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«Aufklärungssatelliten waren auf iranische Raketenbasen fokussiert»

Als Flug PS 752 bei Teheran abstürzte, stand die Region schon im Fokus militärischer Überwachung. Christo Grozev von Bellingcat geht deshalb von baldiger Klärung aus.

Dieses Video zeigt angeblich, wie eine Rakete die Passagiermaschine trifft. Quelle: NYT

Wenn westliche Regierungschefs vom Abschuss der ukrainischen Maschine des Passagierflugs PS 752 sprechen, berufen sie sich ohne nähere Angaben auf Geheimdienstquellen. Das internationale Recherchenetzwerk Bellingcat hat auf seiner Website nun Dokumente veröffentlicht, die diese Vermutung stützen sollen: Fotos eines Raketenkopfs sowie ein kurzes Videos, das angeblich den Einschlag einer Rakete im Passagierflugzeug zeigen soll. Um die Echtheit des Film- und Fotomaterials zu prüfen, arbeitet Bellingcat hauptsächlich mit Daten, die öffentlich im Internet zugänglich sind: In diesem Fall etwa mit Satellitenaufnahmen von Google-Earth oder den Daten der Flugzeugverfolgungs-App Flightradard24.

Bekannt wurde Bellingcat durch seine Recherchen zum Absturz des malaysischen Flugs MH 17 über der Ostukraine im Juli 2014. Damals konnten die Journalisten nachweisen, dass das Flugzeug von einer russischen Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde. Bellingcat-Mitarbeiter Christo Grozev erklärt nun, warum auch im aktuellen Fall alle Informationen auf einen Abschuss hinweisen.

«Die Wrackteile waren bewegt und mit Baggern auf einen Haufen geschoben worden»: Christo Grozev von Bellingcat.
«Die Wrackteile waren bewegt und mit Baggern auf einen Haufen geschoben worden»: Christo Grozev von Bellingcat.

Schliessen Sie aufgrund ihrer Recherchen andere Gründe ausser einem Raketenangriff für den Flugzeugabsturz bei Teheran aus? Wir haben noch keine hundertprozentige Sicherheit über den Absturzgrund. Aber uns wurde sehr schnell klar, dass ein Maschinenschaden unmöglich war. Dass viele Medien «westliche Geheimdienste» zitierten, die einen Maschinenschaden für den Absturz verantwortlich machten, hat mich sehr verwundert.

Welche anderen Ursachen sind aus Ihrer Sicht denkbar? Wir haben alternative Thesen: Eine Kollision mit einer unbemannten Drohne oder ein Abschuss durch eine Drohne. Auch die ukrainischen Ermittler ziehen das in Betracht.

Sind Sie in Kontakt mit ukrainischen Ermittlern? Ja, die Ukrainer wurden vom Iran eingeladen, an der Aufklärung teilzunehmen. Als sie ankamen, war der Unfallort allerdings bereits manipuliert worden.

Wie? Die Wrackteile waren bewegt und mit Baggern auf einen Haufen geschoben worden. Das macht die forensische Arbeit dann extrem schwierig. Aber es muss keine Absicht gewesen sein.

Ein kurzes Video zeigt angeblich den Einschlag einer Boden-Luft-Rakete im Flugzeug. War dieses Video das Ausgangsmaterial Ihrer Recherche? Nein. Wir begannen bereits am Tag des Absturzes mit zwei Arbeitsthesen. Die eine war ein terroristischer Anschlag. Die andere ein Abschuss durch eine Rakete, vermutlich ausgelöst durch einen Irrtum. Diese zweite These wurde wahrscheinlicher, als wir zwei Fotos erhielten, die den Kopf einer russischen «Tor»-Rakete zeigen. Jene Personen, die diese Fotos hochluden, behaupteten, der Raketenkopf sei zwischen Wohnhäusern im Teheraner Vorort Parand gefunden worden. Wir zeichneten den Weg des Flugzeugs und die mögliche Flugbahn einer Rakete nach und kamen zum Schluss, dass Parand als Ort des Aufpralls wahrscheinlich war. Aber da die Fotos keine Umgebung zeigten, konnten wir sie nicht genau lokalisieren.

Sie halten die Fotos für echt? Wir konnten ihre Besitzer nicht überzeugen, uns die originalen Daten zu schicken. Sie haben Angst vor Rache – was verständlich ist. Wir sehen die Fotos deshalb nur als Unterstützung in einer Indizienkette.

Brachte nicht auch die Veröffentlichung des Videos vom angeblichen Einschlag der Rakete durch Bellingcat und die «New York Times» Menschen in Gefahr? Natürlich waren wir im Dilemma, ob wir die Geolokalisierung des Videos veröffentlichen sollten, weil damit die Quelle identifiziert werden könnte. Aber diese Person wollte das Video veröffentlichen und nahm damit das Risiko in Kauf. Zudem wurde die Aufnahme im Internet sofort als angeblicher «Fake» diskreditiert. Wir mussten deshalb genau und offen dokumentieren, wie wir den Standort der Aufnahme überprüften. Beim Video wissen wir nun, dass es authentisch ist.

Diese Karte hat Ballingcat auf seiner Website veröffentlicht: Sie soll zeigen, von wo das Video aufgezeichnet worden sein soll.
Diese Karte hat Ballingcat auf seiner Website veröffentlicht: Sie soll zeigen, von wo das Video aufgezeichnet worden sein soll.

Nach dem Absturz der malaysischen Maschine des Flugs MH 17 über der Ostukraine 2014 konnte Bellingcat nach jahrelangen Recherchen die russische Rakete identifizieren, welche das Passagierflugzeug zerstörte. Genauso zeigten sie aber auch ihren Transportweg in die Ostukraine, die verantwortlichen Kommandanten und die Befehlskette. Wird das bei Flug PS 752 auch möglich sein? Ich denke schon, wobei dieses Mal unsere Arbeit vielleicht nicht so sehr gebraucht wird.

Warum? Nur wenige Stunden vor dem Flugzeugabsturz schoss der Iran Raketen auf US-Militärbasen. Deshalb waren die militärischen Aufklärungssatelliten der USA, Russlands und Israels auf iranische Raketenbasen fokussiert. Ich erwarte, dass wir in den kommenden Tagen genaue und überprüfbare Daten bekommen. Ich glaube auch, dass der Iran schon bald die Verantwortung übernehmen wird – für den Abschuss als unglücklichen Vorfall in Kriegszeiten. Die Rhetorik von Trump und Trudeau deutet darauf hin, dass der Westen diese Erklärung akzeptieren wird und das Verhältnis zum Iran nicht eskalieren lassen will. Vorausgesetzt, der Iran kooperiert bei den Ermittlungen.

So wie beim Flug MH 17 dürfte auch dieses Mal wieder eine russische Rakete ein Passagierflugzeug zum Absturz gebracht haben. Zufall? In beiden Fällen geschah der Absturz über Gebieten, die vollgestopft sind mit alten sowjetischen oder neueren russischen Flugabwehrraketen. Da ist es natürlich einerseits wahrscheinlicher, dass ein Zwischenfall mit russischen Raketen passiert. Auf der anderen Seite müssen wir nun fragen, ob diese russischen Raketensysteme mit Ziel- oder Lenksystemen ausgerüstet sind, welche die Gefahr eines irrtümlichen Angriffs auf nicht militärische Ziele minimieren.

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