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«Der Iran stellt die Bodentruppen»

Intervenieren Russland und der Iran in Syrien gemeinsam? Diese These stellt ein amerikanischer Beobachter auf. Ein Indiz dafür ist der Tod eines iranischen Generals in Syrien.

Russland bombardiert in Syrien auch gemässigte Rebellen: Ein SU-24M-Bomber bei der Landung in Latakia. (5. Oktober 2015)
Russland bombardiert in Syrien auch gemässigte Rebellen: Ein SU-24M-Bomber bei der Landung in Latakia. (5. Oktober 2015)
EPA/Russisches Verteidigungsministerium

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat im Norden Syriens nach Oppositionsangaben die grössten Geländegewinne seit August gemacht. In der Umgebung der Millionenmetropole Aleppo soll der IS mehrere Dörfer von rivalisierenden Aufständischen erobert haben. Dies teilte die in Grossbritannien ansässige oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Freitag mit. Nun stünden die Jihadisten nur noch zwei Kilometer vor einem Industriegebiet im Norden von Aleppo, das noch unter Kontrolle der Regierungseinheiten sei.

Laut der «New York Times» haben die IS-Kämpfer sechs Dörfer nahe Aleppo erobert und drohen nun eine wichtige Versorgungsroute der Rebellen zur türkischen Grenze abzuschneiden.

«Der IS war noch nie so nahe an Aleppo»

Russland fliegt seit Ende September Luftangriffe in Syrien, nach eigenen Angaben gegen die IS-Miliz und gegen andere «terroristische Gruppen». Der Westen wirft Moskau aber vor, die meisten Angriffe würden gemässigte Rebellen treffen, die den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad bekämpfen.

«Der IS war noch nie so nahe an Aleppo», sagte Rami Abdel Rahman, der Leiter der Beobachtungsstelle. Zuvor habe der IS mehrere bislang von Rebellengruppen gehaltene Ortschaften eingenommen. Bei den Gefechten seien «auf beiden Seiten Dutzende Kämpfer» getötet worden.

IS profitiert offenbar von russischem Einsatz

«Die Jihadistengruppe profitiert von der Verwirrung aufseiten der Rebellen, die in mehreren Provinzen von den Russen angegriffen werden», sagte Rahman. «Sie rückt vor, ohne auch nur von einem einzigen Luftangriff gestört zu werden.»

Der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian sagte am Freitag im Sender Europe 1, «80 bis 90 Prozent» der russischen Luftangriffe seien nicht gegen die IS-Jihadisten gerichtet. «Die russischen Militäraktionen der vergangenen rund zehn Tage zielen nicht auf den IS ab, sie dienen in erster Linie der Sicherheit von Bashar al-Assad.»

Iranische und russische Offensive koordiniert?

Die iranischen Revolutionsgarden, die im syrischen Bürgerkrieg ebenfalls Präsident Assad unterstützen, erklärten derweil, einer ihrer Generäle sei in der Region um Aleppo vom IS getötet worden. Offiziell war dieser auf einer «Beratungsmission» unterwegs in Syrien. Für westliche Beobachter zeigt die Anwesenheit des Generals in Syrien jedoch das starke militärische Engagement des Iran in Syrien. Sie gehen davon aus, dass General Hossein Hamedani die in Syrien präsenten Al-Quds-Brigaden, eine Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarde, befehligte. Dass diese in Syrien nicht nur «beratend» tätig sei, lasse sich an iranischen Todesanzeigen ablesen. «Die Verluste der Revolutionsgarden nehmen zu», sagte der frühere CIA-Mitarbeiter Reuel Marc Gerecht zu CNN. «Wir sehen ständig Todesanzeigen von Mitgliedern der Revolutionsgarden, die in Syrien ums Leben kamen.»

Offiziell nur auf einer Beratungsmission: Der in Syrien getötete General Hossein Hamedani. (Bild: AP Photo/Tasnim News Agency, Hamed Malekpour)
Offiziell nur auf einer Beratungsmission: Der in Syrien getötete General Hossein Hamedani. (Bild: AP Photo/Tasnim News Agency, Hamed Malekpour)

Dass ein hochrangiger iranischer General in Syrien sei, zeige die Verzweiflung des Regimes in Damaskus wie auch den Grad des iranischen Engagements, sagte Andrew Tabler vom Washingtoner Institut für Nahostpolitik ebenfalls zu CNN.

