Blutige Botschaften von ganz oben

In vielen Fällen von politisch motivierten Morden fehlt ein schlüssiges Motiv. Vielmehr geht es um Hass und Machtdemonstration.

Im Auftrag der Politik getötet: die russische Journalistin Anna Politkowskaja.

Im Auftrag der Politik getötet: die russische Journalistin Anna Politkowskaja. Bild: AP Photo/Pavel Golovkin/Keystone

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Keiner hat besser überlebt, und nur wenige haben besser unterdrückt und wohl auch morden lassen als Fidel Castro. Revolutionär, Präsident, Diktator – die kubanische Vollbartlegende erfuhr schon zu Lebenszeiten eine seltsame Verklärung. Das hatte auch mit seiner Fähigkeit zu tun, am Leben zu bleiben. 638 Anschlagsversuche auf seinen Máximo Líder will der kubanische Abwehrchef gezählt haben: Tötungsversuche per Zigarre, eine mit Sprengstoff gefüllte Muschel, die klassische Venusfalle mit der enttäuschten Geliebten. Sechs Attentatsversuche des US-Geheimdienstes CIA sind dokumentiert.

Wer derart unverwüstlich erscheint, wird schnell für unsterblich erklärt. Das befördert Mythos und Macht. Castro hatte von beidem reichlich zu bieten, wenn auch die Zahl der Attentatsversuche deutlich geschönt sein mag. Auch sein eigenes Machtsystem errichtete Castro mithilfe von Gewalt und Unterdrückung – der Nachweis direkter Mordanweisungen ist freilich schwer zu führen. Historisch nicht endgültig bewiesen, aber durch Indizien naheliegend, ist seine Beteiligung bei der Beseitigung des Mitkämpfers und Rivalen Camilo Cienfuegos, der angeblich bei einem Flugzeugabsturz verschollen sein soll.

Was bei Castro (der 2016 eines natürlichen Todes gestorben ist) folkloristisch verklärt wird, ist seit Jahrtausenden elementarer Bestandteil des Geschäfts von Macht und Herrschaft: Es wird gemordet auf Befehl von oben, ganz oben. Die politisch motivierte Ermordung von Missliebigen, von Rivalen und Aufmüpfigen kann man fast schon eine historische Selbstverständlichkeit nennen – wenn sie nicht immer wieder Schock und Empörung auslösen würde und stets die berechtigte Frage nach dem Sinn dieser Taten aufwürfe: Bringt die Tötung auf Befehl einen Vorteil?

Während eine der Urversionen des politischen Mords, die Erdolchung von Gaius Julius Cäsar im Jahr 44 vor Christus, vordergründig die Befreiung vom Tyrannen zum Ziel hatte (und natürlich auch politische Interessen der Mörderbande durchsetzen sollte), ist die Variante «Herrscher tötet Missliebige» selten von einem schlüssigen Motiv getrieben. Tief sitzender Hass, Rachegelüste, Abschreckung und die schiere Lust an der Machtdemonstration leiten Potentaten bei ihrem Tötungsbefehl. Allmachtsfantasien spielen nicht selten eine Rolle bei der Entscheidung.

Fanatiker oder psychisch gestörte Täter

In diese Kategorie mag auch der Fall des saudischen Regimekritikers Jamal Khashoggi fallen, dessen Tötung Saudiarabien jetzt eingeräumt hat. Wenig deutet darauf hin, dass er eine ernsthafte Bedrohung für das saudische Königshaus und den Kronprinzen abgegeben hätte. Selbst wenn er klare wirtschaftliche oder politische Interessen verfolgt hat: In der Abwägung der Risiken hätte sich jeder wache Kopf die dreiste Tötung in einem Konsulat zweimal überlegt. So lässt die mutmassliche Tat auch einen Blick auf das Selbstverständnis des saudischen Herrscherhauses zu – und lädt zu Spekulationen über den Umgang mit Missliebigen in Saudiarabien selbst ein, wo keine Überwachungskameras und keine kritische Öffentlichkeit ein mögliches Opfer schützen.

Video – Der Fall Khashoggi

Was über das Verschwinden des saudischen Regimekritikers bekannt ist. (Video: Tamedia mit Material der AFP, AP)

Statistiken zu politisch befohlenen Morden gibt es nicht, zu sehr verschwimmen die Grenzen zwischen den Tötungskategorien. In der Regel werden politische Attentate von Fanatikern oder psychisch gestörten Menschen begangen, sie suchen Ruhm oder handeln im Wahn. Herostrat hat den Tempel der Artemis niedergebrannt, um unsterblich zu werden, was ihm gewissermassen gelungen ist. Die historisch bedeutsamen Morde an Politikern – John F. Kennedy etwa oder Israels Regierungschef Jitzchak Rabin – waren mutmasslich die Taten von Einzelgängern, wenn auch der Rabin-Mörder in einem politischen Umfeld radikalisiert wurde.

Die Auftragsmorde im Namen eines politischen Herrschers sind schwerer nachzuweisen, aber deswegen nicht seltener. Historisch unvergessen bleiben der Mord an Patrice Lumumba 1961, dem ersten gewählten Ministerpräsidenten der unabhängigen Republik Kongo (befohlen von belgischen Polizisten), die Ermordung des gerade heilig gesprochenen Erzbischofs von San Salvador, Óscar Romero, (erschossen auf Befehl des Vize-Geheimdienstchefs), oder die Morde in den politischen Familien Libanons, allen voran am ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri.

