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«Bin wieder zu Hause, müde, aber voller Hoffnung für Ägypten»

Wie erleben die Menschen in den Strassen Kairos den Kampf um ihre Freiheit? Eine junge Lehrerin erzählt tagebuchartig von ihren Besuchen auf dem Tahrir-Platz, medizinischer Nothilfe und ihren Hoffnungen.

cpm
Der Protest der Frauen: Ägypterinnen beteiligen sich an den Demonstrationen in Kairo.
Der Protest der Frauen: Ägypterinnen beteiligen sich an den Demonstrationen in Kairo.
Reuters
Auffällig und gewaltlos: Ägyptische Demonstrantin auf dem Tahrir-Platz.
Auffällig und gewaltlos: Ägyptische Demonstrantin auf dem Tahrir-Platz.
Keystone
Der Sternmarsch vom Freitag soll friedlich verlaufen und auch etwas für Familien sein: Mutter mit Kindern in den Strassen von Kairo.
Der Sternmarsch vom Freitag soll friedlich verlaufen und auch etwas für Familien sein: Mutter mit Kindern in den Strassen von Kairo.
Reuters
Pause für die Demonstranten: Nach stundenlangem Aufstand gönnen sich die Regierungs-Gegner einen Moment der Ruhe.
Pause für die Demonstranten: Nach stundenlangem Aufstand gönnen sich die Regierungs-Gegner einen Moment der Ruhe.
Reuters
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«Nach einer turbulenten Nacht mit vielen Verletzten rufen mich Freunde an. Sie würden mit Speisen und Getränken zum Tahrir-Platz gehen. Ich kontaktiere Bekannte, die nahe am Ort des Geschehens wohnen. Sie sollen mir sagen, was die Demonstranten brauchen, insbesondere die verletzten. Ich will auch herausfinden, ob ich überhaupt zum Tahrir-Platz vorstossen kann.

(…) ich erhielt eine Liste mit Medikamenten, welche für die verletzten Demonstranten gebraucht werden. Die habe ich in mehreren Apotheken bezogen, dann mache ich mich auf Richtung Stadtzentrum.

(…) normalerweise parkiere ich eine Meile entfernt von dort und gehe den Weg über die Brücke zu Fuss. Weil ich heute Medikamente und Wasser – nur schon ein paar Flaschen sind schwer – dabei habe, parkiere ich meinen Wagen so nahe wie möglich am Eingang bei Qasr al-Nil.

(…) überall Zeichen von Zerstörung. Haufenweise Müll. Menschenansammlungen. Mir ist nicht klar, wer zu wem gehört. Plötzlich ein mir bekanntes Gesicht. Ein Journalist aus New York, der nach Kairo kam, um vom Aufstand zu berichten. Wir gehen zusammen zum Eingang vor dem Stadtzentrum, wurden dort aber separiert. Für die Personenkontrolle müssen Männer und Frauen durch verschiedene Eingänge.

(…) Bürgerkomitees sind dort für die Kontrolle zuständig. Durchsucht wird das Gepäck und der Ausweis. Die Kontrollen sind nicht so strikt, die Leute sehr nett. Sie entschuldigten sich sogar im Voraus wegen der Personenkontrolle. Sie suchen jeden nach scharfen und harten Gegenständen ab. Ich hatte solche medizinische Scheren. Das hatte mir ein Medizinstudent geraten. Zwei Scheren hatte ich in einer Seitentasche. Sie fanden sie nicht. Der Eingang war bewacht vom Militär. Panzer standen dort.

(…) einmal drinnen, sahen wir den zerstörten Platz. Der Boden aufgerissen. Überall fehlen Stücke. Ich sehe Samah, eine meiner Studentinnen an der Theaterschule. Sie zählt zu denjenigen, die täglich – seit dem 25. Januar – auf dem Platz patrouillieren, um Steine und Müll wegzuräumen. Sie zeigen damit auch ihre politische Haltung. Mit grossen Abfallsäcken bewegen sie sich zwischen den Demonstranten. Anstatt zu sagen, «wirf den Müll hier rein», heisst es: «Spende an die National Party» (die Partei von Hosni Mubarak).

(…) wir bewegen uns zur medizinischen Versorgungsstelle in einer Moschee in einer Seitenstrasse. Wir sehen Verletzte. Menschen mit Beinverletzungen und Gipsbandagen, Kopfverletzungen und Platzwunden an der Stirn. Ich gebe meine in einem Plastiksack mitgebrachten Medikamente ab. Ein Arzt macht klar, dass es genug davon hat. Was sie bräuchten, seien zwei Laptops. Die Verletzten sollen erfasst werden. Eine Facebook-Seite soll geöffnet werden, damit sich Angehörige informieren können.

(…) ich sehe einen Mann mit einem Mikrofon. Er sagt, sie hätten Freiwillige für die Schreibarbeit gefunden. Später höre ich, wie er minutenlang wiederholt, die Leute sollten unter keinen Umständen Geld sammeln. Was immer sie bräuchten, bekämen sie. Die Leute auf dem Platz klatschen und jubeln dem Mann mit dem Mikrofon zu.

(…) es ist Mittag. Ich stehe in der Nähe des Nationalmuseums. Die Demonstranten hatten dieses in der vergangenen Nacht vor den Molotow-Cocktails der Schläger-Truppen beschützt. Plötzlich höre ich ein lautes metallenes Donnern. Ein junger Mann schlägt mit einem Stock an den Metallzaun. Jetzt erst realisiere ich, was abgeht. Die von der Oppositionsbewegung auf den Dächern postierten Wachen haben Alarm geschlagen. Sie orteten Schergen, die sich auf den Platz zu bewegen. Mit ihrem Lärm alarmieren sie die Demonstranten.

(…) das ist einfach nur beeindruckend. Diese jungen Leute schützen unser Nationalmuseum, sie schützen den Platz und sie schützen unsere Zukunft. Dieser Anblick gibt mir so viel Hoffnung, für Ägypten und die Ägypter.

(…) da ist aber auch die andere Seite. Ich höre von Schläger-Truppen, die Leute mit Nachschub an Essen und Medikamenten abfangen. Ein Freund ruft mich an, er hatte ein ganzes Auto voll. Jetzt ist alles weg. Sie haben es ihm genommen.

(…) ich habe es sicher nach Hause geschafft. Müde, dafür mit noch mehr Hoffnung für Ägypten als am Morgen. Jetzt mache ich mir aber Sorgen wegen des Freitags, dem elften Tag des Protests. Das wird entscheidend. Ich hoffe zutiefst, dass der Weg der Veränderung friedlich sein wird.

Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Chapman.

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