Der Chronist des Terrors

Als der Islamische Staat die irakische Millionenstadt Mosul terrorisierte, setzte Omar Mohammed sein Leben aufs Spiel: Er blieb und zeigte der Welt die Verbrechen der Islamisten.

Der 31-jährige Historiker Omar Mohammed recherchiert in europäischen Bibliotheken für seine Doktorarbeit. Foto: AP, Keystone

Der 31-jährige Historiker Omar Mohammed recherchiert in europäischen Bibliotheken für seine Doktorarbeit. Foto: AP, Keystone

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Seine Nachmittage verbrachte Omar Mohammed am liebsten im Spital. Er besuchte einen Freund, der dort als Arzt arbeitete, und wenn der sich während einer langen Schicht ein wenig hinlegte, lieh sich Mohammed den weissen Kittel und lief über die Gänge, fragte Patienten nach ihren Verletzungen, plauderte mit wartenden Angehörigen. Dann schaute sich Mohammed mit seinem Freund einen der amerikanischen Spielfilme an, die der auf einer Festplatte gesichert hatte. Solches Teufelszeug zu besitzen, konnte im Islamischen Staat (IS) tödlich sein, doch die Wachen des IS kamen nie ins Zimmer der Ärzte. Und während sie in Hollywoods Traumwelten versanken, stellte Mohammed auch dem Freund, wie nebenbei, ein paar Fragen: Wie viele Tote wurden letzte Nacht hergebracht? Wie viele Menschen wurden von Bomben zerfetzt, wie viele nur verletzt? Haben die Verrückten wieder jemandem die Hand abgehackt? Oder den Kopf?

Am liebsten habe er «V wie Vendetta» geschaut, erzählt Mohammed, «viele, viele Male». In dem Science-Fiction-Thriller wird Grossbritannien von einem faschistischen Führer beherrscht, der das Volk vollkommen kontrolliert. In Omar Mohammeds Stadt Mosul regierte ein selbst ernannter Kalif, dessen Islamverständnis man auch faschistisch nennen kann. Im Film kämpft ein Mann namens V gegen das Regime und tötet dessen Vertreter, er versteckt sich hinter einer Maske von Guy Fawkes, der 1605 den König von England in die Luft jagen wollte. Omar Mohammed hat seine Identität auch verborgen, hinter einem Pseudonym.

Er nannte sich Mosul Eye, aber er tötete seine Feinde nicht, er veröffentlichte Informationen über sie. Auf Facebook, Twitter und in einem Blog. Tausende Menschen lasen, was Omar Mohammed unter Lebensgefahr aufschrieb. Für Medien weltweit – auch für diese Zeitung – war Mosul Eye eine der wenigen Quellen in der Millionenstadt.

«Traue keinem», wurde zum Leitspruch von Omar Mohammed.

«Informationen sind Waffen. Wer die Hoheit über die Deutung der Vergangenheit erringt, hat viel Macht», sagt Mohammed. Auch der IS sei von der Historie besessen gewesen: von der Idee des 100 Jahre lang versunkenen Kalifats, davon, die Grenze auszuradieren, die im Jahr 1916 von den Kolonialmächten im Wüstensand zwischen Syrien und dem Irak gezogen wurde. «Geschichte ist eine gefährliche Wissenschaft», sagt Mohammed. «Man kann sie aber auch benutzen, um die Welt besser zu machen. Sie kann den Terror besiegen.»

«Klar, sie wollen mich töten»

So redet ein Mann, der aus Angst um sein Leben und seine Familie dreieinhalb Jahre im Verborgenen agierte. Inzwischen hat er das Versteckspiel beendet. Mohammed sitzt in einer europäischen Stadt, die aus Sicherheitsgründen geheim bleiben soll, im Foyer eines Multiplexkinos. Im Rücken Glas, zur Seite Glas: Von allen Seiten kann man beobachten, wie Omar Mohammed Tassen, Gläser und Flaschen stellvertretend für die Gebäude Mosuls auf dem Tisch vor sich arrangiert, wenn er über den Krieg in seiner Stadt redet. Im Dezember verriet er der Nachrichtenagentur AP seine Identität. Seither weiss man, dass hinter dem Pseudonym Mosul Eye ein 31-jähriger Historiker mit braunen Wuschelhaaren steckt, der die Welt mit freundlichen, aber melancholischen Augen durch eine schwarze Brille betrachtet.

