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Das Ungleichgewicht des Schreckens

Gaza und Goma: Die Eskalation im Nahen Osten wird stark beachtet, jene im Kongo jedoch kaum. Die Hintergründe.

Sagen Rückzug zu: Rebellen auf einem Lastwagen im Kongo. (24. November 2012)
Sagen Rückzug zu: Rebellen auf einem Lastwagen im Kongo. (24. November 2012)
AFP
Truppe von zweifelhaftem Ruf: Kongolesische Regierungssoldaten verlassen ihr Hauptquartier 45 Kilometer von Goma entfernt. (25. November 2012)
Truppe von zweifelhaftem Ruf: Kongolesische Regierungssoldaten verlassen ihr Hauptquartier 45 Kilometer von Goma entfernt. (25. November 2012)
Keystone
Der UNO-Sicherheitsrat hat sich einstimmig für Sanktionen gegen die Anführer der Rebellen ausgesprochen: UNO-Soldaten im Kongo. (13. August 2012)
Der UNO-Sicherheitsrat hat sich einstimmig für Sanktionen gegen die Anführer der Rebellen ausgesprochen: UNO-Soldaten im Kongo. (13. August 2012)
AFP
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«Wenn das, was bei uns passiert, im Nahen Osten geschähe, gäbe es einen weltweiten Aufschrei», sagte ein Kongolese in Goma. Das war vor ein paar Jahren, als gerade die x-te Gewaltwelle über den Ostkongo hereinbrach. Einmal mehr wurden Unschuldige ermordet, Kindersoldaten verschleppt und Frauen jeden Alters vergewaltigt. Das kümmere niemanden, stellte der Hilfswerksmitarbeiter resigniert fest. Schon damals fiel es schwer zu widersprechen.

Seither hat sich nicht viel geändert. Das zeigt sich dieser Tage exemplarisch, weil die beiden Konflikte gleichzeitig eskaliert sind: Der Krieg zwischen Israel und der Hamas wird breit thematisiert, die Demokratische Republik Kongo ist hingegen nur ein Randthema. Damit kontrastieren die Opferzahlen: Während zuletzt gut hundert Palästinenser und einzelne Israelis getötet wurden, kamen allein bei einem Massaker in der Provinz Nord-Kivu fast 300 Menschen ums Leben.

Fünf Millionen Tote

Ohne Zweifel ist jedes Opfer, hier wie dort, eines zu viel, und ohne Zweifel ist der Schmerz der Angehörigen überall enorm. Trotzdem frappiert die unterschiedliche Resonanz, insbesondere wenn man die Zahl der Toten insgesamt vergleicht: Im arabisch-israelischen Konflikt kamen seit 1948, dem Jahr, als Israel gegründet wurde, 110'000 bis 150'000 Menschen ums Leben. Im Kongokrieg starben allein seit 1998 über 5 Millionen Menschen – das öffentliche Interesse ist umgekehrt proportional.

Weshalb besteht dieses Ungleichgewicht des Schreckens? Einleuchtend ist erstens die Erklärung, dass uns Israel politisch und vor allem historisch und kulturell näher steht als ein afrikanisches Land. Deshalb schnellt der Puls bei jeder Eskalation im Gazastreifen in die Höhe, egal, ob nun Israel oder die Hamas kritisiert wird. Kommt hinzu, dass sich fast alle westlichen Regierungschefs äussern, wenn in Nahost geschossen wird, angefangen beim US-Präsidenten über die EU-Aussenbeauftragte bis zum Bundesrat. Und soeben ist der UNO-Generalsekretär wieder einmal in die Region gereist, um zu vermitteln; wird hingegen wie gestern Goma angegriffen, äussert sich allenfalls sein Sprecher in New York.

Unterschätzter Krieg im Kongo

Zweitens erlaubt der Konflikt im Nahen Osten im Gegensatz zu jenem im Kongo eine Identifikation. Je nach Standpunkt kann man Partei ergreifen. Die einen sind die Guten, die anderen die Bösen. Dagegen tritt im Kongo alle paar Monate eine neue Rebellengruppe auf, die Begriffe wie Demokratie oder Freiheit in ihrem Namen trägt, aber mordet und vergewaltigt. Das gilt selbst für die Regierungstruppen. Vor diesem scheinbaren Durcheinander haben die westlichen Medien längst kapituliert. Beachtung erhalten dagegen allerlei moderne Wunderwaffen, die im Nahen Osten vorgeführt werden – der dritte Punkt, der die Aufmerksamkeit fördert. Derzeit ist es der «Iron Dome», das neue Raketenabwehrsystem der Israelis. Ausserdem kommunizieren beide Seiten neuerdings über die digitale Gerüchteküche Twitter. In Goma hingegen wird nicht mit Hightech gemordet, sondern mit Macheten und ohne trendigen Tweet darüber.

Trotzdem ist der Fokus auf den Nahost-Konflikt nur bedingt nachvollziehbar. Denn er hat kaum jene globale Bedeutung, die ihm zugeschrieben wird. So galt nach 9/11 die Lösung des Palästinaproblems als Voraussetzung, um die al-Qaida zu besiegen. Inzwischen ist Osama bin Laden tot und seine Terrororganisation zumindest eingedämmt, Frieden in Nahost aber ferner denn je. Und auch die Mullahs in Teheran würden kaum ihre Atomwaffenpläne schubladisieren, wenn die Palästinenser endlich ihren Staat erhielten.

Die internationale Bedeutung des Krieges im Kongo hingegen wird unterschätzt. Dabei ist jeder, der auf seinem Smartphone die News aus dem Gazastreifen abruft, abhängig vom Kongo: Die Kondensatoren, die tropfenförmigen Perlen im labyrinthischen Inneren jedes Mobiltelefons und jedes Laptops, sind aus dem Metall Tantal hergestellt, das aus Coltan gewonnen wird, und dieses stammt hauptsächlich aus dem Ostkongo.

Rohstoffreservoir für den Reichtum des Westens

Damit hat der Kongo den Rohstoff für die Informationsrevolution geliefert, wie zuvor Kupfer und Kautschuk für die industrielle Revolution; auch das Uran für den Startschuss ins atomare Zeitalter kam aus dem Kongo. Seit dem 19. Jahrhundert ist der Subkontinent das Rohstoffreservoir für den Reichtum des Westens. Entsprechend haben hier die europäischen Grossmächte sowie Washington und Moskau um Einfluss gekämpft. Inzwischen hat China die Nase vorn; Anfang Woche hat Peking gar angekündigt, eigens für den Kongo einen Kommunikationssatelliten ins All zu schiessen – das ärmste Land der Welt ist von enormer strategischer Bedeutung. Das wird oft ignoriert, ganz zu schweigen vom Leid, das seinen Bewohnern regelmässig widerfährt, derzeit in Goma.

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