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Der Pirat, der zum Friedensstifter wurde

Für die UNO gilt er als einer der einflussreichsten Piratenanführer in Somalia: Mohamed Abdi Hassan, genannt «Grossmaul». Er selber sagt, er habe die Seiten gewechselt. Dahinter vermuten einige wiederum Kalkül.

«Ich habe Einfluss, ich mobilisiere die Gemeinden, die Geistlichen und die Frauen, die Männer vom Meer fern zu halten»: Hassan spricht im Hafen von Mogadiscio zu Medienvertretern. (24. April 2013)
«Ich habe Einfluss, ich mobilisiere die Gemeinden, die Geistlichen und die Frauen, die Männer vom Meer fern zu halten»: Hassan spricht im Hafen von Mogadiscio zu Medienvertretern. (24. April 2013)
AFP

Wie ein gefürchteter Seeräuber sieht Mohamed Abdi Hassan nicht aus. Im strahlend weissen Hemd sitzt der Somalier in einem noblen Hotel im kriegszerstörten Mogadiscio und trinkt Tee. Dabei sind Hassan und seine Männer berüchtigt für ihre Überfälle im Indischen Ozean, bei denen sie Millionen Dollar Lösegeld erbeuteten. Hassan sei einer der «einflussreichsten Anführer des Piratennetzwerkes Hobyo-Harardheere», heisst es in einem UN-Bericht vom vergangenen Jahr. Das ist vorbei, versichert Hassan - inzwischen habe er die Seiten gewechselt.

Er habe die Seeräuberei aufgegeben, beteuert der stämmige Somalier und zieht einen Brief aus der Tasche. Das Dokument soll aus dem Präsidialamt stammen - es weist ihn als «Verantwortlichen im Kampf gegen die Piraterie» aus. Seine Aufgabe sei es, andere Piraten für einen neuen Lebenswandel zu gewinnen.

Das «Grossmaul», der «Abschaum des Meeres»

In Somalia ist Hassan besser bekannt als Afweyne - «Grossmaul» auf Somali - wie seine Mutter das ständig plärrende Kind angeblich nannte. Auch jetzt spuckt der rund 50-Jährige gerne grosse Töne: Tausend junge Männer habe er schon dazu bewogen, die Seeräuberei sein zu lassen, sagt er. «Ich habe Einfluss, ich mobilisiere die Gemeinden, die Geistlichen und die Frauen, die Männer vom Meer fern zu halten.»

Bis zu 3500 Kilometer von der somalischen Küste entfernt wüteten die Piraten in den vergangenen Jahren im Indischen Ozean. Einer aktuellen Berechnung der Weltbank zufolge wurden seit 2005 mindestens 315 Millionen Dollar (242 Millionen Euro) Lösegeld bezahlt - eine kleine Summe im Vergleich zu den 18 Milliarden Dollar, die die Piraterie die Weltwirtschaft jährlich kostet. Einer der Grossen auf Somalias Gewinnerseite soll Afweyne, der «Abschaum des Meeres», gewesen sein.

«Wir waren wie Waisenkinder»

«90 Prozent von dem, was in Somalia zu hören ist, stimmt nicht», entgegnet der geläuterte Pirat und lacht bei dem Gedanken, dass er als gefährlicher Bandit gilt. Allerdings: «Das heisst nicht, dass ich nichts damit zu tun hatte.» Nachdem ausländische Fischfangflotten nach dem Sturz von Diktator Mohammed Siad Barre 1991 und dem anschliessenden Bürgerkrieg die somalischen Fischgründe geplündert und damit auch sein Fischereiunternehmen ruiniert hätten, sei er unter die Seeräuber gegangen. «Das war legitim, weil es damals keine Regierung gab und wir wie Waisenkinder ohne Vater waren», sagt Hassan.

Er war unter anderem 2008 am Überfall auf den saudischen Supertanker «Sirius Star» beteiligt, für dessen Freigabe mehrere Millionen Dollar bezahlt wurden. Auch für Angriffe auf Schiffe mit Nahrungsmittelhilfe für die darbende Bevölkerung soll Hassan mitverantwortlich sein. Sein Sohn gilt ebenfalls als gefürchteter Piratenführer.

Will Afweyne nur Geld anlegen?

Seit Marineschiffe unter dem Kommando von EU, China, Russland und den USA am Horn von Afrika patrouillieren, sank die Zahl der Angriffe von 2011 bis 2012 nach Angaben der Mission EU NAVFOR um 80 Prozent. «Die Patrouillen haben viel Gutes bewirkt, aber wir brauchen auch an Land Anstrengungen», sagt Afweyne. Den Männern müssten Alternativen geboten werden, damit aus Piraten wieder Fischer oder Bauern oder Händler werden könnten.

Kritiker werfen Afweyne vor, er habe dem Piratentum nur abgeschworen, um das erbeutete Geld nun investieren zu können. Andere vermuten, der Vorwurf seines Clans, die Piraten schadeten dem Ruf Somalias, sei ihm zu Herzen gegangen. Im vergangenen Jahr erhielt er angeblich einen Diplomatenpass - als Anreiz, seine Seeräubermannschaft zu befrieden.

Afweynes Einfluss ist wichtig

Unabhängig von seiner Motivation - Afweynes Einfluss ist wichtig. Denn die somalische Regierung hat keine Kontrolle über die Regionen, von denen aus die Piraten operieren. Die Überfälle sind zwar rückläufig, doch die somalischen Gewässer gelten noch immer als äusserst gefährlich. Laut dem International Maritime Bureau (IMB) sind derzeit fünf Schiffe und 77 Geiseln in der Hand von Piraten; einige Seeräuber verdienten ihr Geld nun mit Entführungen und Überfällen an Land.

Andere Ex-Piraten schlossen sich Afweynes Initiative an, fordern jedoch konkrete Unterstützung. Viele aus seiner ehemaligen Mannschaft seien nun arbeitslos, sagt der frühere Piratenkapitän Abdullahi Abdi. «Und ein junger hungriger Mann ist zu allem fähig.»

(AFP)

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