Die IS-Anhänger in Europa wissen das natürlich jetzt auch, ebenso wie die Mitglieder der schiitischen Milizen, die gemeinsam mit der irakischen Armee Mosul zurückerobert haben. Deren mutmassliche Kriegsverbrechen prangerte Mosul Eye genauso an wie die der Islamisten. Die Folge war, dass sich Mohammed plötzlich auch in der europäischen Grossstadt nicht mehr sicher fühlte, in die er sich geflüchtet hatte. In der IS-Propaganda und seinem Facebook-Postfach tauchten Todesdrohungen auf. Von seinen Gesprächspartnern verlangt er kurz vor dem Treffen, ein Foto auf sein Handy zu schicken. Er will sicherstellen, nicht in eine Falle gelockt zu werden. «Klar, sie wollen mich töten», sagt Mohammed. «Aber ich glaube, der IS hat gerade andere Prioritäten.»

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Irakische Armee meldet vollständige Rückereroberung der IS-Hochburg Mossul. Video: Reuters

Man kann ihn mutig nennen. Aber es ist wohl eher die wissenschaftliche Neugier, die Omar Mohammed dazu treibt, Risiken einzugehen. Damals, am 10. Juni 2014, als die Jihadisten aus ihren Verstecken kamen, ahnte er schon, was Mosul bevorstehen könnte. Der Angriff begann nachts um drei Uhr, seine Mutter sagte noch: «Geht ins Bett, das sind nur die üblichen Bomben.» In den folgenden Tagen aber stellten die Männer mit den langen Bärten Videokabinen in der Stadt auf. Dort zeigten sie perfekt inszenierte Propagandafilmchen, dann gaben sie eine 16 Punkte umfassende «Verfassung» bekannt. «Da wusste ich: Wir sind – entschuldigen Sie bitte vielmals – gefickt!»

«Plötzlich lebten wir im Mittelalter. Die Chance, so etwas zu sehen, hat man nur einmal.»

Bürger und Geschäftsleute, Beamte, Polizisten und Soldaten flohen aus der Stadt. Wer es sich leisten konnte, mietete in der 85 Kilometer entfernten irakischen Kurdenhauptstadt Arbil eine der nun völlig überteuerten Wohnungen. Auch Mohammed versuchte, seine Familie wegzuschicken, die Eltern, die vier Brüder, die fünf Schwestern, die aber wollten erst einmal abwarten. Er selbst wollte auch bleiben, denn: «Plötzlich lebten wir im Mittelalter. Die Chance, so etwas zu sehen, hat man nur einmal.» Er wollte Zeuge sein.

Zwei Wochen vor der Machtübernahme des IS hatte er den Studenten in einem von ihm geleiteten Proseminar an der Imam-al-Azm-Universität aufgetragen, zu Übungszwecken das Alltagsleben in der Stadt zu dokumentieren. Schon seit Jahren war Mosul nur in der Theorie ein multikulturelles Paradies. Zwar lebten Sunniten und Schiiten, Armenier, Kurden und Christen zusammen. Frieden aber gab es kaum: Die Menschen hatten Angst vor den Schikanen der schiitisch dominierten Armee, die Staatsmacht war korrupt bis brutal. Gleichzeitig terrorisierte der IS schon aus dem Untergrund die Stadt. Seine Schergen trieben Schutzgelder ein, drohten den Minderheiten und legten entstellte Leichen auf den Strassen ab.

Das Regime soll das Volk fürchten

Nachdem der IS die Macht übernommen hatte, sei die Stimmung zuerst fast gelöst gewesen, weil die Herrscher aus Bagdad so verhasst waren. Doch dann zeigt der IS sein wahres Gesicht. Die Universität wird geschlossen, und der Dozent Omar Mohammed macht die seinen Schüler gestellten Hausaufgaben selbst, er wird zum Chronisten von Mosuls dunkelsten Stunden. Um die Welt über die Verbrechen des IS zu informieren. Und auch, um den Jihadisten zu zeigen, dass sie nicht alleine sind in der Stadt. «Das Volk sollte sich nicht vor seiner Regierung fürchten», sagt der Held in Mohammeds Lieblingsfilm «V wie Vendetta». Und: «Die Regierung sollte sich vor ihrem Volk fürchten.»

Aus Omar Mohammed wird Mosul Eye. Ein Freund, der sich mit IT-Technik auskennt, legt ihm für etwas Geld eine geheime Internetleitung. So muss Mohammed seine Daten nicht beim IS hinterlegen wie andere, die ins Netz wollen. Täglich spielt Mohammed jetzt Rollen, um an Informationen zu kommen. Morgens trägt er der Mutter die Taschen zum Einkaufen, um den Tratsch der Frauen und der Marktleute mitzuhören. In fremden Vierteln gibt er den redseligen Trottel, bei seinem Freund, dem Arzt, den sensationslüsternen Typen mit Faible für blutige Details. «Es gab den seriösen Omar, der mit Würdenträgern religiöse Fragen diskutierte, es gab den Omar, der nachts als einsamer Spaziergänger durch die Altstadt streifte. Es gab den Omar, der Freunde, die beim IS angeheuert hatten, für ihre Taten pries, um sie zum Angeben zu animieren», erzählt er.

