Chibok-Girls leben heute in einer anderen Welt

Vor fünf Jahren verschleppte die Terrorgruppe Boko Haram im Dorf Chibok fast 300 Schülerinnen. Eine von ihnen: Comfort. Sie konnte fliehen und darf nun auf Staatskosten studieren.

Freigelassene Chibok-Girls feiern, bevor sie wieder mit ihren Familien vereint werden. Foto: AFP

Freigelassene Chibok-Girls feiern, bevor sie wieder mit ihren Familien vereint werden. Foto: AFP

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Vor fünf Jahren stand Emos Lawal schon einmal in diesem kleinen Innenhof in Yola, im Norden Nigerias. Damals hatte er seit Tagen nichts gegessen, Tränen rannen ihm über die Wangen. «Ich habe mich schuldig gefühlt, weil ich meine Tochter nicht beschützen konnte», sagt er. Comfort war eine von 276 Schülerinnen, die von der Terrororganisation Boko Haram entführt worden waren, als «Chibok-Girls» wurden sie weltweit bekannt, benannt nach dem kleinen Ort, in dem sie von den Islamisten gekidnappt worden waren.

112 Mädchen vermisst

«Chibok-Girls» heissen sie auch fünf Jahre später noch, wenn in diesen Tagen an die Entführung im April 2014 erinnert wird, obwohl aus den Mädchen von damals längst junge Frauen geworden sind. Wenn sie denn noch ­leben. Von den 276 Schülerinnen konnten 57 fliehen, 107 wurden befreit, von den anderen 112 fehlt jede Spur. Einige von ihnen sind womöglich nicht mehr am Leben.

In den ersten Monaten und Jahren nach der Entführung liessen sich noch viele Prominente mit dem Hashtag #bringbackourgirls fotografieren, Michelle Obama war dabei und die Schauspielerin Angelina Jolie. Mittlerweile ist die Aufmerksamkeit stark zurückgegangen.

«Comfort und die anderen Mädchen denken oft an die, die noch nicht freigekommen sind», sagt der Vater Emos Lawal. Er ist an diesem Tag aus der Region Chibok nach Yola gekommen, um seine Tochter von der Universität abzuholen, wo sie mit fast 100 anderen Mädchen studiert, die aber derzeit keine Interviews geben wollen, wie die Schule mitteilt – wozu sich auch die Angehörigenvereinigung entschieden habe, sagt der Vater, es solle nicht alles wieder hochkommen.

Emos Lawal, Vater einer einst entführten Schülerin. Foto: B. Dörries

Seiner Tochter gehe es aber gut, meistens jedenfalls, sagt er, so oft sehe er sie ja nicht. Manchmal reiche es für zwei Telefonate die Woche, manchmal nicht. Nach ihrer Freilassung kamen die Mädchen erst einmal in die Obhut der Regierung, wurden auf einem Militärgelände monatelang isoliert, ein wenig so, als seien sie nicht Opfer, sondern Täterinnen gewesen. Die Regierung befürchtete, dass einige Mädchen in den Jahren der ­Geiselhaft selbst zu Terroristinnen geworden sein könnten – oder erneut Opfer einer Entführung werden könnten. Nichts ­davon trat ein.

Mittlerweile studieren an die hundert von ihnen in Yola, einer ziemlich verschlafenen Stadt mit etwa 100'000 Einwohnern, deren grösste Attraktion die American University ist, ein moderner Campus mit eigenem ­Hotel und Swimmingpool. Nur die Elite Nigerias kann hier die Studiengebühren bezahlen, in einer ­Region, in der sich viele nicht einmal das Schulgeld von ein paar Franken im Monat leisten können.

Emos Lawal hatte die Zukunft seiner Tochter auf dem Feld gesehen, nicht auf der Schule oder gar an der Universität. Wie so viele andere Eltern. Als ihre Töchter aber aus der Geiselhaft freikamen, beschloss die Regierung, sie an die Uni zu schicken und die Kosten zu übernehmen. Ein Staat, der sich sonst nicht sonderlich um seine Bürger kümmert, zeigte so etwas wie ein schlechtes Gewissen, weil er die Mädchen nicht vor Gewalt und Entführung schützen konnte. «Ich bin stolz auf meine Tochter, auf ihre Unabhängigkeit und ihre Ausbildung», sagt der Bauer. Im Dorf sähen das aber nicht unbedingt alle so, etwa 20 Eltern, schätzt er, würden ihre Kinder gerne wieder bei sich zu Hause haben, nicht auf der Uni. «Manche Eltern wollen ihre Töchter verheiraten, damit sie über den Mann wieder Zugang zu ihnen haben.»

