Tage des Jubels und des Glücks

Endlich Frieden – nach 20 Jahren Krieg. Äthiopier und Eritreer können es kaum fassen. Die Grenze ist wieder offen. Eine Reportage.

In Addis Abeba feiern am 14. Juli Millionen Menschen die Ankunft von Eritreas Präsident Afewerki. (Video: Tamedia/AFP)

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Fünf Jahre lang hat Ariam Tesfay gespart, um von ihrem Vater Abschied zu nehmen. Für ein paar Tausend Dollar hat sie sich im März zwei Tickets gekauft. Sie flog von Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, nach Dubai, er kam aus Asmara in Eritrea. Fünf Tage haben sie zusammen am Golf verbracht. Auf den Fotos auf ihrem Handy sieht man die beiden zusammen lachen, zusammen weinen. «Ich wusste nie, ob ich mich freuen sollte, ihn wiederzusehen, oder traurig sein sollte, dass es das letzte Mal sein würde», sagt Ariam Tesfay. Fünf Tage. Dann kam der Abschied. Für ein weiteres Treffen würden sie nicht das Geld haben. Es war wie eine Beerdigung.

Der Vater flog zurück nach Eritrea, die Tochter nach Äthiopien. In zwei Länder, die so nahe beieinander liegen, eine lange Geschichte teilen – und sich doch nicht ferner sein könnten. Vor zwanzig Jahren zogen die beiden Staaten wegen eines öden Fleckens Grenzland und des Wüstendorfs Badme in einen Krieg. Er dauerte zwei Jahre und kostete bis zum Jahr 2000 etwa 70’000 Menschen das Leben. Seitdem gab es weder Frieden noch Krieg zwischen den beiden. Nur Schweigen. Telefonleitungen wurden gekappt, Grenzen geschlossen, Familien zerrissen. Die Armeen gruben sich an der Grenze ein, die Sänger beider Länder schrieben Hymnen auf die ewige Feindschaft.

«Ich war mir sicher, das würde für immer so bleiben. Ich war mir sicher, dass ich meinen Vater nie wiedersehen würde», sagt Ariam Tesfay. Dann war plötzlich alles anders. Bei ihr klingelte das Telefon, ihr Vater war dran. Im Fernsehen sah sie, wie der äthiopische Ministerpräsident und der eritreische Präsident sich in Asmara umarmten. Der Wandel, er wurde nicht jahrelang auf neutralem Boden verhandelt. Er war ein Schock.

Der Konflikt hatte Ariam Tesfays Familie zerrissen. Foto: Bernd Dörries

«Ich kann es immer noch nicht glauben», sagt Ariam Tesfay. «Es ist wie ein Film. Die neue Lage dominiert alles, es ist der erste Gedanke am Morgen und der letzte am Abend. Jeden Tag.» Sie sitzt mit ihren beiden Töchtern in ihrer Wohnung im Norden von Addis Abeba, die Tür im Erdgeschoss steht offen, Nachbarn kommen vorbei, man schaut auf dem grossen Fernseher zusammen die Jubelbilder des Wochenendes.

Die glücklichsten Tage

Man sieht nur Flaggen und Menschen, die vielen Millionen, die in der Hauptstadt unterwegs waren, um den eritreischen Präsidenten Isayas Afewerki zu begrüssen. Sie standen am Strassenrand und wedelten mit der eritreischen Flagge, die zu besitzen bis vor kurzem noch ein Staatsverbrechen war. «Ich habe mich erst gar nicht getraut, sie anzufassen», sagt Ariam Tesfay.

Für viele Äthiopier und Eritreer sind es die glücklichsten Tage, die sie je erlebt haben. Frankreich mag am Wochenende Fussballweltmeister geworden sein, die Äthiopier und Eritreer haben viel mehr gewonnen – nur hat das kaum jemand mitbekommen. Ihr Frieden ist einer aus eigener Kraft. Er ist ohne Vermittlung von aussen entstanden.

Und so wird der Frieden auch erst einmal alleine gefeiert. Exakt zur selben Zeit, zu der in Moskau der Final der Weltmeisterschaft angepfiffen wird, beginnt in der Millennium Hall in Addis Abeba die grosse Friedensfeier. Ganz oben auf der Empore sitzen die beiden Staatschefs: Abiy Ahmed, der 41-jährige Ministerpräsident von Äthiopien, gerade mal drei Monate im Amt, in denen er das Land auf den Kopf gestellt hat. Und Isayas Afewerki, der Präsident Eritreas.

Auch für Afewerki (72) muss der Frieden wie ein Schock gekommen sein. Er hatte vor Jahrzehnten als Freiheitskämpfer begonnen und ist mit der Zeit zum brutalen Diktator geworden. Eritreer flohen zu Hunderttausenden nach Europa. Afewerki, hiess es, habe sich verbittert zurückgezogen. Und jetzt sitzt er hier, in der Hauptstadt des Ex-Feindes.

Fragte man in den vergangenen Jahren Eritreer und Äthiopier, warum sie sich so hassten, gab es Dutzende Gründe und doch keinen wirklichen. Der Hass war zum Selbstläufer geworden, wurde von oben verordnet.


Video: Frieden am Horn von Afrika

Nach 20 Jahren Krieg: Äthiopien und Eritrea nehmen ihre diplomatischen Beziehungen wieder auf. Video: Reuters


Beide Länder gehören zu den grossen Kulturen Afrikas, sie haben ihre Wurzeln im Königreich Aksum, waren viele Jahrhunderte kaum zu unterscheiden. Der Bruch kam von aussen, Italien machte Eritrea Ende des 19. Jahrhunderts zur Kolonie, erfand das Land in seinen heutigen Grenzen – an Äthiopien aber scheiterten die Italiener. Es folgte das Kaiserreich mit Haile Selassie und die kommunistische Diktatur mit Mengistu – gemeinsam erlitten und bekämpft.

Feind im eigenen Land

Isayas Afewerki und Meles Zenawi waren die grossen Helden des Befreiungskampfes gegen das kommunistische Regime. Nachdem die Kommunisten geschlagen waren, wurden sie die Herrscher ihrer Länder, Meles Zenawi als Ministerpräsident in Äthiopien und Isayas Afewerki als Präsident in Eritrea. Anfangs waren sie wie Brüder, der grosse entliess den kleinen in die Unabhängigkeit. Dann überwarfen sie sich. Sie stritten über die Währung und die Meereszugänge. Dann begann der Krieg.

Den Vater holten sie damals im Morgengrauen, erzählt Ariam Tesfay. Sie war 22 Jahre alt, als Soldaten ihn verschleppten, ihn aus dem Auto zerrten und über die Grenze brachten. Er war in den Sechzigerjahren aus Eritrea in die äthiopische Hauptstadt gekommen. Er arbeitete als Lastwagenfahrer und bekam zwei Kinder, es war ein gutes Leben. Bis der Krieg begann. Äthiopien deportierte Eritreer, und Eritrea warf Äthiopier aus dem Land.

Erst nahmen sie Ariam Tesfay den Vater, dann die Mutter und schliesslich den Bruder. Ariam Tesfay wurde in Äthiopien geboren, als der Krieg begann, wurde sie als Eritreerin zum Feind im eigenen Land. «Ich habe heimlich gelebt, ich habe mich versteckt, ich habe meine Meinung für mich behalten.»

Jetzt nicht mehr. Es ist eine andere Welt als noch vor einigen Monaten, als Äthiopien kein Land war, in dem man Fremden einfach sagte, was man dachte. «Das ist alles wegen ihm», sagt Ariam Tesfay und meint den neuen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed.

Die Geschwindigkeit, mit der er sein Land umkrempelt, hat etwas Rauschhaftes. Etwas mehr als hundert Tage ist er im Amt, in dieser Zeit hat er Frieden mit Eritrea geschlossen, Tausende politische Gefangene freigelassen und sich für deren Inhaftierung entschuldigt. Er hat den Ausnahmezustand aufgehoben und die Opposition wieder erlaubt. Er hat die Geheimdienstchefs entlassen und die Generäle der Armee.

Jahrzehntelang stand in Eritrea und Äthiopien die Minderheit der Tigray an der Spitze des Staates, die die Posten und Reichtümer unter sich aufteilten. Der neue Ministerpräsident ist der Erste aus dem Volk der Oromo, dem grössten Äthiopiens. Er fragt nicht mehr: «Aus welchem Volk bist du?» Er fragt die Äthiopier nur, ob sie mit ihm in eine neue Zeit gehen wollen oder nicht.

«Nichts wird uns stoppen»

Natürlich wollen die meisten. Man spürt es in jedem Gespräch. Menschen, die gerade noch einen Antrag auf Einreise nach Kanada gestellt haben, laufen jetzt in den äthiopischen Nationalfarben durch die Strassen. Ein Land träumt von seinen Möglichkeiten. Äthiopien war schon bisher eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Die Hauptstadt Addis Abeba entspricht nicht dem Bild, das viele in Europa haben von Afrika. Es gibt eine moderne Strassenbahn und Hochhäuser.

Aber das allein macht kein 100-Millionen-Volk satt, jährlich verlassen mehr als hunderttausend junge Menschen die neuen Universitäten und werden mit einer Realität konfrontiert, in der es nicht genug Jobs gibt. Auch die alte Regierung hatte einen Plan, der aber versank in Korruption und Devisenmangel. Seit Jahren demonstrierte die Jugend gegen das alte Regime, das zum Schluss wusste, dass es am Ende war und Abiy an die Spitze setzte.

Der steht nun in der Millennium Hall und sagt, was er vorhat. Was ihm besonders wichtig ist, sagt er auf Englisch. Fünfmal «Democracy» und viermal «Guiding Principles». «Nichts wird uns stoppen.» Eine dicke Glasscheibe schützt ihn, vor zwei Wochen ist er einem Anschlag knapp entgangen – in der alten und korrupten Elite gibt es Verlierer, die die Zeit gerne zurückdrehen würden. Doch auf den Strassen laufen die Menschen weiter mit den eritreischen Flaggen herum und reden über den Frieden, über nichts anderes.

Es lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Ariam Tesfay war bis vor kurzem eine von vielen, die nicht mehr an die Zukunft glaubte, die den Abschied geplant hatte, die nach Dubai wollte. Und jetzt? «Ich werde hier bleiben. Das ist mein Land und meine Zukunft.» Was sie tun will im neuen Äthiopien, das weiss sie noch nicht, aber den Luxus so vieler Möglichkeiten zu haben, das sei das Schönste überhaupt. Nur eines weiss sie sicher: Sie will bald nach Eritrea, um den Vater zu sehen. Seit Mittwoch sind die Grenzen offen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2018, 06:37 Uhr

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