Der Spion im grau-braunen Sakko

Hauptfigur in einem filmreifen Spionagethriller: Shahram Amiri wurde zum Spielball zwischen den USA und dem Iran. Jetzt ist der iranische Atomwissenschaftler tot.

Erzwungenes Geständnis? Shahram Amiri widerspricht sich in mehreren Videoaufnahmen. (7. Juni 2010)

Erzwungenes Geständnis? Shahram Amiri widerspricht sich in mehreren Videoaufnahmen. (7. Juni 2010) Bild: AP/Keystone

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Shahram Amiri hält seinen weinenden Sohn in den Armen, um den Hals einen Blumenkranz, mit der linken Hand formt er das Victory-Zeichen. Es ist der 15. Juli 2010, der Atomphysiker ist eben aus den USA in den Iran zurückgekehrt. Graukariertes Sakko über einem weissen Hemd, Amiri sieht wohlgenährt aus, er lächelt.

Sechs Jahre später wird Amiris Mutter die Leiche ihres Sohnes übergeben. Um den Hals Abdrücke eines Stricks. Der 38-jährige Iraner wurde am vergangenen Samstag exekutiert, weil er den USA Staatsgeheimnisse verraten haben soll.

Dazwischen liegt eine Geschichte wie aus einem Spionagethriller. Die Zutaten: Das iranische Atomprogramm, private E-Mails an US-Aussenministerin Hillary Clinton, eine angebliche 5-Millionen-Dollar-Zahlung der CIA, eine Serie von mysteriösen Videos. Und mittendrin: Shahram Amiri, Experte für radioaktive Isotope, Familienvater.

«Wir müssen unserem Freund einen Ausweg bieten.»E-Mail des US-Aussenministeriums

Anhand von Medienberichten, Schriftverkehr des US-Aussenministeriums und Videoaufnahmen lässt sich das Drama um den Nuklearforscher nachzeichnen. Es beginnt 2009 mit einer Pilgerreise Amiris nach Saudiarabien. Sein Ziel – Mekka – erreicht er nie. Am 3. Juni ruft er noch seine Familie aus einem Hotel in Medina an, danach verschwindet Amiri.

Entführt: Die Videos

Im Oktober meldet sich der iranische Aussenminister zu Wort: «Wir haben Dokumente, die eine Beteiligung der USA an Amiris Verschwinden dokumentieren», sagt Manouchehr Mottaki einer iranischen Nachrichtenagentur. Mit der Hilfe von Erzfeind Saudiarabien sollen die Amerikaner den Nuklearwissenschaftler entführt haben. Die Anschuldigungen kommen kaum eine Woche nach einer Vereinbarung über internationale Inspektionen bei der bislang geheimen Urananreicherungsstätte in Qom.

Amiri soll laut unbestätigten Medienberichten dort gearbeitet haben. Sicher ist: Er forschte an der Malek-Ashtar-Universität, die wegen enger Verbindungen zum iranischen Verteidigungsministerium sowie zum Atom- und Raketenprogramm auf der Sanktionsliste der UNO stand. Im März 2010 berichten amerikanische Medien, Amiri sei zu den USA übergelaufen, als Teil einer Geheimdienstoperation zur Unterminierung des iranischen Atomprogramms.

Das zweite Video: Amiri sagt, er halte sich lediglich zu Studienzwecken in den USA auf. (Quelle: Youtube/shahramamiri2010)

Dann taucht am 6. Juni bei iranischen Fernsehsendern ein Video auf: Shahram Amiri beschuldigt darin die amerikanische Regierung, ihn mithilfe der Saudis in Medina entführt zu haben und ihn in den Vereinigten Staaten gefangen zu halten. Einen Tag später taucht auf dem Youtubekanal shahramamiri2010 eine zweite Aufnahme auf, in der Amiri auf Farsi erklärt, in den USA lediglich sein Studium abschliessen zu wollen. Er trägt ein graukariertes Sakko über einem weissen Hemd, seine Stimme ist gepresst, er scheint etwas vorzutragen oder abzulesen. Am 29. Juni schliesslich ein drittes Video, wiederum von iranischen Fernsehstationen verbreitet: Er sei auf der Flucht vor der CIA, erklärt Amiri, augenscheinlich über den Videotelefoniedienst Skype. Das zweite Video sei ein von den Amerikanern erzwungenes Geständnis gewesen.

«Unser Freund»: Die E-Mails

«Wir müssen unserem Freund einen Ausweg bieten. Er wird sowieso nichts tun können. Wenn er gehen muss, dann sei es so.» Das schreibt Richard Morningstar, Spezialgesandter für Energiefragen des US-Aussenministeriums, am 5. Juli frühmorgens in einer E-Mail an Jake Sullivan. Sullivan, Topstratege im State Department, leitet die Nachricht weiter an «H», der private E-Mail-Account der damaligen Aussenministerin Hillary Clinton. Vermerk: «Zu deiner Information – ich gebe gern weiteren Kontext».

E-Mail von Morningstar an Sullivan, weitergeleitet an Clinton (5. Juli 2010, zum PDF).

