Den Jihadisten bleibt nur der Rückzug

Im Kampf gegen die IS-Miliz ist die irakische Armee in die strategisch wichtige Stadt Tikrit vorgerückt.

Die gelbe Fahne der Schiiten weht neben der irakischen. Foto: Thaier Al-Sudani (Reuters)

Die gelbe Fahne der Schiiten weht neben der irakischen. Foto: Thaier Al-Sudani (Reuters)

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Meter um Meter, Haus um Haus tasten sich die irakischen Soldaten und Milizionäre vor. Seit Dienstag dringen sie von den Aussenbezirken Tikrits in das Zentrum des Heimatorts des einstigen Diktators Saddam Hussein ein. Zuvor hatten sie die überwiegend von Sunniten bewohnte Stadt weitgehend eingekesselt, die einmal eine Viertel Million Bürger zählte. Mit Hunderten Sprengfallen und Scharfschützen versucht die Terrormiliz des Islamischen Staats (IS) die überlegene Streitmacht aufzuhalten. Sie hat auch ein Segment der einzigen Brücke über den Tigris in die Luft gejagt. Doch angesichts der mehr als 30 000 Kämpfer, die die Regierung des Irak für die vor zehn Tagen begonnene Offensive aufgeboten hat, bleibt den Jihadisten nichts als der Rückzug.

Die regierungstreuen Einheiten haben Qadissiya zurückerobert, das grösste Viertel. Über dem Militärkrankenhaus dort hissten sie die irakische Flagge, wie der Gouverneur der Provinz Salaheddin mitteilte. Befreit ist Tikrit aber noch nicht. In Ramadi, einer anderen Stadt im sunnitischen Dreieck im Irak, die zum Teil vom IS kontrolliert wird, zeigt sich, was der Stadt noch droht: Zeitgleich liessen Selbstmordattentäter dort sieben schwere Autobomben hochgehen, wie die Polizei mitteilte. Es gab offenbar 10 Tote und mehr als 40 Verletzte. Überrollten die Jihadisten vergangenen Juni grosse Gebiete des Irak handstreichartig wie eine Armee, verlegen sie sich nun auf Terrortaktiken, wo immer sie militärisch unter Druck geraten.

Die irakische Regierung hat schon mehrmals vergeblich versucht, Tikrit wieder unter ihre Kontrolle zu bekommen. Dass ihre Aussichten diesmal erheblich besser stehen, liegt vor allem daran, dass ihre Einheiten koordiniert vorgehen. Militärische Planung und Disziplin steuern vor allem iranische Militärberater bei, die Aufklärungsdrohnen fliegen lassen und das Artilleriefeuer lenken. General Qassem Soleimani führt sie an. Der legendäre Befehlshaber der Quds-Brigaden, einer Spezialeinheit der Revolutionsgarden für Auslandseinsätze, scheute viele Jahre die Öffentlichkeit. Derzeit lässt er sich bald täglich an der Front im Kreise der Milizionäre fotografieren. Er wendet nun im Irak Rezepte an, die er bereits in Syrien erprobt hat. Dort schlugen ebenfalls iranische Berater im Zusammenspiel mit schiitischen Milizen die entscheidenden Schlachten für das Regime von Bashar al-Assad gegen die Rebellen.

Misstrauen der Amerikaner

Nach Schätzungen des US-Militärs gehören zwei Drittel der von Bagdad aufgebotenen Kämpfer solchen irregulären Einheiten an, von denen die wichtigsten die Badr-Organisation und die Hashid Shaabi sind, die Volksmobilisierungs-Komitees. Wem die Loyalität dieser kampfstarken Freiwilligenverbände gilt, zeigen sie offen: Bilder des iranischen Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeini und des Obersten Führers Ali Khamenei schmücken ihre Lager. Die an der Offensive beteiligten sunnitischen Stammeskämpfer, angeblich bis zu 5000, bringen vor allem Ortskenntnis ein, denn viele der Milizionäre aus dem Süden des Irak kennen die Gegend nicht.

Überall wehen die gelben Fahnen der Schiiten-Milizen, obwohl Premier Haider al-Abadi jüngst versprochen hatte, dass Regierungseinheiten nur noch unter der irakischen Nationalflagge vorrücken würden. Das sollte ein Signal der nationalen Einheit sein und Sorgen lindern, dass die Spaltung des Landes entlang konfessioneller und ethnischer Linien noch vertieft werden könnte durch die zunehmende Macht der Schiiten-Milizen. Deren Befehlshaber brüsten sich schon, dass ihre Einheiten die reguläre Armee in jeder Hinsicht überflügeln.

Die Amerikaner beobachten das Geschehen zunehmend misstrauisch. Ihre Militärberater trainieren Einheiten der irakischen Armee für die Rückeroberung von Mossul, der zweitgrössten Stadt des Landes. Generalstabschef Martin Dempsey drängte am Montag bei einem Besuch in Bagdad Premier Abadi, die Rekrutierung für die regulären Truppen zu verstärken. Das Projekt einer Nationalgarde, in der alle Konfessionen und Ethnien vertreten sein sollen, hängt derzeit im Parlament fest. Dempsey fügte hinzu, der Iran müsse erst noch unter Beweis stellen, dass seine Unterstützung einem geeinten und stabilen Irak gelte.

Die USA fürchten, dass sich die ­Schiiten-Milizen, wie mehrmals geschehen, mit Massakern und Vertreibungen an den Sunniten rächen. Washington muss weitgehend hilflos ansehen, wie Teheran seinen Einfluss in Bagdad vor aller Augen ausbaut.

Erstellt: 11.03.2015, 21:39 Uhr

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