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Der Strom fehlt, die Waffen bleiben

Trotz des Versöhnungsabkommens zwischen Fatah und Hamas: Die Lage in Gaza bleibt schwierig.

Ein Mann beobachtet in Gaza eine Kundgebung der Fatah. Foto: Mohammed Salem (Reuters)
Ein Mann beobachtet in Gaza eine Kundgebung der Fatah. Foto: Mohammed Salem (Reuters)

Gleich hinter dem Übergang von Israel zum Gazastreifen sitzt ein Soldat in Hamas-Uniform auf seinem Posten; von hier sieht er auch das Geschehen direkt an der Grenze. Dort haben inzwischen Beamte der palästinensischen Autonomiebehörde das Sagen, aber die Hamas hat sie im Blick.

Auch im Foyer des Innenministeriums hängen Bilder von Hamas-Kämpfern. Von dem Gebäude steht nur noch die Hälfte, der Rest wurde nach einem Treffer der israelischen Armee im Gazakrieg 2014 weggerissen. Es ist kalt, und das Gespräch mit Hamas-Sprecher Abd Latif Qanou findet im Halbdunkel statt, auch hier geht man mit Elektrizität sparsam um. Der Sprecher beteuert: «Wir haben alle Hindernisse beiseitegeräumt, damit die Fatah übernehmen kann.»

Die Fatah wiederum macht die Hamas dafür verantwortlich, dass die Übergabe der Verwaltung im Gazastreifen nicht am 1. Dezember klappt, wie beide Seiten es im Oktober vereinbart haben. Die Fatah will für den gesamten Sicherheitsbereich zuständig sein, aber der Hamas-Sprecher stellt klar: «Wir geben die Macht ab. Aber der Sicherheitsbereich bleibt noch ein weiteres Jahr in den Händen der Hamas.» Die 3000 Mitarbeiter, die vor der Übernahme des ­Gazastreifens durch die Hamas 2007 im Dienst waren, könnten nach seinen ­Worten gern wieder aktiviert werden – zusätzlich.

Auch die 43'000 von der Hamas für die Verwaltung eingestellten Mitarbeiter müssten demnach in ihren Positionen bleiben: «Sie haben in den vergangenen zehn Jahren in Kriegs- und Friedenszeiten gearbeitet, sie sind legal da», sagt der Sprecher. Über einen weiteren Knackpunkt, die Entwaffnung, will er eigentlich nicht reden. Sagt dann aber: «Über die Waffen des Widerstandes kann nie verhandelt werden, nie! Die Waffen zur Verteidigung sind eine rote Linie, die niemand übertreten soll.»

Und dann fliegen Granaten

Brüsk reagiert er auch auf die Frage, wie viele eigentlich für die Qassam-Brigaden kämpfen, den bewaffneten Arm der Hamas: «Das ist eine militärische Angelegenheit, und ich bin kein Militärsprecher.» Knapp versichert er, dass sich auch die Organisation Islamischer Jihad an das Versöhnungsabkommen und den Waffenstillstand gebunden fühle. Doch kurz darauf werden Mörsergranaten aus dem Gazastreifen auf israelisches Gebiet abgefeuert – die ersten seit Monaten.

Kriegsmotive dominieren auch die Kunstwerke an den Wänden des Kulturministeriums. Vizeminister Anwar Al-Barawi hält hier die Stellung, seit neun Jahren schon. Wie er sich die Zusammenarbeit mit dem Minister und den Kollegen aus dem Westjordanland vorstellt? «Wir sind willens, mit der Autonomiebehörde zusammenzuarbeiten», sagt Barawi. Wir – das sind er und die 42 von der Hamas eingestellten Mitarbeiter. 80 weitere, die vor 2007 hier gearbeitet haben, sollen wieder eingestellt werden. Wie soll das gehen? Barawi zuckt mit den Schultern: «Vielleicht ist dann in dem Gebäude nicht genug Platz, alle unterzubringen. Aber auch wenn wir in den nächsten Monaten unser Gehalt nicht bekommen, werden wir still sein. Wir haben keine Wahl.» Er selbst bekommt derzeit nur die Hälfte seines Monatsgehalts.

Nur drei Stunden Elektrizität am Tag

Mit zwei dicken Pullovern übereinander sitzt der politische Analyst Talal Okal in seinem Wohnzimmer. Der bekannte Kolumnist sieht die Schuld an der derzeitigen Verzögerung eher in Gaza: «Die Hamas will sich und ihre Angestellten nicht zur Gänze opfern. Die Regierung wird von der Fatah sein, aber die Angestellten weiter von der Hamas. Die Hamas hat gesagt, sie gebe die Macht ab, hat aber die Probleme an die Fatah weitergereicht, die alles zahlen soll.»

Aber auch von der Fatah seien viele enttäuscht. Die Autonomiebehörde zahle weiter die Stromrechnungen nicht, sodass es nur drei Stunden am Tag Elektrizität gebe. Hinter Okals Haus brummt ein kastengrosser Generator, mit dem drei Dutzend Haushalte versorgt werden – zum siebenfachen Preis des öffentlichen Stroms.

Die Strassen sind Pisten, über welche Autos und noch mehr Eselskarren holpern. Asphalt gibt es in dieser Stadt mit rund einer halben Million Einwohnern nicht überall. Viele Gebäude stehen leer, die zehn Kinos der Stadt sind Brandruinen – von Hamas-Anhängern gestürmt. Auch das Museum und die Bibliothek sind zu. Dafür steht alle paar Hundert Meter eine Moschee – nagelneu, von Katar finanziert. Rund ein Drittel der Frauen auf den Strassen trägt Nikab, den Gesichtsschleier.

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