Der grosse Migrationsdruck kommt erst noch

Künftig werden viel mehr Menschen aus Nordafrika und dem Nahen Osten auswandern wollen. Das hält eine Studie fest und nennt die Region «ein Pulverfass vor den Toren Europas».

Italiens Marine bei einem Rettungseinsatz im Mittelmeer: In Zukunft wird sie wohl noch mehr zu tun haben.

Italiens Marine bei einem Rettungseinsatz im Mittelmeer: In Zukunft wird sie wohl noch mehr zu tun haben. Bild: Keystone

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Eine neue Studie des deutschen Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung kommt zum Schluss, dass die Zahl der Auswanderer aus nordafrikanischen Ländern und aus dem Nahen Osten in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird. Die Autoren der Studie haben die ökonomische und soziale Lage in den 19 sogenannten Mena-Ländern untersucht. Sie gehören zu einer Region, die sich von Marokko im Westen bis zum Iran im Osten erstreckt; die Abkürzung Mena steht für «Middle East North Africa». Ihr Befund ist verheerend. «8 von 19 Mena-Staaten finden sich in der Gruppe der instabilsten Staaten weltweit. Vier davon, Syrien, Libyen, der Irak und der Jemen, können als gescheitert bezeichnet werden.» Die Gefahr zusätzlicher Instabilität sei gross, wofür die Autoren bildungs- und arbeitspolitische, ökonomische und demografische Faktoren verantwortlich machen.

Die Mena-Länder in Nordafrika und im Nahen Osten.

13 Länder stufen die Autoren als instabil ein – dies, weil zumindest eines von drei Negativkriterien erfüllt ist: Ihre Regierungen sind nicht in der Lage, das Machtmonopol auszuüben (mangelnde Autorität), eine funktionierende Infrastruktur bereitzustellen (mangelnde Effektivität), oder sie werden von einem grossen Teil der Bevölkerung nicht als rechtmässig anerkannt (mangelnde Legitimität).

Instabil sind demnach Algerien, der Irak, der Iran, Jordanien, Libanon, Libyen, Marokko, Oman, die palästinensischen Autonomiegebiete, Syrien, Tunesien, Ägypten und der Jemen. In ihnen leben 363 Millionen Menschen, was 87 Prozent der Mena-Einwohner entspricht. Obwohl auch in Nordafrika und im Nahen Osten die Geburtenrate sinkt, wird die Gesamtbevölkerung der instabilen Länder in den nächsten 15 Jahren um nahezu 100 Millionen wachsen. Besonders ausgeprägt war bereits in jüngster Zeit der Zuwachs junger Erwachsener zwischen 20 und 29 Jahren, deren Bildung sich zumindest formal verbessert hat.

Bessere Bildung führt zu sozialer Unruhe

Während diese beiden Faktoren normalerweise einen ökonomischen Vorteil darstellen, ist dies laut Studie in vielen Mena-Ländern gerade umgekehrt: Da zu wenig Stellen entstehen, um die auf den Arbeitsmarkt drängenden Jungen zu beschäftigen, führt das in der Fachliteratur «Youth Bulge» (Jugendüberhang) genannte Phänomen zu Frustrationen, Verteilkämpfen und politischen Unruhen: «Je stärker in den Mena-Ländern der gesamtgesellschaftliche Bildungsgrad anstieg, desto geringer war zwischen 1995 und 2010 der Grad der politischen Stabilität. Die Region hat es also bislang nicht geschafft, das wachsende Humanvermögen für die Gesellschaft nutzbar zu machen. Stattdessen scheint ein wachsender Anteil an besser Qualifizierten die Unruhe in der Bevölkerung zu schüren.»

Ein Ende der Flüchtlingsbewegung ist nicht zu erwarten.

Insbesondere junge Männer würden sich notfalls auch mit Gewalt gegen soziale Missstände auflehnen. «Dies ist umso mehr der Fall, je besser diese Personen gebildet sind und keinen Weg sehen, ihr Talent und Ihre Leistungsbereitschaft gewinnbringend einzusetzen.» Die «Arabellion», die Massendemonstrationen und Aufstände gegen autokratische Herrscher, welche die Region vor einigen Jahren erschütterten, hatten nicht zuletzt mit diesem auf den ersten Blick paradox scheinenden Phänomen zu tun.

Durchschnittlich finden in den Mena-Ländern lediglich 40 Prozent der Erwerbsfähigen eine Stelle. Weil sich viele Jugendliche eine Anstellung im Staatsdienst erhoffen, sind Sozial- und Geisteswissenschaften besonders beliebte Studienfächer, während der Anteil an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern im internationalen Vergleich gering ist. Die Ausbildung setzt stark auf Frontalunterricht, Auswendiglernen und religiöse Inhalte. Obwohl die Zahl der Analphabeten seit der Jahrtausendwende unter 10 Prozent gefallen ist, erzielen die Länder bei internationalen Bildungsvergleichen sehr schlechte Ergebnisse.

Jeder Vierte will auswandern

Die Autoren der Studie bezeichnen die Mena-Länder als «Pulverfass vor den Toren Europas». Laut einer Gallup-Befragung aus dem Jahre 2009 denken rund 25 Prozent der Gesamtbevölkerung ans Auswandern. Neben ökonomischer Perspektivlosigkeit, politisch-sozialer Instabilität sowie dem enormen Wohlstandsgefälle zwischen der Mena-Region und Europa lassen Umweltfaktoren einer wachsenden Zahl von Einwohnern die Flucht über das Mittelmeer als einzig mögliche Rettung erscheinen. Bereits haben – mit Ausnahme des Iran und Irak – sämtliche Mena-Länder weniger als 1000 Kubikmeter Wasserressourcen pro Kopf, leiden also unter chronischer Knappheit. Ausserdem ist in zehn Ländern weniger als ein Fünftel der Fläche agrarisch nutzbar.

Der Klimawandel dürfte die Wasser- und Nahrungsmittelknappheit zusätzlich verschärfen. «Solange es nicht in absehbarer Zeit zu einem Ende der vielfältigen Konflikte, zu einer politischen Stabilisierung und einem wirtschaftlichen Aufschwung in der Mena-Region kommt, ist auch kein Ende der Flüchtlingsbewegungen zu erwarten», heisst es in der Studie.

Um den Migrationsdruck zu mildern, müssten die Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens laut Studie in die Bildung investieren, bessere Bedingungen für Unternehmen schaffen, Korruption, Rechtsunsicherheit und Bürokratie bekämpfen. Anzeichen, dass dabei nennenswerte Fortschritte erzielt werden, gibt es allerdings kaum. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2016, 16:15 Uhr

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