Das Regime feiert, das Volk geht auf die Strasse

Die iranische Führung ist davon überzeugt, dass der Gottesstaat gottgewollt sei. Die Iraner sehen das aber immer weniger so, vor allem wenn sie nach der Islamischen Revolution geboren wurden.

Februar 1979: Begeisterter Empfang für Ayatollah Khomeini an der Teheraner Universität nach seiner Rückkehr aus dem Pariser Exil. Foto: Alain Dejean (Sygma, Getty Images)

Februar 1979: Begeisterter Empfang für Ayatollah Khomeini an der Teheraner Universität nach seiner Rückkehr aus dem Pariser Exil. Foto: Alain Dejean (Sygma, Getty Images)

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Schah Mohammed Reza Pahlewi liess sich mit seiner Gattin Farah in Assuan über den Nil schippern, scheinbar unbeschwert. Offiziell war der Herrscher Persiens in diesen Tagen vor 40 Jahren zu einer Ferienreise aufgebrochen. Auf den Pfauenthron aber sollte er nie zurückkehren. Es war das Ende einer 37 Jahre währenden Regentschaft sowie von 2500 Jahren Monarchie – und zugleich ein Schlüsselereignis im nahöstlichen Umbruchjahr 1979, das bis heute fortwirkt, ebenso wie das Friedensabkommen zwischen Israel und Ägypten, die Besetzung der Grossen Moschee in Mekkaund die sowjetische Invasionin Afghanistan.

Am 2. Februar 1979 kehrte Ayatollah Ruhollah Khomeini aus dem erzwungenen Exil in Paris nach Teheran zurück, umjubelt von Millionen. Die Islamische Revolution hatte gesiegt. Das Regime feiert das Jubiläum nun als Beleg, dass der Gottesstaat gottgewollt sei, als fortwährenden Sieg gegen die Vereinigten Staaten, denen es nicht gelungen sei, den Iran wieder zu dominieren wie zu Zeiten des Schahs.

Doch obwohl die Islamische Republik in einer ihr oft feindlich gesinnten Region zum Zenit ihrer Macht aufgestiegen ist, ironischerweise auch dank der USA und deren Invasion im Irak 2003, steckt sie in der tiefsten Krise ihrer Existenz. 1979 ist im Iran in aller Munde als Chiffre für Umsturz. Die Parallelen sind augenfällig und den Herrschenden bewusst.


Video: Proteste im Iran fordern weitere Opfer

Bei den Protesten im Iran gab es Tote und Verletzte (Januar 2018). Video: Tamedia/Storyful


Dem Sturz des Schahs vorangegangen waren Streiks und Proteste unterschiedlicher politischer Gruppen, die sich nur in der Ablehnung der autoritären Herrschaft und Korruption einig waren. Seit einem Jahr gehen vielerorts im Iran wieder Menschen auf die Strasse. Sie sehen die Gründe für die Wirtschaftskrise nicht – wie die Propaganda – inden von US-Präsident Donald Trump wieder verhängten Sanktionen, sondern in der Misswirtschaft des Regimes und der Korruption. Sie fordern, die Ölmilliarden nicht für die Unterstützung Bashar al-Assads in Syrien, der Huthis im Jemen, der Hizbollah oder der Hamas zu verpulvern, für den Export der Revolution oder religiöse Stiftungen im Machtbereich des Obersten Führers Ali Khamenei. Sie wollen bessere Lebensbedingungen.

Die religiös verbrämte Ideologie, der rituelle Antiamerikanismus, die Parolen gegen den Westen und Israel empfinden selbst viele Gläubigen als so hohl wie einst die Selbstbeweihräucherungen des Kaisers. Das Regime tut sich schwer, die Flamme der Revolution an die Generationen weiterzugeben, die die identitätsstiftenden Ereignisse der Islamischen Republik nicht erlebt haben, wie die Besetzung der US-Botschaft oder den achtjährigen Krieg gegen den damals vom Westen gestützten irakischen Diktator Saddam Hussein. Ging 1979 vielen Iranern die vom Schah betriebene Säkularisierung und Verwestlichung zu weit, finden sich heute in keinem anderen muslimischen Land der Region so viele Junge, die so am Westen orientiert, so säkular eingestellt sind, wie im Iran. Was damals das Kopftuchverbot war, ist heute der Zwang für alle Frauen, es zu tragen.

Auch die Unfähigkeit, mit der Unzufriedenheit umzugehen, zeigt Ähnlichkeiten. Flüchtete sich der Schah in Fatalismus, verschanzt sich die heutige Machtclique hinter einem angeblichen göttlichen Auftrag. Die Methoden sind dieselben: Unterdrückung jeglicher politischer Opposition. Dabei ist der Sicherheitsapparat der Mullahs ebenso brutal wie die Geheimpolizei Savak des Schahs.

Die Systemfrage aber stellt sich spätestens, wenn der seit 30 Jahren herrschende, 79 Jahre alte Oberste Führer Ali Khamenei stirbt.

Was 1979 grundlegend von 2019 unterscheidet, ist das Fehlen eines charismatischen Anführers wie Khomeini. Trotz mancher Nostalgie wünschen sich nur wenige die Monarchie zurück oder den in den USA lebenden Thronerben Reza Pahlewi. Keinen Rückhalt hat die Exilopposition der Volksmujahedin, die in der Trump-Regierung über namhafte Unterstützer verfügt.

Kaum verhohlene Aufrufe aus Washington zum Regimewechsel und der Versuch, ihn durch Wirtschaftssanktionen zu befördern, sehen viele Iraner kritisch. Von ausländischer Einmischung haben die meisten Iraner aus leidvoller Erfahrung genug – die CIA hatte den Putsch orchestriert, der den Schah 1954 zurück an die Macht brachte. Und wenig fürchten sie mehr als einen Absturz ihres ethnisch und religiös vielfältigen Landes in Chaos und Bürgerkrieg.

Die Systemfrage aber stellt sich spätestens, wenn der seit 30 Jahren herrschende, 79 Jahre alte Oberste Führer Ali Khamenei stirbt. Die stärkste Institution der Islamischen Republik sind die Revolutionsgarden, die Schlüsselbranchen der Wirtschaft kontrollieren, die Rüstungsprogramme und die expansionistische Regionalpolitik. Gewiss: Den Schah rettete sein hochgerüstetes Militär nicht. Dass aber die Revolutionsgarden die Macht aus der Hand geben, ist angesichts ihrer Eigeninteressen eine naive Vorstellung.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.01.2019, 18:58 Uhr

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