Zum Hauptinhalt springen

Briefe aus der Sperrzone

Der Palästinenser Abed Schokry protestiert – in fehlerfreiem Deutsch.

«Wir leben eingezäunt wie ‹wilde Tiere› unter menschenunwürdigen Bedingungen»: Abed Schokry.
«Wir leben eingezäunt wie ‹wilde Tiere› unter menschenunwürdigen Bedingungen»: Abed Schokry.

«Ich bin verzweifelt, und ich bin auch wütend.» Mit diesem Satz beginnt Abed Schokrys offener Brief aus Gaza, der sich in den vergangenen Tagen rasant verbreitet hat. Der Palästinenser schildert darin seine Sicht auf die Proteste, die seit fünf Wochen Menschen im Gazastreifen in Richtung Grenze treiben. Er beschreibt diese Bewegung als Marsch «verzweifelter Menschen». Er übt Kritik an der Berichterstattung über die Demonstrationen: «Die Weltpresse beschuldigt die Hamas, die Proteste gesteuert zu haben.»

Der Brief ist in fehlerfreiem Deutsch geschrieben. Der Verfasser reagiert prompt auf eine E-Mail mit der Bitte um ein Treffen und schlägt ein Café in Gaza-Stadt vor. Auf die Frage, woher er so gut Deutsch könne, sprudelt der 46-Jährige los. Einiges habe er schon in Gaza bei einer damaligen Mitarbeiterin des deutschen Vertretungsbüros gelernt, ehe er 1990 in eine Sprachschule in Freiburg im Breisgau kam. Anschliessend machte Schokry das deutsche Abitur.

«Als Erstgeborener ist es meine Pflicht, heimzu­kehren.»

Abed Schokry

Schon während seines Maschinenbaustudiums an der Technischen Universität Darmstadt ab 1992 begann er sich als Vertreter der ausländischen Studierenden zu engagieren. «Da begann auch meine politische Karriere.» Nach einer Pause fügt er hinzu: «Als Palästinenser.» Wo immer er hinkam, sei er nach der Situation in seiner Heimat gefragt worden. Der Muslim begann, sich am interreligiösen Dialog mit Christen und Juden zu beteiligen. Das Studium schloss er im Bereich biomedizinische Technik in Berlin ab mit einer Dissertation, in der er die Ausstattung von Rettungswagen in den palästinensischen Gebieten mit der in Jordanien und Deutschland verglich.

Ab 2002 lebte auch seine Frau mit ihm in Deutschland, sie promovierte ebenfalls auf Deutsch in Pharmazie, die zweitälteste Tochter kam in Berlin zur Welt. Trotzdem wollte die Familie «nach Hause», wie er betont. «Ich bin der Älteste einer Familie mit 14 Kindern. Als Erstgeborener ist es meine Pflicht, heimzu­kehren. Ich habe auch eine Vorbildfunktion.» Schokry lehrt inzwischen an einer Universität in Gaza im Bereich Ingenieurwissenschaften.

Sein Kontakt nach Deutschland ist nie abgerissen, seit 2007 schreibt er offene Briefe und stellt darin Fragen wie diese: Ob sie sich vorstellen könnten, mit nur vier Stunden Strom pro Tag zu leben. «Wir leben eingezäunt wie ‹wilde Tiere› unter menschenunwürdigen Bedingungen.» Schokry ist kein Aktivist und hat nicht an den Protesten teilgenommen. Aber er hält sie für wichtig, «das ist ein Aufschrei, ein Signal an die Welt». Zum ersten Mal seit Jahren seien bei Demonstrationen nur palästinensische Flaggen zu sehen – keine schwarzen Flaggen des Islamischen Jihad, keine grünen von der Hamas. «Die Hamas ist natürlich nicht blöd und sagt, das sei eine gute Chance für uns. Sie laufen da mit.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch