Der Tod lauert unter der Burka

Boko Haram setzt immer häufiger entführte Mädchen als Selbstmordattentäterinnen ein. Nun meldet Nigerias Militär, mehr als 100 Kinder befreit zu haben.

Der Aufbau einer multinationalen Eingreiftruppe stockt – in Nigeria kämpfen bisher nur einheimische Soldaten. Foto: EPA, Keystone

Der Aufbau einer multinationalen Eingreiftruppe stockt – in Nigeria kämpfen bisher nur einheimische Soldaten. Foto: EPA, Keystone

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Nigerias Armee meldet neue Erfolge in ihrem Kampf gegen die extremistisch-islamische Boko-Haram-Sekte. Bei einer Offensive in der Nähe des 70 Kilometer südöstlich der Provinzhauptstadt Maiduguri gelegenen Städtchens Bama seien insgesamt 178 von der Sekte entführte Nigerianer befreit worden, teilte die Armee am Montag mit. Darunter sind angeblich 101 Kinder, 67 Frauen und 10 Männer. Ob sich unter den Freigelassenen auch einige der vor über zwei Jahren in dem Städtchen Chibok entführten Mädchen befinden, wurde zunächst nicht bekannt.

Von den mehr als 200 Schülerinnen eines christlichen Internats fehlt bislang noch jede Spur. Nicht bestätigten Berichten zufolge sei ein Teil der Mädchen zum islamischen Glauben «übergetreten» und zu Terroranschlägen überredet worden, hiess es. Nach Angaben von Amnesty International hat die Sekte in den vergangenen 18 Monaten mindestens 2000 Mädchen und Frauen entführt.

Wo ist der Anführer?

Die Befreiung der Entführten ist offenbar Teil einer grösseren Offensive, zu der das nigerianische Militär in den zurückliegenden Tagen ausgeholt hat. Dabei seien mehrere Lager Boko Harams überrannt und ein führender Kommandant der mit dem Islamischen Staat (IS) in Syrien und im Irak verbündeten Miliz festgenommen worden, gab die Armee bekannt. Der Name des Kommandanten wurde nicht mitgeteilt.

Am Sonntag soll es im Nordosten Nigerias auch zu mehreren Bombenangriffen der Luftwaffe gekommen sein. Dabei sei «eine grosse Zahl» von Boko-Haram-Kämpfer getötet worden. Augenzeugen bestätigten, dass Militärjets einen Angriff der Miliz auf das Dorf Bita in der Borno-Provinz vereitelt hätten. Dabei seien 13 Menschen getötet und 27 verwundet worden.

Am Montag veröffentlichte die Sekte auch eine neue Videobotschaft, auf der ihr Anführer Abubakar Shekau einmal mehr nicht auftaucht. Das gab Gerüchten Auftrieb, dass Shekau verletzt oder getötet worden sein könnte. Zuletzt war der radikale Geistliche in einer im März veröffentlichten Videobotschaft aufgetaucht. Im jüngsten Video, das zahlreiche grausame Szenen (unter anderem die Ermordung eines Polizisten) zeigt, kündigt ein Sprecher die Fortsetzung des Terrors an. «Wir sind noch immer überall präsent, wo wir auch früher waren», sagt die Stimme aus dem Off.

Eigentlich sollte Anfang dieser Woche die 8700-köpfige multinationale Eingreiftruppe einsatzbereit sein, der ausser nigerianische auch nigrische, tschadische und kamerunische Soldaten sowie Truppen aus Benin angehören. Offensichtlich gibt es jedoch ausser logistischen Schwierigkeiten auch politische Differenzen bei der Etablierung der aus der tschadischen Hauptstadt N’Djaména geführten Einsatztruppe. Auch der neue nigerianische Präsident Muhammadu Buhari scheut offenbar davor zurück, den Truppen aus den Nachbarländern Operationen auf nigerianischem Gebiet zu erlauben. Ausserdem will er, dass die Truppe alleine von nigerianischen Generälen geführt werde.

Junge Täterinnen

Auch das nigrische und tschadische Militär meldeten in jüngster Zeit Erfolge im Kampf gegen die Sekte, bei denen nach Angaben aus dem Tschad über 170 Boko-Haram-Kämpfer getötet worden seien. Das Parlament N’Djaménas führte vergangene Woche wieder die vor einem halben Jahr abgeschaffte Todesstrafe für Terroristen ein. In N’Djaména gab es im vergangenen Monat zwei Selbstmord­anschläge mit über 40 Toten, die Boko Haram zugeschrieben werden.

Zunehmend leidet auch Kamerun unter dem Terror, den Boko Haram verbreitet. Seit Mitte Juli kam es im Norden des zentralafrikanischen Staats zu fünf Selbstmordattentaten mit insgesamt weit über 100 Todesopfern. Drei der Anschläge wurden von jungen Mädchen ausgeführt, die den Sprengstoff unter ihren Burkas verborgen hatten. Inzwischen ist das Tragen von Burkas in Kamerun verboten.

Nigerias Präsident Buhari besuchte vergangene Woche seinen kamerunischen Amtskollegen Paul Biya, um die Meinungsunterschiede im Zusammenhang mit der internationalen Eingreif­truppe auszuräumen. Das scheint den beiden Staatschefs allerdings nicht gelungen zu sein: Ausser vagen Absichts­erklärungen enthielt ihr gemeinsames Communiqué weder konkrete Angaben zum Beginn der Operationen gegen die Terrorsekte noch zur Ermächtigung grenzüberschreitender Einsätze seitens der Eingreiftruppe.

Erstellt: 03.08.2015, 20:19 Uhr

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