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Der syrische Knoten

Im Bürgerkriegsland Syrien verschärft sich die Lage: Washington erzürnt Ankara – und verstärkt die Spannungen mit Moskau.

Paul-Anton Krüger Kairo
Ein türkischer Panzer wird für den Einsatz in der syrischen Provinz Idlib vorbereitet. Foto: Osman Orsal (Reuters)
Ein türkischer Panzer wird für den Einsatz in der syrischen Provinz Idlib vorbereitet. Foto: Osman Orsal (Reuters)

Kampfpanzer auf Tiefladern rauschen an der Kamera vorbei; das türkische Fernsehen überträgt von der Grenze zu Syrien. Präsident Recep Tayyip Erdogan droht den syrischen Kurden mit Militäroperationen. In der syrischen Provinz Idlib wird seit Wochen heftig gekämpft: Dort attackieren syrische Truppen mit Unterstützung Russlands Rebellen und Jihadisten, von denen einige von der Türkei unterstützt werden.

Überdies gibt es neue Spannungen zwischen den USA auf der einen Seite und Russland, dem Iran sowie dem syrischen Regime von Bashar al-Assad, aber auch der Türkei auf der anderen, seit die USA angekündigt haben, unter massgeblicher ­Beteiligung der Kurden im Nordosten Syriens eine 30'000 Mann starke Truppe zum Grenzschutz aufzubauen.

Türkei beschiesst Kurdengebiet

Das Jahr 2018 beginnt mit einer Eskalation; die Aussicht auf Frieden oder einen Verhandlungsprozess schwinden. Die Zusammenarbeit zwischen Russland, Iran und der Türkei ist gefährdet, eine Auseinandersetzung zwischen den USA und Russland sowie dem Iran, indirekt ausgetragen zwischen von ihnen gestützten Milizen, wird wahrscheinlicher. Ein Krieg zwischen der Türkei und ­Syriens Kurden ist schon fast im Gange; ein Zerwürfnis zwischen den Nato-Partnern Türkei und USA die Folge.

Seit Tagen beschiesst die türkische Armee aus dem eigenen Land und dem syrischen Azaz mit Artillerie den Kanton Afrin, ein Gebiet von 2300 Quadratkilometern mit 375 Orten, in denen 1,2 Millionen Menschen leben. Es ist eines von drei Kurdengebieten in Syrien, die sich offiziell selbst verwalten, militärisch aber von den YPG-Milizen kontrolliert werden. Diese gelten der Türkei als Ableger der in den USA und der EU als Terrorgruppe eingestuften PKK. Erdogan hat nun angekündigt, sie zu vernichten.

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Ein Einmarsch türkischer Truppen und von ihnen unterstützten syrischen Rebellen in Afrin in der Provinz Aleppo steht laut Erdogan unmittelbar bevor. Auch einen Angriff auf die arabisch ­geprägte Stadt Manbij hat der Präsident angekündigt. Die YPG hatten den Ort als wichtigste Komponente des von den Amerikanern unterstützten Milizenbündnisses Syrische Demokratische Kräfte (SDF) von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) freigekämpft. Nach Ansicht Erdogans haben sie sich aber nicht wie zugesagt von dort zurückgezogen.

Dieser Konflikt zeichnet sich seit Monaten ab: Russland hatte auf Bitten der Kurden bereits im Sommer 100 Mann Militärpolizei nach Afrin entsandt; ihre Präsenz sollte Erdogan abschrecken. Mit dem Einverständnis Russlands rückte die Türkei 2017 über die Grenze nach Syrien vor; Truppen blieben dort um die Städte Jarabulus und al-Bab stationiert, die unter türkischer Verwaltung stehen. Zugleich besetzten die Soldaten Posten östlich von Afrin. Offiziell diente der türkische Vormarsch der Grenzsicherung und dem Kampf gegen Extremisten, zentrales Ziel war aber schon damals, dass die Kurden keine Verbindung zwischen Afrin und den weiter im Westen liegenden Kantonen schlagen können.

Neue Wut in Ankara hat nun die Ankündigung der US-geführten Anti-­ IS-Koalition entfacht, die geplante Grenzschutztruppe auch aus den kurdischen YPG zu rekrutieren. US-Präsident Donald Trump hatte Erdogan zugesagt, den Kurden keine Waffen mehr zu ­liefern. Einen Einmarsch der Türkei in Afrin werden die USA zwar nicht verhindern. Das Pentagon hatte aber betont, die SDF auch nach einem militärischen Sieg über den IS weiter zu unterstützen. Nun droht Erdogan, die vom Nato-Partner geförderte Truppe zu vernichten.

