Der Nobelpreisträger weicht kritischen Fragen aus

Abiy Ahmed soll in Oslo den Friedensnobelpreis bekommen. Der Premier hat Äthiopien freier, aber auch fragiler gemacht – Fragen zu Gewalt und Flucht in seinem Land möchte er wohl entgehen.

Abiy Ahmed hat gerne die volle Kontrolle darüber, welches Bild von ihm verbreitet wird. (7. Dezember 2019) Foto: Tiksa Negeri/Reuters

Abiy Ahmed hat gerne die volle Kontrolle darüber, welches Bild von ihm verbreitet wird. (7. Dezember 2019) Foto: Tiksa Negeri/Reuters

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Als im Oktober bekannt geworden war, dass der Friedensnobelpreis in diesem Jahr an Abiy Ahmed geht, da empfing der als pressescheu bekannte äthiopische Premier tatsächlich ein Team des norwegischen Senders NRK. Der Reporter beschrieb einen «deutlich berührten» Premierminister, der sich ansonsten ziemlich wortkarg gab. Die Öffentlichkeit solle bis zu seiner Teilnahme an der Nobelpreiszeremonie in Oslo im Dezember warten, sagte Abiy Ahmed. «Dort möchte ich alle meine Gefühle teilen.»

Am Dienstag nun wird in Oslo der Preis verliehen, aber schon jetzt ist die Enttäuschung gross: Entgegen allen Traditionen sagte Abiy Ahmed einen grossen Teil des sonst üblichen Besuchsprogramms ab – darunter sämtliche Begegnungen mit der Presse, bei denen diese ihm Fragen stellen könnte.

Diese Scheu vor einer nachfragenden Öffentlichkeit löste im Vorfeld Diskussionen aus und führte dazu, dass sich selbst das sonst zugeknöpfte norwegische Nobelkomitee erstaunlich kritisch zu Wort meldete. Olav Njølstad, Sekretär des Komitees, sagte dem Sender NRK, man finde die Weigerung Ahmeds «hoch problematisch». Ahmed traf schon am Montag in Oslo ein. Er hatte jedoch die sonst alljährlich live übertragene Pressekonferenz am Montag ebenso abgesagt wie die traditionellen Interviews mit den Sendern NRK, BBC und Al Jazeera. Ahmed meidet selbst das Friedensfest der Organisation «Save the Children», wo ansonsten jedes Jahr Kinder die Preisträger befragen dürfen.

Abiy Ahmed ist umstritten

Die Erklärung von Ahmeds Delegation, die auf Zeitmangel verweist, wird in Norwegen nicht wirklich für bare Münze genommen. Die Nachrichtenagentur NTB zitierte den norwegischen Äthiopienexperten Kjetil Tronvoll, der auf zuletzt zunehmende Spannungen in Äthiopien verwies: Abiy Ahmed habe im Moment «nicht viel, mit dem er sich brüsten könnte». Der letzte Preisträger, der jeden Kontakt mit der Presse vermieden hatte, war im Jahr 2009 US-Präsident Barack Obama gewesen.

Abiy Ahmed ist für viele Äthiopier ein verdienter wie umstrittener Preisträger. Er wurde im Frühjahr 2018 überraschend Ministerpräsident, nicht durch freie Wahlen, sondern von der Einheitspartei bestimmt, die Äthiopien seit 1991 regiert. Mehr als 100 Millionen Menschen leben in dem Vielvölkerstaat, dominiert wurden Politik und Wirtschaft aber lange von der Volksgruppe der Tigray, die lediglich sechs Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie versuchten, das chinesische Modell zu kopieren, und versprachen den Äthiopiern wirtschaftlichen Aufstieg. Grosse Infrastrukturprojekte wurden gebaut, Textil- und Elektronikfirmen in riesigen Gewerbeparks angesiedelt. Viele Projekte versumpften aber in Korruption und Inkompetenz, jahrelang demonstrierten Hunderttausende gegen das Regime – bis das vor der Wahl stand, weiter den chinesischen Weg zu gehen und die Proteste niederzuschlagen. Oder den Versuch zu starten, sich von innen heraus zu reformieren.

Die Partei entschied sich gegen Gewalt und für den jungen, bis dahin nur wenigen bekannten Abiy Ahmed, den ersten Ministerpräsidenten aus der grössten Volksgruppe der Oromo. Er machte sich in Windeseile daran, das Land auf den Kopf zu stellen: Tausende politische Gefangene wurden freigelassen, verbotene Parteien durften sich wieder betätigen, Zeitungen wurden zugelassen. Abiy versprach freie Wahlen, schloss Frieden mit dem Erzfeind Eritrea und begann gegen die Korruption der alten Elite vorzugehen. Er riskierte mit den radikalen Reformen sein Leben, überlebte mindestens ein Attentat und einen Putschversuch der Armee.

Millionen Menschen fliehen

Äthiopien ist durch ihn ein freieres Land geworden, aber auch ein fragileres. Viele Volksgruppen streben nach Autonomie und tragen ihre Konflikte mit Gewalt aus, Millionen Menschen sind auf der Flucht. Von Abiy ist dazu oft wenig zu hören. Der Mann, der in Äthiopien die Pressefreiheit einführte, gab nie gerne Interviews, hat bisher meist einen grossen Bogen um die internationalen Fernsehsender gemacht. Diese «Bescheidenheit» sei Teil der äthiopischen Kultur, sagte seine Sprecherin. Sie hinderte die Regierung aber nicht daran, in der Hauptstadt Addis Abeba riesige Banner aufzuhängen, die den Nobelpreis feiern.

Am Wochenende drehte ein ARD-Fernsehteam ein paar Strassenszenen in Addis Abeba, als plötzlich ein Wagen anhielt, mit dem Ministerpräsidenten selbst am Steuer. Der stellte erst einmal klar, dass die Plauderei «kein Interview» darstelle, sagte dann aber ein paar freundliche Sätze zum Besuch der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Abiy Ahmed hat ganz gerne die volle Kontrolle darüber, welches Bild von ihm verbreitet wird. Bevor er als Reformer die Geschichte einging, war er im Regime der Mitgründer eines Geheimdienstes, der das Internet überwachte.

Erstellt: 09.12.2019, 20:33 Uhr

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