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«Dem Volk reicht es jetzt»

Israel erlebt die grössten Massenproteste aller Zeiten. Ein junger Regisseur aus Tel Aviv erklärt, worum es den Demonstranten geht und warum die Proteste aus seiner Sicht dringend nötig sind.

Das israelische Volk blutet: Ein Junge beteiligt sich an den Protesten in Tel Aviv.
Das israelische Volk blutet: Ein Junge beteiligt sich an den Protesten in Tel Aviv.
Reuters
Israel ist auf der Strasse: Rund 200'000 Menschen demonstrieren im Zentrum der Hauptstadt Tel Aviv.
Israel ist auf der Strasse: Rund 200'000 Menschen demonstrieren im Zentrum der Hauptstadt Tel Aviv.
AFP
Demonstranten verkaufen T-Shirts für die Proteste.
Demonstranten verkaufen T-Shirts für die Proteste.
AFP
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Die Bilder gehen momentan um die Welt: Hunderttausende Israelis aller Alters- und Gesellschaftsschichten gehen auf die Strasse, um gegen Wohnungsnot, steigende Lebenshaltungskosten und die Gesundheits- und Bildungspolitik der Regierung zu protestieren. Seit Wochen schon wird am Theaterplatz in Tel Aviv aus Protest campiert. Redaktion Tamedia sprach mit Kfir Azulay (34), einem Theaterregisseur aus Tel Aviv, der seit Beginn der Proteste das Zeltlager regelmässig besucht.

Gab es einen speziellen Auslöser für die Demonstrationen? Das Zündhölzchen für das grosse Feuer war die Wohnsituation: Die Mieten, aber auch der Kaufpreis eines Eigenheims sind in den letzten Jahren unglaublich in die Höhe geschossen, was ein zentrales Problem der Mittelschicht darstellt. Betroffen sind allen voran junge Familien, meist Akademikerpaare mit Kindern, welche es finanziell kaum bis Ende Monat schaffen – obwohl beide Elternteile Vollzeit arbeiten. Israel ist in den letzten Jahren immer kapitalistischer geworden: Die Reichen werden immer reicher, und die Mittelschicht verschwindet. Diese einseitige wirtschaftliche Entwicklung ist ein Syndrom für den immer stärker werdenden Kapitalismus: Gesellschaftliche Interessen werden immer weniger wahrgenommen, die Kunstsubvention gekürzt, die Bildung und alles andere, was für junge Israelis und für die erwähnten Bevölkerungsschichten wichtig ist, wird teurer. Wir haben es satt, dass die gesellschaftlichen Anliegen immer nur an zweiter oder dritter Stelle stehen und stets der Krieg oder die Sicherheitssituation Priorität hat. Dem Volk reicht es jetzt.

Wie ist denn die Stimmung in dieser Zeltstadt? Die Zelte werden vor allem von jungen Israelis bewohnt, die das Herz dieser Proteste bilden. Man trifft auf junge Familien, Studenten, Holocaust-Überlebende, sogar Gruppen von Rentnern haben inzwischen ein Zelt aufgestellt und protestieren für ihre Rechte. Die Stimmung ist geprägt von Toleranz und friedlichem Beisammensein. Kein Geschrei, keine Gewalt. Man geht geduldig und respektvoll miteinander um. Ein ganz wichtiger Faktor der aktuellen Demonstrationen ist, dass die verschiedenen Gruppierungen, egal ob rechts oder links, ob fromme Siedler oder arabische Israelis, ihren alltäglichen ideologischen Kampf beiseitegelegt haben und gemeinsam für etwas stehen und etwas erreichen wollen. Es wird in arabischen Dörfern genauso wie auf der schicken Rothschildstrasse oder sogar in den Siedlungen protestiert.

Gibt es einen internationalen Austausch mit Demonstranten aus anderen Ländern?

