Kongo erhöht Abgaben auf Bodenschätze

Seit Leopold II. wird das Land von Plünderern regiert. Nun verspricht der Präsident Wohlstand – wer profitiert?

Bankomat des Regimes: Kongolesische Kinder schürfen Gold. Foto: Reuters / Finbarr O'Reilly

Bankomat des Regimes: Kongolesische Kinder schürfen Gold. Foto: Reuters / Finbarr O'Reilly

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Er hat sich inzwischen einen Vollbart wachsen lassen, der junge Präsident, staatsmännisch-grau meliert tritt er auf und will den alten kongolesischen Traum endlich wahr machen: Die Bodenschätze, vor denen die Erde dieses Landes im Herzen Afrikas nur so strotzt, sollen endlich den Menschen zugutekommen. Dafür hat Joseph Kabila, 47 Jahre alt, Präsident der Demokratischen Republik Kongo, ein Gesetz unterzeichnet. Internationale Minenfirmen müssen künftig deutlich höhere Abgaben auf jede Tonne Kupfer, Kobalt oder Zinn zahlen, die sie fördern. Die neuen Regeln würden dem Staat «substanzielle Einnahmen für seine wirtschaftliche und soziale Entwicklung einbringen».

Wirtschaftliche und soziale Entwicklung, die hat das Land in der Tat bitter nötig. Jeder sechste seiner 80 Millionen Einwohner ist auf humanitäre Hilfe angewiesen, nicht einmal jeder zweite kommt regelmässig an sauberes Trinkwasser. Der gesamte Budget dieses Staates, der die Bezeichnung Staat kaum verdient, umfasst dieses Jahr gerade einmal 4,8 Milliarden Franken. Und das, obwohl unermessliche Vorräte an Diamanten, Gold, Uran und Kupfer in seinen Böden schlummern. Etwa die Hälfte der Weltproduktion allein an Kobalt bringt das Land hervor; ein seltenes Metall, das für die Batterien von Elektroautos unverzichtbar ist.

Der Traum von der Kolonie

Und jetzt soll alles anders werden? Im Kongo glaubt das niemand, und auch die auf Korruptionsbekämpfung spezialisierte, internationale Organisation Global Witness macht sich keine Illusionen. Sie vergleicht den kongolesischen Minensektor mit einem gigantischen Geldautomaten für das Regime: Allein zwischen 2013 und 2015 seien rund 750 Millionen Franken an staatlichen Bergbau-Einnahmen verschwunden.

Dabei ist Joseph Kabilas graubärtiges Antlitz nur das jüngste Gesicht eines Plünderungssystems, dessen Geschichte Mitte des 19. Jahrhunderts im fernen Europa beginnt. 1865 wird ein junger Mann namens Léopold Louis-Philippe Marie Victor belgischer König. Und er träumt von einer eigenen Kolonie. Leopold II. liest die Berichte der Abenteurer und Entdecker, die zu jener Zeit immer tiefer in den afrikanischen Kontinent vordringen, und will sich ebenfalls ein Stück von «ce magnifique gâteau africain» sichern, diesem «prächtigen afrikanischen Kuchen».

Im Privatbesitz des Königs

Als die europäischen Mächte 1884 damit beginnen, Afrika unter sich aufzuteilen, wird Leopolds Traum wahr. Der neue «Kongo-Freistaat» wird zum Privatbesitz des Königs, 76-mal so gross wie Belgien selbst. Zum Symbol von Leopolds Herrschaft wird die «chicotte», eine Peitsche aus sonnengetrockneter Nilpferdhaut, mit der jene verprügelt werden, die sich widersetzen. Private Unternehmen unter königlicher Lizenz lassen Frauen als Geiseln nehmen, um die Männer zur Kautschukernte zu zwingen; wer sich auflehnt, riskiert, eine Hand abgehackt zu bekommen. Die Zahl der Menschen, die unter der belgischen Plünderungsherrschaft sterben, ist unter Historikern umstritten; Schätzungen reichen bis zu zehn Millionen.

Bis in die 1950er-Jahre steigt der Kongo, den König Leopold inzwischen an die belgische Regierung abgetreten hat, zum viertgrössten Kupferproduzenten der Welt auf. Auch die anderen Bodenschätze sind für die westlichen Mächte lebenswichtig: Kobalt, Tantal – und Uran. Der Kongo hat sogar dazu beigetragen, den Ausgang des Zweiten Weltkriegs zu entscheiden. Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki haben die Amerikaner mit Uran und Plutonium aus einer kongolesischen Mine bestückt.

Für die Mehrheit der Kongolesen ist das Dasein weiterhin entwürdigend. Schwarzen droht die Züchtigung mit der Nilpferdpeitsche, die weissen Herren halten sie systematisch von höherer Bildung fern. Und doch entsteht eine kleine, schwarze Mittelschicht. Sie wollen sich das erkämpfen, was ihnen die fremden Herren seit Jahrzehnten versagen: Würde. Sie werden immer mehr, sie werden selbstbewusster, sie fordern, zu Tausenden auf den Strassen versammelt: «Dipenda!» – Unabhängigkeit.

