Davon träumte Bin Laden

Indizien deuten darauf hin, dass der Islamische Staat auch über den Wolken zuschlagen kann. Die Reaktion der internationalen Gemeinschaft fällt kläglich aus.

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Bisher war der Islamische Staat ein ferner Ort des Schreckens, obwohl er weltweit Fotos und Filme unerträglicher Brutalität verbreitet. Zumindest aber schien sich diese Hölle auf das sogenannte Kalifat im Irak und in Syrien zu beschränken. Wenn nun aber tatsächlich zutrifft, dass der IS den russischen Ferienflieger über dem Sinai heruntergeholt hat, dann würde das heissen, dass die Terrororganisation nicht nur in der Wüste, sondern auch im Luftraum zuschlagen kann. Das Schlachtfeld weitet sich also aus.

Die strategische Voraussetzung dafür besteht. In Afghanistan, Libyen, Nigeria, im Jemen, aber auch in der Türkei, in Frankreich oder Spanien und eben in Ägypten haben sich IS-Metastasen gebildet. Ausserdem drohen Tausende Europäer und die etwa 100 Amerikaner, die für den IS kämpfen, das Operationsgebiet der Terror­organisation auf den Westen auszu­dehnen. Wie Krebszellen können auch terroristische Metastasen mutieren. Deshalb ist nicht ausgeschlossen, dass die Jihadisten auf dem Sinai zu anderen Mitteln gegriffen haben und einen Anschlag auf das russische Flugzeug verübten. Terrorgruppen aus der arabischen Welt nehmen traditionell gern Flugzeuge ins Visier; man denke an die PLO, Lockerbie und Mohammed Atta, den Anführer der 9/11-Attentäter.

Trotz zweimaliger Selbstbezichtigung und angeblich deutlicher Indizien ist die Urheberschaft des IS nicht geklärt. Bereits klar wird dagegen, dass die Reaktion der internationalen Gemeinschaft kläglich ausfällt. Kläglich, weil sie völlig unkoordiniert ist: Wenig überraschend ist, dass Ägypten und Russland beschwichtigen. Lägen Beweise für einen Anschlag vor, wäre die ägyptische Tourismusbranche erledigt so wie die tunesische nach dem Strandmassaker Ende Juni. Russland wiederum hätte schneller als erwartet die Antwort auf seine Unterstützung des Assad-Regimes im Syrienkrieg erhalten. Und das kann selbst auf einen Kriegspräsidenten wie Wladimir Putin irgendwann zurückfallen.

Grossbritannien dagegen, sekundiert von den USA, hat konkrete Massnahmen ergriffen, ohne jedoch nachzuweisen, dass es sich tatsächlich um einen Anschlag gehandelt hat. Allerdings dürften Briten und Amerikaner über brauchbare Geheimdienstinformationen verfügen. Doch die behalten London und Washington traditionell lieber für sich – hier funktioniert sie noch, ihre «Special Relationship».

Davon träumte Bin Laden

Anstatt dass die Geheimdienste zusammenarbeiten, anstatt dass man im Syrienkrieg – auch mit unpopulären Wirtschaftssanktionen – auf eine politische Lösung hinwirkt, verfolgt jedes Land seine nationalen Interessen. Das gilt auch für die Türkei, die zunächst die Jihad-Rekruten nach Syrien durchreisen lässt, um dann deren Terrorcamps zu bombardieren. Derweil wächst das IS-Geschwür zu jener Terrororganisation heran, von der Osama Bin Laden geträumt hat.

Dabei hat der Kampf gegen al-Qaida gezeigt, dass mit Alleingängen dem Terror kaum beizukommen ist. Im Gegenteil: Nach der US-Invasion im Irak entstand dort eine frühe Form des Islamischen Staats. Das war al-Qaida im Irak unter Führung Abu Musab al-Zarqawis. Auch sein Nachfolger Abu Bakr al-Baghdadi mutierte unter ameri­kanischer Besatzung zum Terroristen.

Den IS kann nur noch eine breite internationale Koalition eindämmen. Dieser muss allerdings auch die Umma angehören, die Gesamtheit aller Muslime. Mehr als 99 Prozent haben nichts zu tun mit dem Islamischen Staat. Dennoch engagieren sich die musli­mischen Gesellschaften zu wenig entschieden. Gerade sie müssten daran interessiert sein, dass nicht eine ­vergleichsweise kleine Gruppe von Fanatikern ihre Religion missbraucht.

Gelingt es nicht, eine solche Allianz zu bilden, freut sich nicht nur jeder Jihadist, sondern auch Bashar al-Assad. Erst die Bedrohung durch den Islamischen Staat hat dem Massenmörder aus Damaskus die Rückkehr auf die ­dip­lomatische Bühne ermöglicht. Und solange die Terroristen ihren Schrecken verbreiten, hat Assad nicht viel zu befürchten. Obwohl sein Regime für die allermeisten Todesopfer im Bürgerkrieg verantwortlich ist. Die Mehrheit der Syrer flieht denn auch nicht vor den Henkern des Kalifats, sondern vor Assads Staatsterrorismus.

Erstellt: 06.11.2015, 23:03 Uhr

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