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«Das Lächerlichste, was er bisher zustande gebracht hat»

Ein Sieg des ägyptischen Machthabers Sisi ist sicher. Die Repression des Regimes zeigt Wirkung: Kaum jemand traut sich, offen zu sprechen. Ein paar schon.

Präsidentenwahl in Ägypten - Die Wahlbeteiligung wird zur Schlüsselfrage. (Video: Reuters/Tamedia)

Seit Beginn der Woche wird in Ägypten gewählt. Dieser Mittwoch ist der letzte Tag, an dem die Wähler ihre Stimme abgeben können. Es gilt allerdings ohnehin als sicher, dass der amtierende Präsident Abdel Fattah al-Sisi gewinnen wird: Der einzige Gegenkandidat, der übrig geblieben ist, ist auch noch ein offener Unterstützer des Präsidenten.

Abgesehen von der unfreien Wahl hat das Land mit Terrorismus, hoher Staatsverschuldung und grassierender Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Doch wie schauen junge Ägypter selbst auf die Situation in ihrem Land? Die meisten von ihnen wollen anonym bleiben, aus Angst, für ihre offenen Worte belangt zu werden.

Lehrerin, 27, aus Kairo

Nichts hat sich seit der Revolution des 25. Januar geändert. Nein, alles wird immer schlimmer. Die meisten von uns leiden unter den gestiegenen Lebenshaltungskosten. Der Tourismussektor ist nun von den Ägyptern selbst abhängig, weil kaum noch Ausländer kommen. Doch wie soll das angesichts der hohen Arbeitslosenquote gehen? Der Verfall des Gesundheitswesens und der Bildung tragen ihr Übriges zur Situation bei.

«Als Präsident hat er nichts getan, damit es Ägypten besser geht»

Wir haben nicht einmal das Recht, unsere Meinung zu sagen. Wenn jemand seinen Standpunkt offen ausspricht, muss er vielleicht ins Gefängnis. Also bleiben die meisten von uns einfach still. Al-Sisi ist der Schlimmste: Als Präsident hat er nichts getan, damit es Ägypten besser geht. Die meisten seiner Entscheidungen waren falsch, zum Beispiel, dass er Tiran und Sanafir (Inseln im Roten Meer, Anmerkung der Redaktion) an Saudiarabien gab, obwohl ein Gericht entschied, dass sie zu Ägypten gehören. Jeder von uns weiss, dass er wieder die Wahl gewinnen wird, deshalb werde ich nicht wählen gehen. Ich glaube, dass unsere Worte hier nichts verändern können, also bleibe ich lieber stumm.

Koordinator im Bereich Abfallwirtschaft, 30, aus Kairo

Ob es uns heute besser geht als vor der Revolution? Ich möchte zunächst einmal sagen, dass solche Fragen wirklich gefährlich sind. Ich antworte trotzdem. Hoffen wir, dass mir nichts zustösst. Das Leben in Ägypten ist für die meisten nicht leicht. Zwei Drittel der Bevölkerung sind sehr arm, davon arbeitet der Grossteil unter unvorstellbaren Bedingungen.

«Solche Fragen sind wirklich gefährlich»

Nichts hat sich also seit 2011 geändert. Deshalb denke ich nicht, dass ich wählen werde, aber ich bin noch nicht sicher. Ich helfe jedenfalls denen, die wählen möchten, bei der Registrierung und so weiter.

Journalistin, 25, lebt momentan im Ausland

Diese sogenannte Wahl ist das Lächerlichste, was unser schamloser Diktator bisher zustande gebracht hat: Die Situation ist definitiv ausser Kontrolle geraten, das Leben in Ägypten wird jeden Tag schlimmer. Den meisten geht es schlechter als noch unter Mubarak, was natürlich nicht heissen soll, dass ich mir Mubarak zurückwünsche. Ich will mich gar nicht zwischen Pest und Cholera entscheiden müssen.

«Diese sogenannte Wahl ist das Lächerlichste, was unser schamloser Diktator bisher zustande gebracht hat»

Ich bin Journalistin und schreibe über Menschenrechte. Eigentlich nehme ich in den sozialen Medien kein Blatt vor den Mund – das tat ich auch nicht, als ich noch im Land war. Doch als viele meiner Freunde plötzlich verschwanden und ins Gefängnis gebracht wurden, habe ich wirklich Angst bekommen.

Atef Botros, Wissenschaftler mit deutscher Staatsbürgerschaft, lebt zur Zeit in Doha. Er stammt aus einer koptischen Familie.

Ich war seit der Revolution in Deutschland politisch aktiv, habe Demonstrationen organisiert sowie einen Verein zur Unterstützung demokratischer Veränderung gegründet. Als al-Sisi Deutschland besuchte, gab ich mehrere Interviews im deutschen Fernsehen, in denen ich zum Beispiel Folter und politische Inhaftierungen kritisierte. Das hat der ägyptischen Regierung nicht gepasst. Ich wurde am Kairoer Flughafen festgenommen und die Einreise wird mir seitdem verweigert. Das tut mir sehr weh, denn ich war früher mindestens dreimal im Jahr in Ägypten. Es ist das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Viele meiner Freunde, Verwandte und meine 82-jährige Mutter leben dort. Aber ich lasse mir nicht den Mund verbieten, wenn andere zu Unrecht im Gefängnis sitzen, oder sogar zum Tod verurteilt werden.

«Dieses Regime bekämpft nicht Terrorismus, sondern produziert Terroristen.»

Die Regierung lässt massenhaft Verdächtige verhaften, viele von ihnen radikalisieren sich erst in den Gefängnissen. Unter dem Vorwand des Kampfs gegen den Terrorismus passiert gerade also genau das Gegenteil. Dieses Regime bekämpft nicht Terrorismus, sondern produziert Terroristen. Die Christen in Ägypten bleiben Zielscheibe terroristischer Gewalt. Deshalb scheint es paradox, dass die meisten Kopten das Regime stützten. Sie sehen al-Sisi als ihren Beschützer und Erlöser von islamistischer Gewalt. Hinter dieser Vorstellung steht vor allem die Kirche als Institution, die die Kopten mobilisiert. Anstatt für Demokratie und ihre Rechte als Bürger zu kämpfen, unterstützen sie eine Militärdiktatur. Umgekehrt haben die Regime in Ägypten die Christen schon immer politisch instrumentalisiert.

Selbständiger, 26, aus Kairo

Ich habe eine kleine Firma und kann sagen, dass ich von der Abwertung der Währung 2016 profitiert habe. Importe sind teuer geworden, also hängt die Wirtschaft stärker von ägyptischen Produkten ab. Trotzdem muss die Regierung aufpassen, welche Folgen diese Politik für die breite Bevölkerung hat.

«Das Leben hier fühlt sich an wie in einem Gefängnis»

Abgesehen davon ist es auch wichtig, dass die Gesellschaft mehr Freiheiten bekommt. Das Leben hier fühlt sich an wie in einem Gefängnis: Niemand kann sich dem entgegensetzen, was die Regierung tut. Viele meiner Freunde kamen ins Gefängnis, weil sie al-Sisi kritisierten. Mit seinem starken Sicherheitsapparat kann er einfach jeden unterdrücken.

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