Betäubt in die nächste Gazakrise

Die Politiker haben sich schon viel zu lange mit den Verhältnissen in Nahost arrangiert.

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Mit Fantasie und gutem Willen allein lassen sich Konflikte in der Regel nicht lösen. Ein kleines bisschen Fantasie wäre im Streit zwischen Israelis und Palästinensern derzeit jedoch hilfreich. Seit Freitag feiern die Juden das Passahfest und gedenken dabei des Auszugs aus Ägypten, der nach langer Unterdrückung die Freiheit brachte. Am selben Tag begingen die Palästinenser ihren «Tag des Bodens», der an Enteignungen und Landnahme seitens Israels erinnern soll.

Den kalendarischen Zufall hätten Israelis und Palästinenser zur Abwechslung auch mal fantasievoll nutzen können: Diejenigen, die noch immer an einen Frieden glauben, hätten zu den Grenzanlagen ziehen können, um sich symbolisch die Hände zu reichen. Eine naive Idee? Hilflos? Die Gewaltexplosion am Wochenende beweist doch, wie destruktiv und gleichzeitig einfallslos die Kräfte im Konflikt wirken.

Die Stammbesetzung des Nahostdramas zeigt, wie routiniert sie ihre Rollen beherrscht: Die radikal­islamische Hamas kapert einen unabhängig organisierten Protest am Grenzzaun und sorgt dafür, dass die alten Bilder entstehen: Autoreifen brennen, Grenzanlagen werden gestürmt, neue Gesichter können als Märtyrer plakatiert werden. Auf der anderen Seite erklärt Israels Verteidigungsminister alle Demonstranten zu Terroristen und jeden Kritiker der Armee zum Feind des jüdischen Staates. Und die UNO-Offiziellen fordern reflexhaft eine Untersuchung der Vorgänge, was die USA im Sicherheitsrat wohl genauso reflexhaft blockieren werden.

Dieses Schauspiel wird sich nun wohl sechs Wochen lang hinziehen, bis Israel am 14. Mai das 70. Jubiläum der Staatsgründung feiert. Einen Tag später erinnern die Palästinenser an das gleiche Ereignis, nur nennen sie es «Nakba», Katastrophe. Sieben Jahrzehnte haben nicht ausgereicht, um einen Überdruss an diesem Konflikt zu erzeugen. Sieben Jahrzehnte reichten aber aus, um das letzte bisschen Fantasie zu seiner Lösung zu betäuben. Betäubt sind die Politiker in Nahost, betäubt sind sie in Washington und im Rest der Welt. Sie alle haben sich schon viel zu lange in den Verhältnissen eingerichtet.

Erstellt: 02.04.2018, 23:57 Uhr

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