Weit von den Eltern entfernt

Denn im Moment sind sie eine Tagesreise weit weg von Chibok, was die reine Fahrzeit angeht. Und noch viel weiter entfernt vom Leben ihrer Eltern. Sie wohnen in modernen Studentenwohnheimen, mit Toiletten auf dem Flur, mit Klimaanlage und Fernseher. Ärztinnen wollen manche werden oder Politikerinnen. Nicht Bauern wie die Eltern. Dagegen habe er prinzipiell nichts, sagt der Vater: «Ich weiss aber nicht, was sie studiert, ­welchen Abschluss sie macht oder wann sie fertig wird.» Es gebe zu wenig Informationen von der Universität für die An­gehörigen. Manche Eltern würden das so empfinden, als habe man ihnen die Töchter erneut weggenommen.

«Es gibt immer welche, die sagen, ich hätte mein Kind lieber auf dem Feld. Man sollte aber nicht zu viel auf diese Neinsager geben, am Schluss sind doch alle stolz, wenn das Kind den Abschluss und viele Chancen hat», sagt Reginald Braggs. Er war früher bei den US-Marines, was man ihm heute noch ansieht; nach dem Gespräch verschwindet er gleich ins Fitnessstudio. Der frühere Soldat Braggs ist an der American University für die Betreuung der Chibok-Girls zuständig, er sitzt in seinem kleinen Büro, auf dem Schreibtisch steht eine Karte mit den Widmungen seiner Schülerinnen.

Am Anfang, als die ersten Mädchen kamen, habe er sich Sorgen gemacht, um den psychischen Zustand, aber auch um ihre akademische Reife. Was ihre Ausbildung angehe, sei schliesslich während der Gefangenschaft die Uhr einfach angehalten geworden, viele Jahre lang durften die Mädchen nichts lernen. «Boko Haram» heisst übersetzt «gegen westliche Bildung».

Amerikanische Herangehensweise

Seit 2017 sind die meisten Frauen nun an der Uni, in der «New Foundation School», wie das Programm für die Chibok-Girls heisst. Angefangen haben sie mit etwas Mathe- und Englisch-Nachhilfe und dann gemerkt, dass das nicht reicht. Nun gibt es eine Komplettbetreuung, mit eigener Psychologin und Pastor. Das Ziel: aus den ­jungen Frauen normale Stu­dentinnen zu machen. Denn ­normal waren sie ja auch hier nicht, als sie ­ankamen. Die ­Kommilitonen starrten die Neuankömmlinge in der Mensa an, sodass für die ­ehemaligen Geiseln spe­zielle Öffnungszeiten eingeführt wurden.

Mittlerweile, sagt Braggs, habe sich das Klima normalisiert, seien die ersten in den normalen Studienbetrieb integriert und lebten ausserhalb des Campus. Das Selbstbewusstsein wachse mit jedem Tag. Es ist eine sehr amerikanische Herangehensweise, die hier praktiziert wird. «Egal, wie ich mich fühle, ich gebe niemals auf, denn ich bin ein Gewinner», steht an der Wand des Gemeinschaftsraums, an Tafeln wird über die Sieger des Vortragswettbewerbs informiert und den nächsten Buchstabier-Pokal. Wörter wie «Soldat» und «arm» bekommen sie dann auch vorgelegt, Braggs und seine Kollegen sind da ziemlich schmerzfrei.

Terrorgefahr nicht gebannt

Was aber nicht für seine Schülerinnen gelte, wie er einräumt. Die kämen ihm manchmal vor wie eine einzige Person, so eng seien sie verbunden durch die gemeinsame Erfahrung. Als jüngst der Vater eines Mädchens starb, habe das ganze Wohnheim geweint, wie eine Welle sei der Schmerz durch alle Körper gefahren, erzählt Braggs. Die Verbundenheit sei positiv, weil eine die andere motiviere, aber auch schwer zu kontrollieren, wenn eine Spirale der negativen Gefühle entstehe.

Was aber immer seltener passiere, sagt Braggs. «Ihr habt das Schlimmste erlebt, jetzt bekommt ihr das Beste», so habe es die Schule den ehemaligen ­Geiseln versprochen. Bis jetzt habe man Wort gehalten. Und die nigerianische Regierung habe bis jetzt noch immer die Gebühren bezahlt.

Für die jungen Frauen hat sich ­alles verändert. Für ihre Eltern und Geschwister nicht. Der Vater Emos Lawal wird am nächsten Tag wieder in sein Dorf zurückfahren, in eine Region, in der die Terroristen immer noch ­präsent sind und Dörfer über­fallen. «Wir laufen aber nicht mehr vor ihnen weg», sagt Lawal. «Wir ­haben nichts mehr, wo wir hinkönnen.»

Erstellt: 24.04.2019, 18:43 Uhr

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