Das Wunder am Horn von Afrika

Äthiopien und Eritrea haben in diesem Jahr endlich Frieden geschlossen. Plötzlich scheint die Zukunft offen zu stehen.

Anstossen auf eine bessere Zukunft: Der äthiopische Regierungschef Abiy Ahmed und Isaias Afewerki, Präsident von Eritrea.

Anstossen auf eine bessere Zukunft: Der äthiopische Regierungschef Abiy Ahmed und Isaias Afewerki, Präsident von Eritrea. Bild: AFP

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Abiy Ahmed steht in der riesigen Millenium Hall in Addis Abeba auf einer Empore, unter ihm 20'000 jubelnde Äthiopier, die zu ihm hochwinken und schreien, als sei er der Messias. Die Worte, die der neue äthiopische Ministerpräsident wählt, sind davon, das muss man sagen, gar nicht so weit entfernt: «Vergebung befreit das Gewissen. Wenn wir sagen, dass wir uns versöhnt haben, meinen wir, dass wir den Pfad der Vergebung und der Liebe eingeschlagen haben.» Die Menschen jubeln. Neben Abiy steht ein Mann, von dem viele später behaupten werden, er habe in diesem Moment das erste Mal wieder gelächelt, seit vielen Jahren.

Der äthiopische Regierungschef nimmt die Hand von Isaias Afewerki, des Präsidenten Eritreas, und hält sie in die Höhe: Es ist ein historischer Moment der Weltgeschichte, den die Welt aber nur sehr bedingt mitbekommt an diesem Tag im Juli.

Eine gesunde Form von Populismus

Äthiopien und Eritrea waren als Todfeinde in das Jahr 2018 gegangen. Und wenig deutete darauf hin, dass sie es anders beenden würden. Ihr Krieg kostete zwischen 1998 und 2000 bis zu 80'000 Menschen das Leben. Immer wieder flackerten seither Kämpfe auf. Es ging um einen Wüstenflecken, um Stolz und Meerzugang. Nun stehen Abiy und Isaias in der grossen Halle von Addis Abeba und halten Händchen. Es ist ein Wunder, das jenseits von Ostafrika deshalb fast unbemerkt blieb, weil der Friedensschluss mit dem Finale der Fussballweltmeisterschaft zusammenfiel. So langsam haben aber auch andere Teile der Welt gemerkt, dass sich da etwas tut am Horn von Afrika.

Dort zeigt Abiy Ahmed, dass es auch eine gesunde Form von Populismus gibt. Er tut all das, was sich die allermeisten Menschen seit Jahren wünschen. Abiy hat Tausende politische Gefangene entlassen, er hat Frieden mit Eritrea geschlossen und beginnt damit, ein bisher autoritäres und zur Korruption neigendes Regime auf den Kopf zu stellen. Kein Tag vergeht ohne revolutionäre Tat, er lässt eine Frau zur Präsidentin ernennen, ausgewiesene Oppositionelle werden Minister und frühere Regimegegner hohe Richter. Es hat etwas Traumhaftes.

Einst ein Mann des Regimes, jetzt ein Reformer: Abiy Ahmed, Ministerpräsident von Äthiopien. Foto: Keystone

Äthiopien gehörte für manche auch schon vor Abiy zu den Ländern in Afrika, die zumindest einen Plan haben für ihre Zukunft. Etwa 100 Millionen Menschen leben dort, mehr als 80 Bevölkerungsgruppen. Die wichtigsten Positionen in Politik und Wirtschaft hatten in den vergangenen Jahren in den allermeisten Fällen Vertreter der Tigray besetzt, die aber nur sechs Prozent der Bevölkerung stellen. Die Tigray selbst rechtfertigten das mit dem Freiheitskampf, mit den Opfern im Kampf gegen die kommunistische Diktatur, die 1991 schliesslich besiegt wurde. Seitdem regierte eine Einheitsfront, die je nach Laune wenig bis keine Opposition zuliess und das chinesische Modell zu kopieren versuchte. Es gab riesige Investitionen in die Infrastruktur, Gewerbeparks wurden gebaut und staatliche Wohnungen errichtet.

