«Das Senfgas des IS könnte jetzt zum Einsatz kommen»

Korrespondent Paul-Anton Krüger über die Offensive der irakischen Armee auf die IS-Hochburg Mosul und die drohende humanitäre Katastrophe.

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Die irakische Armee hat mehrmals eine Offensive auf die IS-Hochburg Mosul angekündigt. Macht sie diesmal ernst?
Nach Monaten der Vorbereitung hat die Offensive der irakischen Armee tatsächlich begonnen. Das Ziel der irakischen Regierung war es einmal, Mosul bis Ende Jahr zurückzuerobern. Derzeit sind die irakischen Truppen 40 bis 60 Kilometer von Mosul entfernt. Dagegen sind kurdische Peschmerga-Einheiten in der letzten Nacht von Osten her an die Stadt herangerückt. Die irakischen Truppen werden zunächst einen immer engeren Ring um die Stadt ziehen, bevor sie den eigentlich Angriff beginnen. Diese Militäroperation wird Wochen, wenn nicht sogar Monate dauern. Es ist zu bezweifeln, dass es der irakischen Armee gelingen wird, Mosul bis Jahresende vollständig zurückzuerobern.

Die irakische Armee ist mit rund 25'000 Soldaten und Paramilitärs vor Ort. Und sie wird durch Luftschläge der Amerikaner unterstützt werden. Wovon hängt es ab, wie lange es dauern wird, bis der IS aus Mosul vertrieben werden kann?
Ein entscheidender Faktor ist die Verteidigungsbereitschaft des IS, aber auch das Verhalten der Bevölkerung von Mosul. Es gibt Nachrichten, dass es letzte Woche kleinere Aufstände gab, die vom IS brutal niedergeschlagen wurden. Mehr als 6o Menschen sollen hingerichtet worden sein. Vieles spricht dafür, dass zumindest ein Kern der IS-Kämpfer mit Guerilla-Taktiken versuchen wird, Teile von Mosul so lange wie möglich zu halten. Falluja hatte der IS relativ rasch aufgegeben. Dagegen leistete er heftigen Widerstand in Ramadi und Kobane, die Kämpfe dauerten mehrere Monate. Je mehr Gegenwehr der IS leistet, desto länger werden die Kämpfe in Mosul dauern.

Wie viele Kämpfer hat der IS in Mosul?
In der Stadt selber sind es 3000 bis 4500 Kämpfer. Weitere IS-Kämpfer sind um die Stadt herum positioniert. Sobald die eigentliche Offensive beginnt, wird man sehen, wie viele IS-Kämpfer Widerstand leisten und wie viele versuchen werden, sich nach Syrien abzusetzen.

Der IS hat sich in den letzten Monaten auf die Offensive der irakischen Armee vorbereiten können. Welche Verteidigungsstrategie hat der IS in Mosul?
Der IS hat Verteidigungs- und Befestigungsanlagen rund um die Stadt gebaut. Es gibt Gräben mit Öl, die in Brand gesetzt werden können, um Angriffe der Iraker zu erschweren. Es hat auch Zehntausende Sprengfallen, ähnlich wie Minenfelder. Zudem hat der IS Tunnelsysteme innerhalb und ausserhalb der Stadt gebaut. In den Tunneln können sich die IS-Kämpfer unbeobachtet bewegen. Die Tunnelsysteme dienen aber auch als Waffenlager, und sie können in die Luft gesprengt werden. Auch gilt Mosul als der Ort, an dem der IS Chemiewaffen produziert hat, darunter Senfgas. Das könnte jetzt zum Einsatz kommen. Sobald die irakischen Truppen in Mosul eindringen, wird sich der IS in dicht besiedelte Viertel wie die Altstadt zurückziehen. In den engen Strassen der Altstadt können die irakischen Panzer nicht vordringen. Und Luftschläge der USA oder der Einsatz von Artillerie sind ebenfalls nur begrenzt möglich, da die Zahl toter Zivilisten möglichst klein gehalten werden soll. Der IS wird versuchen, die Iraker in Häuserkämpfe zu verwickeln.

Inwieweit geht die Unterstützung der Amerikaner über die Luftschläge hinaus? Werden auch amerikanische Spezialkommandos am Boden kämpfen?
Die USA haben rund 5500 Soldaten vor Ort. Sie sind mehrheitlich als Militärberater in der irakischen Armee eingebettet, und sie werden die luftnahe Unterstützung organisieren. Bei den vergangenen Schlachten in Ramadi oder Falluja waren die amerikanischen Luftschläge der entscheidende Faktor für die Vorstösse der irakischen Armee. Auch die Aufklärung mit Drohnen- und Satellitenaufnahmen ist eine Fähigkeit, die die Iraker nicht besitzen. Der Kampf aus der Luft wird entscheidend sein. Die Amerikaner haben aber auch Spezialkommandos am Boden, die in die Kämpfe eingreifen, so wie sie es in anderen Schlachten gegen den IS im Irak gemacht haben.

Wird der IS Mosuls Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbrauchen?
Inwieweit der IS die Zivilisten gehen lässt oder nicht, lässt sich nicht abschätzen. Wer dem IS Geld gibt, konnte bislang die Stadt verlassen – das ist eine Tatsache. Die Gefahr ist gross, dass Teile der Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde missbraucht werden, wie es der IS etwa in Manbij getan hat.

Die Kämpfe um Mosul werden eine Massenflucht auslösen. Gibt es Notfallpläne, um eine humanitäre Katastrophe zumindest einzudämmen?
Schon seit Monaten laufen Vorbereitungen von Hilfsorganisationen unter der Leitung der UNO. In Mosul leben noch 900'000 bis 1,5 Millionen Menschen. Die UNO rechnet, dass die Kämpfe 1,2 Millionen Menschen aus Mosul und Umgebung vertreiben werden. Es gibt Notfallpläne, aber sie reichen nicht aus. Laut UNO können in nächster Zeit 60'000 Vertriebene in improvisierten Flüchtlingslagern untergebracht werden, Lager für weitere 250'000 Menschen sind in Bau, für 220'000 Menschen stehen Lebensmittelrationen bereit, aber das reicht bei weitem noch nicht. Die UNO warnt vor einer neuer humanitären Katastrophe.

Erstellt: 17.10.2016, 16:36 Uhr

Paul-Anton Krüger ist Nahost-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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