Der Spion, der von al-Qaida kam

Riskanter Seitenwechsel: Aimen Dean lief von der Terrorgruppe zum britischen Geheimdienst über. Ein Auszug aus einem ungewöhnlichen Leben.

Zweifelte an der religiösen Legitimierung der Anschläge 1998 in Ostafrika: Aimen Dean.

Zweifelte an der religiösen Legitimierung der Anschläge 1998 in Ostafrika: Aimen Dean. Bild: BBC Hardtalk (Screenshot)

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Aimen Dean hat eine höchst ungewöhnliche Laufbahn hinter sich. Einst war er Al-Qaida-Mitglied, dann britischer Informant – aus Überzeugung. Mit «BBC News Magazine» und «BBC Hardtalk» hat Dean gesprochen. Bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet lesen Sie einen Auszug aus den Interviews.

Die Anfänge in Bosnien

Ausschlaggebendes Ereignis 1979: Mujahedin pausieren neben einem Helikopter der UdSSR, deren Truppen sie in Afghanistan bekämpfen. (Foto: Reuters, 1985)

Dean stammt aus Saudiarabien. 1979 besetzte die Sowjetunion Afghanistan – der Schlüsselmoment. Der Widerstand der Muslime gegen die Besetzungsmacht war gross und trieb auch Dean im Alter von 16 Jahren zu den Mujahedin. Zuerst kämpfte er mit den bosnischen Muslimen gegen die Serben. Dean sagt, er habe sich mächtig gefühlt – mit der Kalaschnikow in den Händen. «Ich hatte das Gefühl, Geschichte zu schreiben, anstatt zuzuschauen, wie andere sie schreiben.» Bosnien sei eine Ausbildungsstätte für islamistische Kämpfer gewesen. Und Bosnien war al-Qaidas Rekrutierungszentrum – für Terroristen, nicht für Soldaten.

Karriere bei al-Qaida

Treueeid auf den Terrorfürsten: Osama Bin Laden. (Foto: Keystone; undatiert)

Dean traf Khalid Scheich Mohammed, den Drahtzieher der 9/11-Anschläge, und Osama Bin Laden in Afghanistan. Er sass neben dem Führer al-Qaidas, legte seine Hand auf den Koran und sagte: «Ich leiste dir Gefolgschaft in deinem Kampf in guten wie in schlechten Zeiten. Ich kämpfe den Jihad gegen die Feinde Gottes und gehorche den Befehlen meiner Oberen.» Es sei ein grosser Karriereschritt gewesen, sagt Dean.

Im Einsatz in Afghanistan

Dean lehrte Rekruten der al-Qaida islamische Theologie und Geschichte – und begegnete Jihadisten mit unterschiedlichen Motivationen. «Es gibt nicht nur einen Weg der Radikalisierung.» Bei einigen dauere es Jahre, bei anderen Minuten. Die einen seien suizidal, die anderen wollten möglichst viel Leid verbreiten. Doch eines sei bei allen gleich – wenn auch in unterschiedlichem Ausmass: der Wunsch, als Märtyrer zu sterben.

Die Ernüchterung nach den Anschlägen

213 Tote: Terroristen sprengten am 7. August 1998 die US-Botschaft in Nairobi in die Luft. (Foto: Keystone; 7. August 1998)

Al-Qaida attackierte 1998 die Botschaften der USA in Kenia und Tansania. Amerikaner starben, aber auch sehr viele Menschen der lokalen Bevölkerung kamen um. Dean zweifelte, suchte eine religiöse Rechtfertigung für die Anschläge. Doch die Fatwa, welche die Angriffe legitimieren sollte, war 800 Jahre alt und völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Zwei Monate später verliess Dean Afghanistan unter einem Vorwand.

Der Seitenwechsel

Deans neuer Arbeitgeber: Das Hauptgebäude des MI6 in London. (Foto: Keystone; 5. März 2015)

Dean landete beim britischen Auslandsgeheimdienst MI6 und erzählte alles – sieben Monate lang. Dann kam die Idee, als Spion zurück nach Afghanistan zu gehen. Dean musste Informationen sammeln und sie in seinem Gedächtnis speichern. Sie aufzuschreiben, wäre zu gefährlich gewesen.

Er pendelte zwischen Afghanistan und Grossbritannien. Al-Qaida dachte, Dean würde in britischen Moscheen für den Jihad rekrutieren. Dabei lieferte er Informationen aus Afghanistan und britischen Islamistenkreisen beim Geheimdienst ab.

Hatte Dean ein schlechtes Gewissen, seine ehemaligen Weggefährten zu verraten? Seine Antwort: «Wenn du Ratten fangen willst, musst du in die Kanalisation gehen und dich selbst dreckig machen.»

Erstellt: 09.03.2015, 20:51 Uhr

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