«Das ist ein neuer Anfang»

Ekrem Imamoglu ist der neue Bürgermeister von Istanbul. In der Wahlnacht bittet er auch Präsident Erdogan um Unterstützung.

Greift seine Gegener nicht an: Der Oppositionskandidat hält seine Emotionen in der Wahlnacht im Zaum.

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In der Nacht, in der Istanbul ein politisches Erdbeben erlebt hat, ist erst einmal alles wie gehabt: In der zentralen Fussgängerzone, der Istiklal, im Herzen der Stadt, drängen sich arabische Touristen, Markenklamottenläden sind kurz vor Mitternacht noch geöffnet, es gibt keinen Alkohol. Das ist in allen Wahlnächten in der Türkei so und hat nichts mit der islamisch-konservativen AKP zu tun, die gerade die schwerste Niederlage seit ihrer Gründung im August 2001 zu verkraften hat.

In der Istiklal stehen alle paar Hundert Meter Wasserwerfer der Polizei, einige Nebenstrassen sind mit Polizeigittern abgesperrt. Hier jubelt keiner. Aber von Ferne ist das Hupkonzert zu hören, die Autokorsos, die über die Istanbuler Schnellstrassen rollen, wo man sie nicht zu fassen kriegt. Und in Beylikdüzü, jenem Aussenbezirk am Marmarameer, wo Ekrem Imamoglu, der neue Oberbürgermeister von Istanbul, zuletzt im lokalen Rathaus tätig war, haben sich Tausende versammelt, um ihren Helden zu feiern. «Das ist ein neuer Anfang», sagt Imamoglu, «Istanbul wird von jetzt an regiert werden von Gerechtigkeit, Gleichheit, Liebe.»

Der Mann wischt sich den Schweiss von der Stirn, die Nacht ist schwül und warm, aber der doppelte Wahlsieger hat auch im Moment seines grössten Triumphes seine Emotionen im Zaum. Er bleibt in der Rolle des Versöhners, die er in beiden Wahlkämpfen spielte, vor dem 31. März und vor der erzwungenen Wahlwiederholung am Sonntag. Er mahnt gar, das Feiern nicht zu übertreiben, um denen, die ihn nicht gewählt haben, «nicht das Herz zu brechen». In Beylikdüzü hat Imamoglu 62 Prozent der Stimmen bekommen, in ganz Istanbul 54,2 Prozent. Der Unterschied zum Kandidaten der regierenden AKP, zu Ex-Premier Binali Yildirim, beträgt 806'426 Stimmen. Die Wahlbeteiligung war mit 84,4 Prozent sehr hoch.

«Die Wahlwiederholung war eine Ungerechtigkeit»

Das sind die offiziellen Zahlen, die am Montag verkündet werden. Bereits gut zwei Stunden nach Schliessung der Wahllokale hatte Yildirim seinem Gegner gratuliert. Präsident Recep Tayyip Erdogan folgte ein paar Stunden später via Twitter. Es ist die erste Wahlnacht seit 17 Jahren, in der man Erdogan nicht auftreten sieht. Sonst warteten immer alle TV-Kanäle auf die «Balkonrede» des AKP-Chefs.

«Es musste so kommen, das war nötig», sagt eine Istanbuler Lehrerin, die am Montagmorgen an der U-Bahnstation Haciosman im Norden der Stadt wartet. «Die Wahlwiederholung war eine Ungerechtigkeit.» Steuergelder seien in Istanbul «nicht gerecht» eingesetzt worden, sagt der Fahrer eines Dolmus, eines Sammeltaxis. Imamoglu hat davon gesprochen, dass «eine Handvoll Leute» in der Stadtverwaltung verantwortlich für die Vergabe von Privilegien gewesen seien. In der Wahlnacht bittet er auch Erdogan um Unterstützung, dabei nennt er unter anderem die Erdbebenvorsorge.

Gewöhnlich vergessen die meisten Istanbuler gern, wie schlecht ihre Stadt für ein grosses Erdbeben, das jederzeit drohen könnte, gerüstet ist. Die Ingenieur- und Architektenkammer hat berichtet, dass von 496 Erdbebensammelstellen, die im Katastrophenschutzplan von 1999 bis 2003 bestimmt wurden, nur 77 übrig seien. Auf einigen dieser offenen Plätze entstanden Einkaufszentren, auf anderen Hochhäuser, Brücken, Strassen. Ein Programm von Stadt und Regierung, das ganze Viertel dem Abriss überliess, wurde mit der Erdbebenvorsorge begründet. Es gab aber immer den Verdacht, dass der gewaltige Stadtumbau dazu dienen sollte, regierungsnahen Baufirmen Profite zu verschaffen.

Die Regierungsblätter regieren zurückhaltend auf den Umschwung

«In sechs Monaten kann man genau sagen, ob der Neue etwas taugt», sagt der Verkäufer in einem Zeitungskiosk an der Istiklal, ein AKP-Unterstützer. «Das würde ich auch sagen, wenn Yildirim gewählt worden wäre.» Die Regierungsblätter reagieren zurückhaltend auf den Umschwung. Die islamisch-nationalistische Türkiye titelt, Istanbul sei Imamoglu «ausgeliefert» worden, die regierungsnahe Sabah lobt «supersaubere Wahlen» und schreibt: «Die Demokratie hat gewonnen». Andere beschränkten sich auf die neutrale Formulierung: «Istanbul hat gewählt».

Zu den Architektinnen von Imamoglus Sieg gehören auch zwei Frauen: Meral Aksener, die mit ihrer rechten Iyi-Partei das Lager der Nationalkonservativen spaltete, und die Chefin der CHP in Istanbul: Canan Kaftancioglu. Die Rechtsmedizinerin mit den rotbraunen Haaren, die gern Motorrad fährt, wurde mit Klageandrohungen überzogen, wegen «Erniedrigung der türkischen Republik» und «Präsidentenbeleidigung», durch die Staatsanwaltschaft Istanbul. Offensichtlich ging es darum, die Frau einzuschüchtern, der es gelungen war, die zerstrittenen Flügel der CHP zu einen. In der Wahlnacht steht Kaftancioglu, 47, neben dem Sieger auf der Bühne, sie wirkt müde und strahlend zugleich.

Eigentlich hatte Imamoglu die Wahl wohl schon gewonnen, als man ihm das Amt gerade wieder wegnahm. Damals, Anfang Mai, trat der 49-Jährige auch vor einer grossen Menge auf und sagte, «unsere Euphorie ist gross, wir sind jung, wir sind durstig nach Gerechtigkeit und Demokratie». Er schälte sich aus dem Jackett und krempelte die Ärmel seines weissen Hemdes hoch, zeitlupenlangsam, wie einer, der sich auf einen langen Kampf vorbereitet. Die Leute jubelten.

In der Wahlnacht scherzten Türken auf Twitter, die AKP sollte – nach all den Dingen, die sie schon verboten hat – auch das Ärmelaufkrempeln verbieten.

Erstellt: 25.06.2019, 11:25 Uhr

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