Impact Journalism

Aus Plastik wird Kompost

Diese Folie, entwickelt in Israel, zerfällt in wenigen Wochen in ihre organischen Bestandteile. So belastet sie keinen Ozean.

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Von Ruth Schuster, «Haaretz», Israel

Viele wunderbare Dinge, von Schokolade bis zu Autos, geben uns vorübergehend ein Hochgefühl, das am Ende aber teuer erkauft ist – entweder für unsere Oberschenkel oder für den Planeten.

Leider erfüllt auch Plastik seine hohen Versprechen: Es trennt das Sandwich tatsächlich von der Umwelt, und es hält eine Ewigkeit. Zudem wird das Rezyklieren nicht die Welt retten, denn auch wenn wir unsere Plastikflaschen brav in die Recyclingtonne werfen, bleibt es dabei, dass das meiste Plastik nicht rezyklierbar ist.

Zu den schlimmsten Missetätern gehört die Plastikfolie, die alles umgibt, vom Müesliriegel bis zu Socken. Es gibt keine anwendbare Technologie, um Plastikfolie zu rezyklieren. Wenn wir die Folie mit den Flaschen in einen Container werfen, lässt das die Maschinen bei der Verwertung kalt – sie sortieren die Flaschen automatisch aus und werfen den Rest zum Restmüll, wie Merav Koren erklärt. Sie ist die Marketingchefin von Tipa, einer israelischen Firma, die all das auf den Kopf stellen will, indem sie Verpackungsfolie herstellt, die zu 100 Prozent kompostierbar ist.

«Tipa-Folie sieht wie Plastik aus und verhält sich wie Plastik, aber sie beendet ihre Existenz wie eine Orangenschale», sagt Koren. Alle Bestandteile, von der Verpackungsfolie selbst bis hin zum Klebstoff, sind zu 100 Prozent kompostierbar. Kein einziges Molekül wird im Grossen Pazifischen Müllwirbel landen, der zwischen Hawaii und Kalifornien im Meer schwebt.

Um den Planeten zu retten, sollte man auch regional bleiben. Tipa-Folie wird absichtlich mit den gleichen Maschinen hergestellt, die für herkömmliche Folie verwendet werden. Fossile Rohstoffe kommen zum Einsatz – aber auch pflanzliche Bestandteile, sagt Daphna Nissenbaum, Gründerin und Chefin der Firma. Tatsächlich können Maschinen zur Massenproduktion von Folie leicht umgestellt werden, um Tipa-Folie zu machen. «Das erlaubt uns, dort herzustellen, wo die Märkte schnell wachsen, etwa in Deutschland und Italien», sagt Nissenbaum (51). Wenn sich seine Technologie durchsetzt, kann das Unternehmen sich schnell auf eine globale Verbreitung einstellen.

Nichts bleibt übrig

Aber im Gegensatz zu herkömmlichem Plastik wird diese Verpackung nicht unser ganzes Leben und das Leben unserer Kinder überstehen. Unter den richtigen Bedingungen für die Kompostierung zerfällt die Tipa-Verpackung zu Wasser, Kohlendioxid und organischen Materialien, die von Bakterien zersetzt werden können. Nichts bleibt übrig.

Kompost entsteht, indem man organischen Abfall in eine geeignete Tonne oder in eine Grube in der Erde wirft. Man lässt die Sachen dort, befeuchtet sie ab und zu und gräbt sie mal um. Unter guten Bedingungen hat man nach 180 Tagen Kompost, den man zum Düngen benutzen kann.

Zwar haben moderne Haushalte viele moderne Einrichtungen, etwa fliessendes Wasser, aber man muss zugeben, dass die meisten keinen Garten oder Kompostierer haben. Nur die wenigsten Haushalte sammeln ihren organischen Abfall separat. Nissenbaum sagt dazu, dass man ein Unternehmen nicht für die Probleme und die Umwelt von heute gründet, sondern für die Probleme von morgen. Die Welt muss begreifen, dass ihr heutiger Umgang mit Abfällen sich ändern muss, denn wir zerstören unseren Planeten. Die Bestimmungen, etwa in Europa und China, verändern sich, sodass auch die Trennung von organischem Abfall vorgeschrieben wird.

Dieser Artikel ist Teil unserer Berichterstattung zum Impact Journalism Day 2018. Hier gehts zur Collection.

Selbst wenn Tipa-Folie im Restmüll landet, wird sie auf einer städtischen Müllhalde zerfallen. Wir Orangenschale wird sie letztlich aus unserem Leben verschwinden – ausser man beschliesst, sie zu mumifizieren und einzurahmen.

Tipa begann 2012 mit der Entwicklung der kompostierbaren Folie bis zur Zertifizierung, die für alle Verpackungen für Lebensmittel notwendig ist, und begann 2016 mit dem Verkauf an Hersteller und Dienstleister, die für Hersteller das Verpacken erledigen, hauptsächlich in Europa. 2017 vervierfachten sich die Absätze im Vergleich zum Vorjahr, sagt Koren. Die Firma hat inzwischen 30 Mitarbeiter.

Der Preis hängt von der Art der Folie (je dünner, desto billiger) und anderen Parametern ab, aber er reicht von etwas teurer als herkömmliches Plastik bis hin zu sehr viel teurer, vor allem, weil die Polymere für die Herstellung vergleichsweise teuer sind. Dennoch, je mehr die Technologie sich verbreitet, desto günstiger sollte sie werden, sagt Koren voraus.

Es dauert Jahre, nicht Jahrmillionen

Natürlich, auf dem Kompost oder im Müll brauchen auch Tipa-Folien ihre liebe Zeit, um zu zerfallen. Genau darin liegt der Kompromiss zwischen den Anforderungen der Hersteller – dass ihre Produkte geschützt oder gebündelt bleiben, bis sie verkauft und verbraucht werden – und den Anforderungen des Planeten, dass Verpackung nicht wie Diamanten ist und ewig hält.

Unter vorteilhaften Umständen braucht die Tipa-Folie bis zu sechs Monate, um zu Kompost zu werden, sagt Koren. Unter suboptimalen Umständen, also in allen anderen Fällen, wird sie «letztendlich» zerfallen. Aber dabei geht es um Jahre und nicht um Jahrmillionen, im Gegensatz zu herkömmlichem Plastik.

Wenn es einfach im Lager liegt, wird das Tipa-Material erst nach einem Jahr zu zerfallen beginnen. Das ist mehr als lang genug für die meisten Lebensmittel (und auch für die Socken – erst recht, wenn niemand sie trägt). Die Folie sieht dann ein wenig aus wie ein Stück Papier, das im Freien gelegen hat – brüchig und etwas braun an den Rändern. Letztendlich zerfällt das gesamte Material. Entscheidend ist, dass die Tipa-Folie zu keinem Zeitpunkt in diesem Prozess Mikroplastik bildet, das dafür berüchtigt ist, in jede noch so kleine Ritze der Erde vorzudringen, selbst in den tiefsten Ozean. Während sie zerfallen, sehen Tipa-Folien nicht hübsch aus. Aber dann sind sie als Verpackung verschwunden, für immer.

Aus dem Englischen übersetzt von Hans Brandt

(Ruth Schuster/«Haaretz», Israel)

Erstellt: 15.06.2018, 16:42 Uhr

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