen Luftwaffe gehören, griffen einen türkischen Konvoi in der Nähe der Stadt Khan Sheikhoun an. Drei Zivilisten sollen dabei ums Leben gekommen sein, zwölf wurden verletzt. Der Zwischenfall belastete auch die Beziehungen zwischen Moskau und Ankara. Russland gilt als engster Verbündeter des syrischen Machthabers.

Der Zweikampf zwischen Russland und der Türkei könnte bei einem Sturm auf Idlib ­eskalieren. Gestern setzte nun Erdogan auf ein Signal der ­Stärke: Mehrere Militärkonvois fuhren durch die Provinz Idlib, auf dem Weg zum türkischen Militärposten nach Murak, der mittlerweile fast komplett von syrischen Regierungstruppen eingekesselt ist.

Erstellt: 22.08.2019, 06:48 Uhr

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