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Der doppelte Feiertag

Die Armenier jubeln über ihre Revolution und gedenken gleichzeitig ihrer Toten beim Genozid vor 103 Jahren. Nun beginnt die Suche nach einer stabilen Regierung.

Armenier gedenken in Jerewan des Genozids vor 103 Jahren. Foto: Reuters
Armenier gedenken in Jerewan des Genozids vor 103 Jahren. Foto: Reuters

Bis in die Morgenstunden haben die Armenier den Rücktritt des Premiers gefeiert, haben auf den Dächern ihrer Autos getanzt, gehupt, gejubelt und gesungen. Die Gehwege waren übersät mit Flaschen und den Resten von Feuerwerk, daneben lagen die Wracks von Autos, die der Last der Tänzer nicht standgehalten hatten. Am Dienstagmorgen nach dem grossen Tumult liegt Jerewan still und sauber in der Sonne. Studenten ziehen mit Plastiktüten durch die Strassen und heben die letzten Zigarettenstummel von den Gehwegen auf, über die sie noch gestern lärmend und protestierend marschiert sind. Denn an diesem neuen Tag begeht Armenien das Andenken an den Genozid vor 103 Jahren. Und es begeht ihn mit Würde.

Noch einmal sammeln sich am Nachmittag Zehntausende auf dem Platz der Republik. Noch einmal marschieren sie durch die Strassen der Hauptstadt. Aber diesmal hallen keine Parolen durch die Innenstadt, keine Trommeln und keine Autohupen. Statt Karikaturen des Ex-Präsidenten und nun auch Ex-Premiers Sersch Sarkisjan halten sie Blumen in den Händen. Armenien feiert, Armenien gedenkt. In der Festtagsstimmung liegt auch die Erleichterung darüber, dass alles ohne Blutvergiessen ausgegangen ist.

Hoffnungsträger Paschinjan

In diesem Jahr sei der 24. April ein doppelter Feiertag, sagt Anaid Grigarjan. «Trauer und Freude mischen sich.» In der einen Hand hält die 32-Jährige einen Strauss weisser Nelken, an der anderen ihre kleine Tochter. Der nationale Gedenktag an den Genozid verbindet die Generationen mit den Vorfahren, die vor über einem Jahrhundert aus dem Osmanischen Reich vertrieben oder getötet wurden.

Man sollte das Gedenken und den Triumph über die Abdankung des Regierungschefs trennen, findet Asatur Mansakanjan, ein sportlicher 24-Jähriger in gebügeltem Polohemd. Dass die Welt anerkenne, was dem armenischen Volk angetan wurde, sei wichtig. Aber jetzt gehe es darum, was die Armenier aus Gegenwart und aus Zukunft machen. «Gestern war ein historischer Tag», sagt er. Jetzt hofft er, dass Nikol Paschinjan, der Anführer der Proteste, bald Premier wird: «Nur Nikol kann etwas ändern. Wenn wieder einer von der Republikanischen Partei ernannt wird, gehen wir morgen wieder auf die Strasse.»

Dass Paschinjan nun übernimmt, ist keineswegs ausgemacht. Der 42-Jährige begründet seine Legitimität vorerst nur auf den Rückhalt der Strasse. Mehr als 100'000 Menschen sind seinem Ruf gefolgt und haben demonstriert. Im Parlament hat sein Bündnis aus drei Kleinstparteien gerade einmal 9 Sitze von 105. Die regierenden Republikaner verfügen über 58 Sitze. In den kommenden Tagen wird es darum gehen, zwischen formaler Parlamentsmehrheit und der Mehrheit der Strasse zu verhandeln.

«Premierminister des Volkes»

Mit seinem Rücktritt hat Sersch Sarkisjan die Amtsgeschäfte an seinen Stellvertreter Karen Karapetjan, den früheren Bürgermeister von Jerewan, übergeben. Der 53-jährige Ökonom war in der Übergangsphase für anderthalb Jahre Regierungschef, bis die Vollmachten des Präsidenten auf den Premier übergingen und Sarkisjan auf den Posten wechselte – jener verhängnisvolle Schritt, der vor zwei Wochen die Proteste provoziert hatte. In diesen anderthalb Jahren hat sich Karapetjan einiges Ansehen erarbeitet, vor allem, weil die Wirtschaft etwas mehr Luft zum Atmen bekam und um 7 Prozent wachsen konnte. Einiges von seinem Ansehen hat er allerdings wieder eingebüsst, als er sein Amt widerspruchslos an Sarkisjan abtrat. Als Mitglied der Republikaner gilt er zudem als Mann des alten Systems.

Heute Mittwoch wollen sich Karapetjan und der Oppositionelle Paschinjan zu Verhandlungen treffen. Paschinjan hatte seine Forderungen in vier Punkten formuliert, von denen der erste erfüllt ist: Sarkisjans Rücktritt. Als Nächstes soll das Parlament einen «Premierminister des Volkes» wählen, eine Übergangsregierung soll gebildet und schliesslich sollen Neuwahlen abgehalten werden.

Dass Paschinjan mit «Premierminister des Volkes» sich selbst meint, haben nicht nur seine Anhänger so verstanden. Allerdings dürfte ihm bewusst sein, dass die friedlichen Massenproteste sein einziges Kapital sind, das mit jedem Tag an Wert verliert. Ein weiteres Mal dürften sich die Massen nicht so leicht mobilisieren lassen. Möglich ist daher auch, dass sich die beiden Unterhändler auf einen Dritten einigen, der kein Vertreter des alten Systems ist, aber von den Republikanern akzeptiert werden kann. Die Ära Sersch Sarkisjan ist indes, anders als viele nach seinem Rücktritt dachten, noch nicht ganz vorbei. Am Dienstag gab die Republikanische Partei bekannt, dass Sarkisjan weiter ihr Vorsitzender bleibe.

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