Die Ermordung des Diktators der Dominikanischen Republik Rafael Trujillo 1961, des südvietnamesischen Präsidenten Ngo Dinh Diem 1963 und des chilenischen Militärchefs René Schneider 1970 gingen wohl auf das Konto der CIA. Geheimdienste als Exekutoren des politischen Willens haben breite Blutspuren durch die Geschichte gezogen. Viele Fälle der CIA sind dokumentiert, ehe 1981 US-Präsident Ronald Reagan ein Attentatsverbot verhängte – das vermutlich so rigoros nie befolgt wurde.

CIA-Handbücher für gezielte Tötungen

Zuletzt wurde die gezielte Tötung von Gegnern im Kampf gegen den Terror als staatlich verordneter Mord kritisiert. Handbücher der CIA beschreiben ausführlich Bedeutung und Durchführung sogenannter High Value Target Operations – gezielter Tötungen wichtiger Personen im Anti-Terror-Kampf.

Endlos auch die Liste der Opfer, die dem sowjetischen und später russischen Geheimdienst oder deren einstigen Satellitendiensten zugeschrieben werden. Spektakulär war der Schirmmord am bulgarischen Regimekritiker Georgi Markow, der auf der Londoner Waterloo Bridge durch eine Rizin-Injektion getötet wurde. Der Attentäter jagte 1978 eine Giftkapsel mithilfe eines in der Schirmspitze versteckten Gasdruckzylinders in Markows Bein. 40 Jahre später haben sich die Methoden wenig geändert. Der Fall des Ex-Agenten Sergej Skripal und seiner Tochter Julia, die mit Gift attackiert wurden, zeugt von der heutigen Skrupellosigkeit der Auftragsmörder.

Gerade in Territorien mit grosser Willkür und geringem Rechtsstaatsverständnis schnellt die Rate der politischen Morde hoch. Selten haben sich Morde dieser Art so häufig ereignet wie Anfang der 2000er-Jahre in Russland. Einer der bekanntesten Fälle: die Erschiessung des Duma-Abgeordneten Sergej Juschenkow im Hof vor seiner Moskauer Wohnung. Juschenkow war damals der neunte tote Abgeordnete seit dem Machtumbruch zehn Jahre zuvor. Statistiken zählten in dieser Zeit bis zu 5000 Auftragsmorde in Russland auf, unter den Opfern fanden sich Gouverneure, regionale Abgeordnete, Beamte.

2006 wurde mitten in Moskau die Journalistin und Tschetschenien-Kritikerin Anna Politkowskaja im Treppenhaus ihres Wohnblocks erschossen, sieben Jahre später der Oppositionspolitiker Boris Nemzow ganz in der Nähe des Kreml – die Spur führte in beiden Fällen in den tschetschenischen Machtapparat, an dessen Spitze Ramsan Kadyrow ein Schreckensregime führt. Seine Rachehand wird überall in Europa gefürchtet.

Morde im Namen des Staates, oft bewusst offen ausgeübt, sollen nämlich auch abschrecken und Furcht verbreiten. Saudische Regimekritiker haben mit dem Fall Khashoggi auch eine andere Botschaft vernommen: Seht euch vor. Als in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine mysteriöse Verbrechenswelle unter Jugoslawen in Deutschland registriert wurde, tat sich die Bundesanwaltschaft schwer mit der Aufklärung. Vier Morde, acht Mordversuche, 20 versuchte oder tatsächlich verübte Sprengstoffanschläge: Die Botschaft der Killerkommandos von Jugoslawiens Staatschef Tito an vor allem kroatische Separatisten war eindeutig. Deutschland diente nur als Operationsraum, die Tat war die Botschaft.

Heute tun sich Staaten erheblich leichter mit der Aufklärung der Fälle – was potenzielle Täter jedoch nicht wirklich abzuschrecken scheint. Das Detailwissen der türkischen Behörden über die Vorgänge im Generalkonsulat Saudi-Arabiens und in der Wohnung des Konsuls geben auch einen Einblick in die Aufklärungsarbeit der türkischen Dienste. Entweder sind die Gebäude bis in den letzten Winkel verwanzt, oder die elektronische Kommunikation wird lückenlos abgefangen. Vermutlich beherrschen die Türken beides.

Der Fall Skripal hat gezeigt, wie selbst nicht staatliche Ermittler und Rechercheure in Russland mithilfe simpler Techniken die mutmasslichen Täter und ihr Leben ausforschen konnten. Die Kriminaltechnik hat bereits im Fall Alexander Litwinenko erstaunliche Details zutage gefördert: Die Mörder des mit dem radioaktiven Polonium vergifteten Ex-Agenten haben im Wortsinn eine leuchtende Fährte gelegt. Polonium-Spuren liessen sich auf ihrem gesamten Reiseweg nachweisen.

Ob der Mossad oder der vietnamesische Geheimdienst, ob CIA oder Russlands FSB, ob mithilfe halbseidener Leibwächter oder bezahlter Auftragskiller, ob über Mittelsmänner der Schattenwelt oder aufgepeitschte Fanatiker: Es wird weiter gemordet im Namen der Macht. Nur eines gelingt den Mördern immer seltener: Der Andersdenkende wird durch die Tat nicht ausgelöscht. Was in der Antike als «Damnatio memoriae», als Verdammung des Andenkens, bekannt war, funktioniert nicht mehr. Der Feind verschwindet nicht aus dem öffentlichen Gedächtnis. Im Gegenteil.

Erstellt: 20.10.2018, 17:31 Uhr

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