Bestimmt wurde auch Israel von den jüngsten «Unruhen» in Griechenland inspiriert. Jedoch bleibt hier alles sehr lokal und sympathisch unorganisiert, die Demos kommen vom Volk auf der Strasse, jeder geht hin, Mütter mit Kinderwagen genauso wie junge Studenten und Ärzte, die mit einem mickrigen Lohn ihre 90 Stundenwoche abackern. Letzten Samstag hatten wir in Israel die grösste Demonstration aller Zeiten, es sind Wellen, die entstehen und die unglaublich viele unterschiedliche Menschen mitreissen.

Was wird den Besuchern der Zeltstadt geboten? Es gibt ganz verschiedene Veranstaltungen: Märchenstunde für die vielen anwesenden Kinder, Konzerte oder eine «Shiur», also eine Lehrstunde eines Rabbiners. Man kann verschiedenen Reden zuhören, essen oder sich einfach ein bisschen ausruhen, lesen, diskutieren.

Wie kommt es, dass die Lebenshaltungskosten in Israel dermassen hoch sind? Ich bin kein Ökonom, denke aber, dass Israel Probleme hat, die es auch in den USA, in Frankreich oder in Deutschland gibt. In Israel kommt dazu, dass die Reichen immer reicher werden und zu angenehmsten wirtschaftlichen Konditionen leben. Dass der Staat nur reichen Unternehmen und Wohlhabenden beste Verhältnisse, wie etwa günstige Steuerkonditionen, ermöglicht, ist eine sehr sonderbare Haltung des Staates seiner Gesellschaft gegenüber. Zur wirtschaftlichen Problematik kommt auch die stetige Unterstützung der Orthodoxen – die Steuern der Mittelklasse finanzieren im Prinzip diese Bevölkerungsgruppe. Dasselbe gilt auch für die Siedler und die Siedlungen. Diese zwei Punkte sind zwar nicht die Hauptgründe für die aktuelle wirtschaftliche Situation, spielen aber auch eine Rolle. Dazu kommt die permanente Krisensituation, der ständig drohende Krieg.

Was würde sich ändern, wenn es endlich zum Frieden im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern käme? Der Israeli erlebt täglich einen enormen Überlebenskampf. Jeden Tag lebt er mit der Angst vor einem weiteren Krieg, er ist gestresst von der immerwährenden Bedrohung um ihn herum. Käme nun endlich der Frieden, könnte man sich erholen, beruhigter leben und viel klarer sehen. Und mit diesem Ausgangspunkt würde sich bestimmt vieles verbessern, auch der wirtschaftliche Aspekt. Ich denke, dass der Frieden auch einen wirtschaftlichen Aufschwung für den Staat Israel bringen würde.

Wird denn jetzt etwas gegen die Wohnungsknappheit unternommen? Bisher wurde noch kein einziger überzeugender Plan vorgelegt, der zu einer Lösung des Problems führen könnte. Aber die Dinge, die gesagt wurden, waren folgende: Der Boden, der dem Staat gehört, soll billiger verkauft werden und die ganze Bürokratie für Wohnungseigentum soll eingeschränkt werden. Anstelle von Towerbuildings für Wohlhabende sollen Wohnungen für den Mittelstand gebaut werden. Bis jetzt wurde aber nur davon gesprochen. Wenn wirklich etwas passieren soll, dann wird es noch viele Jahre bis zur Realisierung brauchen.

Welche Massnahmen werden denn erwartet? Es ist schwierig, das genau zu definieren. Die Demonstrantengruppen sind – obwohl alle gemeinsam protestieren – sehr unterschiedlich. Es gibt aber einen Slogan, der von allen immer wieder skandiert wird: «Das Volk will gesellschaftliche Gerechtigkeit».

Kfir Azulay ist 34 Jahre alt und Theaterregisseur in den Repertoiretheaterhäuser in Tel Aviv und Beer Sheva. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern in Tel Aviv.

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