Assad will USA vertreiben

Zugleich zeichnet sich wegen der geplanten Einheit eine neue Konfrontation zwischen Washington und Moskau sowie dem Iran und dem syrischen Regime ab: Sie hatten Ende 2017 den IS in Syrien für besiegt erklärt. Das war die indirekte Aufforderung an die USA, ihre Truppen abzuziehen. Offiziell 2000 US-Soldaten hatten die SDF im Kampf gegen den IS unterstützt. Insider in Washington vermuten, es seien bis zu 5000 Mann gewesen. Abgezogen wurden bisher nur ­einige Hundert Marines, deren Geschütze nicht mehr gebraucht werden.

Selbst ehemalige US-Diplomaten räumen ein, dass nach Ansicht der Juristen im US-Aussenministerium wie im Pentagon eine weitere Truppenpräsenz in ­Syrien nach einem Sieg gegen den IS zunehmend schwer zu rechtfertigen sei. Die Anti-IS-Koalition begründet die neue Truppe jetzt damit, dass ein Wiedererstarken des IS im Grenzgebiet zwischen dem Euphrat in Syrien und der Wüste im Gouvernement Anbar auf irakischer Seite verhindert werden müsse. Das diente schon der al-Qaida im Irak als Rückzugsgebiet, der Vorläuferorganisation des IS. Laut westlichen Geheimdiensten hält der IS dort noch Gebiete, Tausende Kämpfer könnten abtauchen.

Zugleich würde eine solche Grenztruppe die nördlichen Routen des vom Iran angestrebten schiitischen Bogens blockieren, einer Landbrücke vom Iran über den Irak nach Syrien und Libanon. Der Iran hätte damit eine Nachschubroute für die libanesische Hizbollah und andere Milizen und stünde an den Grenzen Israels, das mit einer zunehmenden Zahl von Luftangriffen auf die Hizbollah in Syrien reagiert. Überdies könnten die USA versuchen, stärker Einfluss auf einen politischen Prozess auszuüben, der zu Frieden und einer Nachkriegsordnung in Syrien führen soll.

Das Muster ist aus Aleppo und anderen Orten bekannt.

Russlands Aussenminister Sergei Lawrow warf den USA vor, es auf eine Spaltung Syriens anzulegen. Die ­syrische Armee und der Iran haben angekündigt, alle US-Soldaten aus dem Land zu vertreiben. So sehr sich Moskau, ­Teheran und Ankara einig sind in ihrer Ablehnung der US-Pläne – ihre Kooperation erfährt die schwerste Belastungsprobe, seit sich Erdogan Ende 2016 auf den Vorschlag des russischen Präsidenten Wladimir Putin eingelassen hat, in Astana ohne US-Beteiligung zu verhandeln.

Die syrische Provinz Idlib ist eine der vier Deeskalationszonen, die dort später unter der Beteiligung des Iran und syrischer Rebellen vereinbart wurden. Ankara sieht im Vormarsch syrischer Truppen mit russischer Luftunterstützung ins Gebiet einen Bruch dieses Abkommens und hat deswegen die Botschafter Russlands und des Iran einbestellt.

Moskau dagegen hält Ankara vor, nicht entschieden gegen jihadistische Gruppen wie den syrischen Al-Qaida-Ableger vorzugehen. Die einstige Nusra-Front ist nicht von der Waffenruhe umfasst. Die Türkei hat mit einigen radikalen Gruppen Deals gemacht – etwa um Truppen in der Nähe des Kurdenkantons Afrin stationieren zu können. Der Generalstab in Moskau kündigte an, dass Russlands Priorität nun die Bekämpfung der Nusra-Front sei. Bei Luftangriffen macht das Militär wenig Anstrengungen, zwischen vom Abkommen umfassten Rebellen und der Nusra-Front zu unterscheiden – das Muster ist aus Aleppo und anderen Orten bekannt. Erdogan steht deswegen in Idlib in einer Machtprobe mit Assad, den Iranern und den Russen. Sie zu gewinnen, wird schwierig. Auch deswegen sucht er jetzt einen leichteren Sieg – gegen die syrischen Kurden.

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