Die Reformen von Abiy Ahmed sind radikal

Was auch zunahm, war die Korruption. Und als Nicht-Tigray hatte man kaum eine Chance auf die wenigen Jobs . Vor allem in der Region Oromia, in der die grösste Bevölkerungsgruppe lebt, kam es seit mehreren Jahren immer wieder zu Massendemonstrationen. Abiy Ahmed, 42, anfangs ein Mann der Einheitsfront und Geheimdienstler, wurde einer ihrer Anführer. Das Regime antwortete mit Gewalt und Unterdrückung, und als nichts davon half, gab es schliesslich nach und ernannte Abiy im April zum neuen Ministerpräsidenten, dem ersten Oromo an der Spitze. In den Buchläden in Addis Abeba stapeln sich die Werke über den neuen Hoffnungsträger, recht erfolgreich ist das mit dem Titel «Moses», das Parallelen zum Propheten zieht.

Abiys Reformen haben etwas Radikales, es wird kaum gezögert und nicht taktiert. Er hat viele der alten Machthaber in Armee und Sicherheitsapparat versetzt oder entlassen, er will der mächtigen Firma Metec an den Kragen, die dem Militär gehört und bei vielen Grossprojekten mitmischt, oft mit den Folgen Missmanagement und Korruption. Für viele war das alte Regime ein funktionierendes Geschäftsmodell, sie werden hinter einem Bombenanschlag auf Abiy vermutet.

Millionen Menschen warten auf Arbeitsplätze

Einige Monate später stürmten Hunderte Soldaten den Amtssitz des Ministerpräsidenten, angeblich, um für höhere Löhne zu demonstrieren. Abiy empfing sie lächelnd und machte mit ihnen Liegestütze. Später erzählte er, dass er durchaus um sein Leben gefürchtet habe. Äthiopien wird weiter von derselben Einheitsfront geführt, Abiy gehört lediglich einer anderen der vier regierenden Parteien an. Er will das System von innen reformieren und hat sich für die Folter und Morde der letzten 20 Jahre entschuldigt, von einer juristischen Aufarbeitung war bisher aber wenig die Rede.

Dringendstes Thema ist die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Millionen von Menschen, die Abiy ins Amt getragen haben, warten auf ein Auskommen. Äthiopien hatte in den vergangenen Jahren viel in neue Universitäten investiert, deren Absolventen jetzt auf der Strasse stehen oder kellnern müssen. Das Bruttosozialprodukt wuchs zwar oft zweistellig, das Land gehörte damit zur Weltspitze. Gereicht hat es bisher nicht.

Es sind neue Zeiten angebrochen: Menschen in Addis Abeba erwarten freudig den Besuch des eritreischen Diktators Isaias Afewerki. Foto: AFP

Abiy sucht nun nach Investoren aus dem Ausland, will die staatlichen Telekommunikationsfirmen und die Fluggesellschaft Ethiopian Airlines für Investoren öffnen. Die Fluglinie hat ihr Geschäft in den vergangenen sieben Jahren verdreifacht und fliegt mittlerweile mehr als 100 internationale Destinationen an. Ende Oktober ist Abiy mit einer ihrer Maschinen nach Deutschland geflogen, Bundeskanzlerin Angela Merkel empfing zu einem Investorengipfel. Dort gab es Zusagen, aber noch nicht so viele, wie notwendig sind, um die vielen Unzufriedenen zufriedenzustellen.

Abiy Ahmed will bei der Reform des Islam helfen

Europäische und besonders deutsche Firmen sind zögerlich, was Geschäfte in Afrika angeht. Manchmal fehlt vielleicht die ökonomische Perspektive, manchmal eher der Mut. Europa war ganz gut darin, Afrika zu erklären, wie es sich ändern muss. Jetzt, da der Wandel in Äthiopien da ist, weiss man nicht recht, wie man ihn unterstützen kann.

Abiy setzt seine Hoffnungen ohnehin eher auf die arabische Halbinsel. Einige Golfstaaten haben schon Milliarden versprochen. Abiy hat, bescheiden wie er ist, im Gegenzug schon mal angeboten, bei der Reform des Islam zu helfen. «Ihr habt die Religion verloren», sagte er dem Kronprinzen der Vereinigten Arabischen Emirate. «Der Islam sieht nicht mehr wie der wahre Islam aus. Ihr habt vergessen, was Verzeihen und Frieden ist.»

Erstellt: 02.01.2019, 16:52 Uhr

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