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Der Held von Gaza

Seit der Militäraktion Israels gegen einen Hilfskonvoi am Montag wird Mehmet Kaya, der Repräsentant der türkischen Hilfsorganisation, die die Flottille finanziert hat, auf Schritt und Tritt wie ein Star begrüsst.

Inoffizieller Botschafter der Türkei in Gaza? Mehmet Kaya.
Inoffizieller Botschafter der Türkei in Gaza? Mehmet Kaya.

Jung und Alt wollen dem bärtigen 50-Jährigen die Hand schütteln, führende Vertreter der herrschenden Hamas empfangen ihn gern. Seine Organisation hat viel vor in dem bitterarmen palästinensischen Autonomiegebiet: 20 Millionen Euro will sie nach seinen Worten in Wohnungsbau, medizinische Versorgung und Bildung stecken.

«Die arabischen Länder, die zu uns gehören, haben nicht das getan, was die Türkei getan hat», sagt die 30-jährige Jihan Baluscha, die ihre fünf Kinder zu einer Begegnung mit Kaya am heruntergekommenen Hafen von Gaza mitgebracht hat. Das Engagement der Türkei für den abgeriegelten Gazastreifen hat auch mit ihrem Ehrgeiz zu tun, sich als gewichtige Kraft im Nahen Osten zu profilieren.

«Hilfe über Hamas kommt an»

Israel beschuldigt Kayas Organisation, die Stiftung für Menschenrechte, Freiheiten und Humanitäre Hilfe (Insani Hak ve Hürriyetler Vakfi), den Terrorismus zu unterstützen. Die I.H.H. weist das nachdrücklich zurück: Sie kümmere sich ausschliesslich um humanitäre Hilfe und müsse sich einfach an die Hamas wenden, weil die nun mal in Gaza herrsche. «Nach unserer Erfahrung kommt die Hilfe, wenn sie über die Hamas läuft, auch bei den Menschen an», sagt Kaya.

Der Mann vom I.H.H.-Büro in Gaza ist noch bekannter geworden, seit der Hilfskonvoi die Blockade zu durchbrechen versuchte und neun türkische Aktivisten bei Zusammenstössen mit israelischen Soldaten getötet wurden. Kaya wird als eine Art inoffizieller Botschafter der Türkei betrachtet, die sich verstärkt den Hamas-Schutzmächten Iran und Syrien annähert. Das Bündnis mit Israel hingegen ist nicht zuletzt durch die Marineaktion deutlich abgekühlt.

Die türkische Regierung unterstützte den Konvoi mit 10'000 Tonnen Hilfsgütern und Hunderten Sympathisanten inoffiziell. In den vergangenen Wochen hatte Israel auf militärischer und politischer Ebene erfolglos darauf gedrängt, das Vorhaben abzublasen. Die I.H.H., deren Verwaltungsrat sich aus dem wohlhabenden Bürgertum rekrutiert, ist nach eigenen Angaben von der türkischen Regierung unabhängig.

Wohnungsbau, Lebensmittelpakete und Computerkurse

Spuren des zunehmenden türkischen Engagements sind überall in Gaza zu erkennen. Eine Hamas-Mitteilung, der zufolge Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan der Hamas-Führung weitere Unterstützung für Gaza versprach, wurde breit verteilt und an den Moscheen angeschlagen. Die I.H.H. repariert den Hafen, finanziert eine türkisch-palästinensische Schule und plant, ein Krankenhaus und Wohnungen für Menschen zu errichten, die bei der israelischen Offensive voriges Jahr ihr Obdach verloren. So entsteht im kriegszerstörten Viertel Isbet Abed Rabbo ein dreistöckiger Wohnblock. Das Bauprojekt für 200'000 Euro schafft 100 Arbeitsplätze. Die Stiftung unterstützt zudem 9000 Familien mit Geld und Lebensmittelpaketen und bietet Computer- und Nähkurse für Frauen an, wie Kaya berichtet.

Eigentlich sollten die Vereinten Nationen für den Wiederaufbau Gazas nach dem Krieg sorgen. Doch sie kommen nicht voran, weil Israel, das den Gazastreifen nach der Machtübernahme der Hamas und zunehmendem Raketenbeschuss abgeriegelt hatte, kaum Baumaterial durchlässt. Durch die Schmugglertunnel eingeführtes Material zu kaufen, ist den UN-Organisationen nicht erlaubt. Gruppen wie die I.H.H. dagegen kaufen auf dem Schwarzmarkt und sind anders als internationale Organisationen nicht verpflichtet, sich von der Hamas fernzuhalten.

«Die I.H.H. ist als eine Gruppe bekannt, die in Zusammenhang mit terroristischen Operationen genannt wird», erklärt der israelische Aussenamtssprecher Yigal Palmor. «Sie bekennt sich zu ihren engen Verbindungen zur Hamas.» Der französische Terrorabwehrexperte Jean-Louis Bruguiere, der die Stiftung in den 90er Jahren unter die Lupe nahm, stiess nach eigenen Angaben damals auf Verbindungen zu Terrornetzen wie al-Qaida. Ob es heute noch derartige Kontakte gibt, sagt er nicht.

Verbindungen zum Jihad verdächtigt

Dem israelischen Geheimdienst Schin Bet zufolge spielt die Gruppe eine wichtige Rolle als Spendenbeschaffer für die Hamas. Sie habe «in der Vergangenheit Organisationen des Islamischen Jihad zumindest logistische Unterstützung» geleistet, erklärt Reuven Erlich, Leiter eines dem israelischen Verteidigungsministerium nahestehenden sicherheitspolitischen Instituts. «Wir waren nicht erstaunt zu hören, was passiert ist», sagt Erlich. «Das passt gut zu ihrer Vergangenheit.»

Zu den rund 45 Organisationen, die die USA als terroristisch einstufen, zählt die I.H.H. - anders als die Hamas - indes nicht. Die Stiftung leiste ausschliesslich humanitäre Hilfe, versichert Vorstandsmitglied Ömer Faruk Korkmaz am Sitz der Stiftung in Istanbul. «Wir billigen das Tun von keinerlei terroristischer Organisation auf der Welt.»

Einwohner von Gaza sagen, sie wüssten es zu schätzen, dass die I.H.H. und die Türkei auf die Blockade aufmerksam gemacht hätten. «Sie haben uns wirklich beigestanden», sagt Baluscha. «Und wir sind dankbar.»

ddp/mt

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