Mohammed ging auch zu den Hinrichtungen, um sie bezeugen zu können. «Ich werde nur die Fakten weitergeben, die ich selbst gesehen habe», hatte Mosul Eye in einem seiner ersten Einträge versprochen. In schwachen Momenten wartete er nicht, bis das Schwert des Henkers niedersauste. Es reichte ihm, wenn er den Namen des Delinquenten und das Urteil hörte, dann lief er weg.

Als ginge ihn den Wahnsinn nichts an

Belastend war, dass er seine Erfahrungen mit niemandem teilen konnte. Er fühlte sich euphorisch, als die Zahl seiner Follower auf Twitter in die Zehntausende stieg, nach heimlich geführten Interviews mit dem «New Yorker» zum Beispiel. Dann musste er sich selbst wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurückholen. Folgten auf die Adrenalinräusche Panikattacken, sass er in seinem Zimmer auf dem Bett und sagte vor sich hin: Atme ruhig. Sie werden dich nicht finden. Da hat sich nichts vor dem Fenster bewegt. Es wird nichts passieren.

«Traue keinem», hatte sich Mohammed als Leitspruch gesetzt, als er zu Mosul Eye wurde. Und so offenbarte er sich nicht einmal jenem Kreis von Freunden, den er wöchentlich im Haus eines Archäologen traf. Die Künstler und Wissenschaftler standen auf der richtigen Seite, kein Zweifel – sie diskutierten offen über den IS, tauschten Bücher und hörten aus dem Netz kopierte klassische Musik. Schopenhauer und Chopin – der Untergrund des Kalifats. Um seine Familie zu schützen, erzählte er auch ihr nichts. Manchmal wurde die Mutter argwöhnisch und sagte: «Du hängst zu viel an deinem Handy. Was machst du da?» Dann zog sich Mohammed in sein Zimmer zurück und tat so, als ginge ihn der Wahnsinn da draussen nichts an.

Eine Festplatte im Hosenbund

Es ist ausgerechnet der lang ersehnte Gegenschlag der irakischen Armee und der internationalen ­Militärkoalition, der dazu führt, dass Omar Mohammed Ende 2015 tausend Dollar an einen Schmuggler zahlt. Nachdem Mosul Eye Luftschlag um Luftschlag online kartiert hatte, fällt ihm auf, dass er dem IS sein Bewegungsprofil geliefert hat. Er packt eine Tasche, schiebt sich eine Festplatte mit Daten über die Jihadisten in den Hosenbund und besteigt ein Auto in Richtung Nordsyrien. Dann geht es zur türkischen Grenze. An den Checkpoints winkt man den Schleuser einfach durch, Mohammed vermutet, dass der geldgierige IS sogar an der Flucht von Untertanen mitverdiente.

In der Türkei angekommen, beantragt er eine ­legale Einreise nach Europa. Seinen Blog betreibt Mohammed auch noch, als er im Februar 2017 endlich in Europa aus einem Flugzeug steigt. Sechs Tage in der Woche sitzt er in einer Bibliothek, ­recherchiert für seine Doktorarbeit. Am siebten Tag geht er in Museen. Oder in die Philharmonie.

Im Frühsommer 2017 wird der Bombenkrieg intensiver, der IS nimmt Zivilisten als Schutzschilde. Mohammed hängt Stunden am Telefon: Menschen aus Mosul schicken Telefonnummern von jenen, die in Kellern sitzen. Mosul Eye ruft die Verzweifelten an, versucht, sie zu beruhigen und ihre Position zu erfahren. Die gibt er an die Militärkoalition weiter, in der Hoffnung, dass deren Bomber die entsprechenden Häuser verschonen. Nicht immer gelingt das. Zwei Cousins von Mohammed sterben in einem einstürzenden Haus mit ihrer Mutter, ihren Frauen und Kindern, 16 Menschen. Auch einer seiner Brüder hat die Befreiung nicht überlebt.

Die Festplatte mit den Daten will Omar Mohammed erst in einigen Jahren wieder zur Hand nehmen, wenn er ein wissenschaftliches Buch über die IS-Herrschaft in Mosul schreiben wird.

Erstellt: 25.01.2018, 18:45 Uhr

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