Eine Woche später warnt Sullivan seine Chefin: «Der Gentleman, über den du mit Bill Burns gesprochen hast, ist scheinbar bei der Vertretung seines Landes erschienen, weil er unzufrieden ist mit den Verzögerungen bei seiner Abreise. Das könnte zu problematischen Presseberichten innerhalb der nächsten 24 Stunden führen.» Hillary Clinton reagiert. Zwei Tage später, am 14. Juli, äussert sie sich erstmals offiziell zum angeblichen Spion: «Mr. Amiri war aus freien Stücken in den USA und es steht ihm frei zu gehen.»

E-Mail von Sullivan an Clinton (12. Juli 2010, zum PDF).

Rückkehr: Held, Verräter

Tags darauf landet Amiri in Teheran am Flughafen Imam Khomeini, wo er vom stellvertretenden Aussenminister willkommen geheissen wird. Zeitgleich kursieren in amerikanischen Medien Berichte, wonach Amiri von der CIA mehr als 5 Millionen Dollar für Informationen über das iranische Atomprogramm erhalten habe. Amiri sei aus Sorge um das Wohlergehen seiner Familie in den Iran zurückgekehrt, sie sei von der iranischen Regierung bedroht worden. Amiri, nach der tränenreichen Wiedervereinigung mit seiner Frau und seinem siebenjährigen Sohn, sagt derweil: «Ich bin so froh, zurück in der islamischen Republik zu sein», und wiederholt seine Entführungsgeschichte. Auch habe er nichts über die Urananlage gewusst, er sei nur ein einfacher Wissenschaftler.

Die Freude hielt nicht lange: Shahram Amiri bei seiner Ankunft in Teheran. (Bild: Reuters, 15. Juli 2010)

Danach verschwindet Amiri von der Bildfläche. Im September 2010 sprechen Computerexperten erstmals von einer amerikanisch-israelischen Urheberschaft des Stuxnet-Virus. Die Software hatte weite Teile der iranischen Atomanlage Natanz lahmgelegt. Zwischen 2010 und 2012 werden vier iranische Atomforscher ermordet, Teheran vermutet israelische und amerikanische Geheimdienste hinter den Attentaten. Berichten zufolge verbüsst Amiri, der bei seiner Heimkehr noch als Held gefeiert wurde, eine zehnjährige Haftstrafe.

2013 treffen sich Vertreter der amerikanischen Regierung mit iranischen Gesandten mehrmals in Oman, um über eine internationale Kontrolle des iranischen Atomprogramms zu sprechen. Bei den geheimen Verhandlungen dabei sind Clintons engste Mitarbeiter, die in den E-Mails über ihren sogenannten Freund auftauchen: Jake Sullivan, der Topstratege im US-Aussendepartement, sowie William «Bill» Burns, der stellvertretende Aussenminister.

Amiri diente sowohl den USA wie auch dem Iran als Spielball im Kampf um Macht im Mittleren Osten.

Der Joint Comprehensive Plan of Action, kurz: Iran-Deal, wird am 14. Juli 2015 unterschrieben, ein halbes Jahr später fallen die UNO-Sanktionen. Der iranische Präsident Hassan Rohani feiert das Abkommen als «neues Kapitel», als «goldene Seite» im Geschichtsbuch der islamischen Republik – ebenso Barack Obama, der die Übereinkunft als eine der wichtigsten Errungenschaften seiner Präsidentschaft beschreibt. Hardliner beider Nationen sind entsetzt: Gerade Rohani, der vom Konfrontationskurs seines Vorgängers Mahmoud Ahmadinejad abweicht, wird für den «Pakt mit Satan» scharf angegriffen. Im nächsten Jahr stellt sich Rohani zur Wiederwahl. Die Exekution Sharam Amiris wird daher auch als Warnung seiner im Justizapparat verankerten Gegner verstanden: Schau, was wir mit denen machen, die mit dem Feind paktieren.

Ob Amiri nun ein «einfacher Wissenschaftler» war oder ein von der CIA gekaufter Spion, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Seine Hinrichtung, die Berichte über CIA-Gelder und das zweite Video lassen auf Letzteres schliessen. Sicher ist: Amiri diente sowohl den USA wie auch dem Iran als Spielball im Kampf um Macht im Mittleren Osten. Ein Kampf, der auf verschiedenen Schlachtfeldern geführt wurde: der Geheimdienste, der Medien, der Diplomatie. Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer, heisst es. Das gilt auch für Propagandakriege.

Anmerkung: Dass es sich bei der in den E-Mails des US-Aussenministeriums genannten Person um Amiri handelt, wurde offiziell nie bestätigt. Der Zeitpunkt der E-Mails sowie die beschriebenen Umstände passen aber zu den Ereignissen rund um den iranischen Atomwissenschaftler.

Quellen: «Tages-Anzeiger», «The Guardian», «Washington Post» (1, 2), CNN, BBC, Reuters, Youtube (Video 2, Video 3, am Flughafen), US Department of State. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.08.2016, 10:37 Uhr

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