Tabler hält die iranische Einmischung in Syrien für ein mit Russland koordiniertes Vorgehen: «Der Iran und dessen schiitische Milizen sowie die Hizbollah ergänzen die russischen Luftwaffen als Bodentruppen.» Die russische Intervention, so sagt Tabler, sei mit einer «gigantischen iranischen Offensive» verbunden, die bereits vor Monaten gemeinsam mit den Russen geplant worden sei.

Wie im Fall von Russland vermuten westliche Beobachter, dass auch der Iran vornehmlich am Erhalt des Assad-Regimes interessiert ist. «Ich bin nicht sicher, ob der Iran die Besiegung des IS zum Ziel hat», wird der ehemalige CIA-Mann Gerecht zitiert. «Ich glaube, dass der Iran primär sicherstellen will, dass Assad nicht stürzt.»

USA stoppen Trainingsprogramm

Die USA stellen derweil das Ausbildungsprogramm, mit dem das Pentagon eine schlagkräftige syrische Rebellentruppe aufstellen wollte, grösstenteils ein. Wie die «New York Times» berichtet, soll das im 500 Millionen schweren Programm noch vorhandene Geld nun verwendet werden, um bestehende Rebellentruppen mit Munition und möglicherweise auch Waffen auszurüsten. Wie Vertreter von Regierung und Pentagon bestätigten, sei die Strategie, Rebellen zur Ausbildung von der Front abzuziehen und sie danach wieder in den Kampf zu schicken gescheitert. Nun sei das Ziel, die Rebellen im Kampf zu halten und sie dabei zu unterstützen.

Weiter wird in Washington gerätselt, wieso die USA die russische Intervention in Syrien nicht rechtzeitig erkannten. Wie die «Washington Post» berichtet, waren sowohl Geheimdienste wie Regierung über die Verschiebung von Jets und Ausrüstung nach Syrien frühzeitig im Bild; unter anderem, weil Russland andere Länder um Überfluggenehmigungen ersuchen musste.

Eine Reaktion Washingtons blieb dennoch lange aus. «Wir sahen eigentlich sehr gut, was vor sich ging», zitiert die «Washington Post» Jeffrey White, einen früheren Analysten der Defense Intelligence Agency (DIA), einem militärischen Nachrichtendienst der USA, «doch niemand erkannte die Implikationen dieser Beobachtungen.»

USA und Russland sprechen erneut über Luftangriffe

Noch dieses Wochenende wollen die USA und Russland nach Angaben des Pentagons erneut über die Luftraumsicherheit über Syrien sprechen.

Das Pentagon möchte eine Einigung über Sicherheitsvorkehrungen, damit gewährleistet ist, dass es keine Konflikte, Missverständnisse oder andere Probleme zwischen der russischen Luftwaffe und der von den USA angeführten Koalition in Syrien gibt. Die Vereinigten Staaten haben deshalb eine Reihe von Sicherheitsmassnahmen wie spezielle internationale Radiofrequenzen für Notrufe von Militärpiloten in Syrien vorgeschlagen. Pentagonvertreter erklärten, dass Konflikte im Luftraum zum Ende dieser Woche ausgeblieben seien. US-Piloten wüssten, wo sich die russischen Flugzeuge befänden. Die Flugzeuge könnten sich gegenseitig sehen.

US-Verteidigungsminister Ashton Carter machte klar, dass sich die Diskussionen seines Landes mit Russland auf einfache, technische Gespräche über die Sicherheit im Luftraum beschränken würden. Eine breitere Kooperation oder Koordinierung mit Russland schloss er aus, solange Moskau nicht nur die Terrormiliz Islamischer Staat, sondern auch andere Rebellengruppen in Syrien unter Beschuss nehme. Letztere stehen teils auf der Seite der internationalen Koalition.

Russland monierte den engen Spielraum bei den Gesprächen mit den USA. Der stellvertretende Verteidigungsminister Anatoli Antonow sagte, Moskau wolle breitere Diskussionen über eine internationale Kooperation im Kampf gegen den IS.

mw/sda/AP

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