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Damaskus atmet auf

Syrien ist bereit, seine Giftgasbestände offenzulegen. Der US-Militärschlag ist auf Eis gelegt. In der Bevölkerung der syrischen Hauptstadt macht Anspannung Erleichterung und Galgenhumor Platz.

Vorerst kann das Leben weitergehen: Ein Mann fährt auf dem Fahrrad durch das Zentrum von Damaskus. (9. September 2013)
Vorerst kann das Leben weitergehen: Ein Mann fährt auf dem Fahrrad durch das Zentrum von Damaskus. (9. September 2013)
AFP
Sich auf dem Laufenden halten: Eein Mann liesst an einem Kiosk die Zeitung.
Sich auf dem Laufenden halten: Eein Mann liesst an einem Kiosk die Zeitung.
AFP
Schulanfang in Krisenzeiten: Ein Junge sucht sich mit seiner Familie in Damaskus einen Rucksack für die Schule an.
Schulanfang in Krisenzeiten: Ein Junge sucht sich mit seiner Familie in Damaskus einen Rucksack für die Schule an.
AFP
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«Puh, da sind wir wohl gerade nochmal davongekommen», seufzt Nabil. Wie viele Syrer ist der Händler aus Damaskus froh, dass ein US-Militärschlag auf sein Land vorerst abgewendet scheint. Syrien will nach Angaben von Aussenminister Walid al-Muallim der internationalen Chemiewaffenkonvention beitreten. Sein Land sei zudem bereit, seine Giftgasbestände offenzulegen und die weitere Produktion von Chemiewaffen zu stoppen.

Syriens Regierung hatte den Vorschlag aus Moskau am Montag akzeptiert, dies hatte für eine Atempause gesorgt. Bis auf Weiteres behalten offenbar Diplomaten statt Generäle das Sagen.

«Als meine Frau die Nachrichten über den russischen Vorstoss sah, machte sie vor Freude einen Luftsprung - und unsere Kinder auch», berichtet ein Anhänger von Präsident Bashar al-Assad. Im Justizpalast habe regelrechte Euphorie geherrscht, die Mitarbeiter dort hätten sich umarmt, einer gar gejubelt: «Das ist der Beginn vom Ende des Krieges!»

«Die Erde zum Beben gebracht»

Ob sie Assad nun verehren oder verachten - egal, wer am Dienstag in Syrien von Reportern der Nachrichtenagentur AFP zur Stimmungslage befragt wird, äusserst sich erleichtert. Luftangriffe der USA hätten schliesslich «fürchterliche Zerstörung» mit sich gebracht, sagt der Schneider Abu Hussein. Jede einzelne High-Tech-Rakete «kostet eine Million Dollar». Die Konsequenzen wären also klar gewesen: «Sie hätten die Erde in Damaskus zum Beben gebracht.»

Laut einem Zeitungsbericht planen die USA inzwischen Luftangriffe auf weit mehr als die ursprünglich anvisierten 50 militärischen Ziele in Syrien, um Assad für den mutmasslichen Chemiewaffeneinsatz mit mehr als 1400 Toten am 21. August zu bestrafen: Der «Los Angeles Times» zufolge bereitet das Pentagon deutlich längere und härtere Militärschläge vor als anfangs erwogen. Unter Berufung auf Verteidigungskreise schreibt die US-Zeitung, dass nach einer massiven Raketenoffensive einzelne Folgeangriffe die zuvor verfehlten Ziele ausschalten sollen. US-Präsident Barack Obama will von seinem Kongress Zustimmung für eine auf 60 Tage begrenzte Militäraktion, verlängerbar um weitere 30 Tage.

«Wir sind ja keine Tiere»

Das war zumindest der Stand bis zum Montag. Dass nun erst einmal die Diplomatie eine weitere Chance erhalten soll, freut Nabila al-Sawahiri umso mehr. «Wir sind ja keine Tiere, sondern menschliche Wesen», sagt die Englischlehrerin aus Bab-Tuma, einem Stadtteil von Damaskus. «Man muss doch miteinander reden können, anstatt sich gegenseitig zu töten.»

Doch in die breite Erleichterung mischen sich auch skeptische Stimmen. «In diesem Land, wo wirklich jeder Angst hat, weisst Du nie, wann Dich der Tod ereilt», gibt ein Obsthändler zu bedenken, der nicht namentlich genannt werden möchte. Ein Kollege traut den westlichen Grossmächten nicht über den Weg und fürchtet eine Intervention selbst dann, wenn Assad alle Bedingungen erfüllen sollte: «Sie werden immer einen neuen Vorwand für Angriffe finden», glaubt er.

Zynismus und Galgenhumor

Wie so oft in Krisenzeiten flüchten sich auch die Menschen in Syrien ob ihrer Ängste und ungewissen Lage zunehmend in Zynismus und Galgenhumor. Makabere Scherze zur - je nach Sichtweise unmittelbar bevorstehenden oder vorerst abgewendeten - Militärintervention geniessen Hochkonjunktur. Im Internet kursiert eine Karikatur des US-Präsidenten, auf der Obama einem Gänseblümchen die Blüten auszupft und vor sich hin murmelt: «Soll ich bombardieren? Oder soll ich nicht bombardieren?»

Populär ist dieser Tage auch die Geschichte über einen heiratsunwilligen Mann, der seine Verlobte - wissend um das zähe diplomatische Politgeschacher - um ein wenig mehr Geduld bittet: «Liebste», sagt er zärtlich, «lass uns lieber bis nach dem Angriff warten. Dann sehen wir weiter.»

AFP/kpn

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