«Der IS weiss genau, dass er verlieren wird»

Mit einer Militäroffensive soll die irakische Stadt Mossul befreit werden. Nihad Kodscha, Bürgermeister von Erbil, über die Folgen.

«Wenn der IS militärisch besiegt ist, geht der politische Kampf los»: Nihad Kodscha, Bürgermeister von Erbil. Foto: Alex Kraus

«Wenn der IS militärisch besiegt ist, geht der politische Kampf los»: Nihad Kodscha, Bürgermeister von Erbil. Foto: Alex Kraus

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Sie sind Bürgermeister der Stadt Erbil. Die ist 80 Kilometer von Mossul entfernt, der Stadt also, die der Islamische Staat (IS) 2014 spektakulär eingenommen hat. Bekommen Sie schon etwas von der Offensive gegen den IS mit?
Kaum etwas. Ich würde sogar sagen: Die Offensive hat Erbil sicherer gemacht. Die Peschmerga haben schon erste Dörfer um Mossul vom IS befreit. Das sind alles strategisch zentrale Punkte. Die Front ist also weiter weg als noch vor ein paar Monaten.

Über eine Befreiung von Mossul wird seit Monaten geredet. Wieso zieht sich das so lange hin?
Bevor man Mossul befreien kann, sind leider noch politische Dinge zu klären. Es kämpft zurzeit ein Militärbündnis aus der irakischen Armee, den Peschmerga sowie den Alliierten. Die grosse Frage ist, wer die Stadt verwaltet, wenn der IS erst einmal vertrieben ist.

Was genau muss da geklärt werden?
Zum Beispiel möchten sich schiitische Milizen an der Offensive beteiligen. Die Bevölkerung von Mossul ist ja grösstenteils sunnitisch. Sie machen sich Sorgen, dass die Schiiten die Stadt mit verwalten wollen, wenn sie schon bei der Befreiung geholfen haben. Oder auch, dass Bagdad jemanden schicken könnte, der die Verwaltung übernimmt. Das Misstrauen sitzt tief. Es ist für die Zukunft Mossuls entscheidend, dass die Bürger selbst das Sagen haben. Die Stadtverwaltung muss schliesslich für eine ganze Reihe von Leuten da sein: Sunniten, Christen und natürlich Kurden. Das muss demokratisch geregelt werden, anders ist eine so multikulturelle Gesellschaft wie in Mossul nicht zu schützen.

Was hat die Offensive gegen Mossul mit dem Kampf gegen den IS in Syrien zu tun? Gibt es da Parallelen?
Ich glaube, dass die Alliierten versuchen werden, Rakka und Mossul gleichzeitig zu befreien. Wenn das geschafft ist, ist der IS militärisch geschlagen. Dann geht aber ein neuer Kampf los: der politische und der gegen die Ideologie des IS. Der wird noch Jahre dauern.

Was wissen Sie über das Leben in Mossul?
Von Leuten, die in der Stadt sind, bekommen wir viele Eindrücke übermittelt. Wir wissen, dass das Leben dort sehr schwer ist. Der IS ist mit jeder Niederlage, die er einstecken musste, repressiver geworden. Lebensmittel sind zum Beispiel sehr teuer. Es gibt ausserdem sehr viele Entführungen. So erpresst sich der IS Lösegeld. Ausserdem bekommen wir immer wieder Nachrichten, dass auch Kinder an die Waffen gezwungen werden. Wer sich weigert, der wird auf der Strasse erschossen.

Es gibt Berichte, dass der IS die Stadt untertunnelt hätte.
Ja, das stimmt. Die haben auch ganze Dörfer, die schon befreit sind, mit Tunneln durchzogen. In denen verschanzen die Kämpfer sich dann, wenn sie angegriffen werden. Das ist ja eine rein defensive Massnahme, sie bereiten sich auf die letzten Schlachten vor. Der IS weiss genau, dass er verlieren wird.

Wie stark ist der IS militärisch überhaupt noch?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Heute Morgen hat es in der Nähe von Sindschar Kämpfe zwischen den Peschmerga und IS-Milizen gegeben. Der IS ist mit 120 Mann angerückt, drei Stunden später waren davon 60 tot. Aufseiten der Peschmerga hat es nur drei Verletzte gegeben. Der IS ist militärisch schwächer als je zuvor.

Was wird sich für Erbil ändern, sollte die Offensive beginnen?
Wenn die Kämpfe richtig losgehen, dann werden eine ganze Menge Menschen fliehen. In den kurdischen Gebieten rechnen wir damit, dass etwa eine halbe bis eine Million Menschen zu uns kommen wird. Es gibt zwar bereits Flüchtlingslager für die Menschen aus Mossul, in Machmur. Das ist im Südwesten von Erbil. Da wohnen auch schon bis zu 30'000 Menschen. Aber diese Lager sind viel weiter weg als Erbil und Dohuk.

Wie bereiten Sie sich auf diesen Andrang vor?
In Erbil leben bereits 350'000 Flüchtlinge, viele von ihnen sind zum Beispiel Christen aus Mossul. Sie verbrauchen 30 Prozent all unserer Ressourcen. Das machen wir natürlich gerne. Wir appellieren an unsere Freunde im Ausland, uns nicht im Stich zu lassen. Viele Nichtregierungsorganisationen aus Deutschland, zum Beispiel Luftfahrt ohne Grenzen, haben uns in der Vergangenheit immer wieder sehr unterstützt. Wir sind auf diese Hilfe dringend angewiesen. Leider ist angesichts der jetzigen Lage alles ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Bundeswehr hat uns massiv mit Waffen unterstützt und Kämpfer daran ausgebildet. Trotzdem brauchen wir viel humanitäre Hilfe. Insbesondere Medikamente sind gerade extrem knapp.

Erstellt: 17.08.2016, 19:56 Uhr

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