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Einer ihrer Anführer, Patrice Lumumba, darf in Belgiens Hauptstadt Brüssel an einem runden Tisch mit den Kolonialherren Platz nehmen. Die Belgier wollen vermeiden, dass die Unruhen im Kongo eskalieren, so wie im Norden des Kontinents: In Algerien tobt bereits seit Jahren ein Bürgerkrieg zwischen Befreiungskämpfern und der Kolonialmacht Frankreich. Sie verkünden deshalb: Schon bald, am 30. Juni 1960, soll der Kongo unabhängig werden. Doch die Belgier setzen durch, dass die Eigentumsanteile des Kolonialstaats an Fabriken, Eisenbahnen und Minen nicht auf den neuen, unabhängigen Staat übergehen, sondern auf eine neue belgisch-kongolesische «Entwicklungsgesellschaft». «Die politischen Schlüssel hatte man in der Tasche», schreibt der belgische Historiker David van Reybrouck, «die ökonomischen aber lagen sicher aufbewahrt in Belgien.»

Patrice Lumumbas Partei gewinnt die Wahl, er wird Premier. Doch nur eine Woche später brechen in der rohstoffreichen Provinz Katanga im Süden des Landes Unruhen aus. Der Gouverneur erklärt Katanga für unabhängig; bei seiner Kampagne erhält er Unterstützung aus Belgien und den USA. Lumumba stemmt sich dagegen. Eine Abspaltung der Rohstoffprovinz, des wirtschaftlichen Kraftzentrums, wäre der Todesstoss für den jungen Staat. Er schickt ein Telegramm nach Moskau, mit der Bitte um Beistand gegen diesen «Akt der Aggression» des «westlichen Lagers».

Erschossen und in Säure aufgelöst

Es ist der Moment, in dem Afrika zur Front im Kalten Krieg wird. Die CIA fängt Lumumbas Nachricht ab – und in Washington ist klar: Das Kupfer, Kobalt und Uran von Katanga dürfen auf keinen Fall in die Hände der Sowjets fallen. Am 17. Januar 1961 führen kongolesische Soldaten, in Begleitung eines belgischen Polizeikommissars, den gefesselten Lumumba in einen Wald in Katanga, zu einer frisch geschaufelten Grube. Die Soldaten feuern, Lumumbas Leiche wird in Schwefelsäure aufgelöst. Sein Amt als Regierungschef übernimmt sein früherer Mitstreiter Joseph Mobutu, der – wie sich später herausstellt – schon seit 1959 Geld von der CIA bekam.

Mobutus Herrschaft dauert mehr als drei Jahrzehnte, der Mann mit der Leopardenfellmütze wird zum Inbegriff des afrikanischen Kleptokraten und häuft ein Vermögen von geschätzten 4,5 Milliarden Franken an. In der Silvesternacht 1966/67 verbietet er alle Exporte aus den Kupferminen von Katanga, verstaatlicht die Gruben und Maschinen, baut die Industrie nach und nach zu seiner privaten Plünderungsmaschine um.

Kabilas Macht konservieren

Nicht alle wollten das hinnehmen. Im Osten des Landes formieren sich in den 1960er-Jahren Rebellengruppen, um den Sturz von Mobutus Regime vorzubereiten. Einer ihrer Anführer: Laurent-Désiré Kabila, geboren im Herzen der Kupferregion Katanga. Lange sitzt er im Exil in Tansania, schlägt sich mit dem Schmuggeln von Gold und Holz durch, betreibt eine Bar und ein Bordell.

Doch dann schlägt 1994 plötzlich seine grosse Stunde: Im kleinen Nachbarland Ruanda töten regierungsnahe Hutu-Milizen binnen drei Monaten mehr als 800'000 Menschen, überwiegend Tutsi. Die Völkermörder fliehen, mithilfe Frankreichs, in den benachbarten Kongo. Mobutu lässt sie gewähren, bietet ihnen Unterschlupf. Und die neue Tutsi-Regierung in Ruanda beschliesst, ihn zusammen mit dem Nachbarland Uganda zu stürzen. Das Ganze soll nicht aussehen wie eine Intervention von aussen. Sie gründen die Allianz der demokratischen Kräfte für die Befreiung von Kongo-Zaire (AFDL), und sie werben Laurent Kabila als Anführer an.

Auf seinem Vormarsch in Richtung Hauptstadt tritt Laurent Kabila in seiner Heimatprovinz auf, dem kupferreichen Katanga, und den jubelnden Massen verspricht er, den Traum des Patrice Lumumba endlich wahr zu machen: Der Reichtum der kongolesischen Erde, das Kupfer, Kobalt und Uran, all das soll endlich dem Volk zugutekommen. Mobutu wird 1997 gestürzt, nach 32 Jahren Herrschaft. Laurent Kabila ist nun Präsident der Demokratischen Republik Kongo. Doch die Hoffnungen, dass ein Zeitalter der Gerechtigkeit in dem Land anbrechen würde, zerschlagen sich rasch. Kabila erweist sich als ähnlich autokratisch wie sein Vorgänger. Er verbietet Oppositionsparteien, lässt Menschenrechtsanwälte verhaften und politische Gegner foltern.


Bildstrecke: Verkauf von Kongos Reichtum


Im Januar 2001 erschiesst einer seiner Leibwächter Laurent Kabila. Seine Entourage macht Sohn Joseph zum Thronfolger; der ist gerade 29 Jahre alt und Chef der Armee. Er will die die staatlichen Minen privatisieren, um Devisen für den Wiederaufbau des vom Krieg verheerten Landes zu beschaffen – so, wie es auch der Internationale Währungsfonds forderte. Doch ein Grossteil der Lizenzen wird auf völlig intransparente Weise vergeben, mitunter zu verheerenden Konditionen. Beamte, Geschäftsleute und Kriminelle haben laut einem UNO-Bericht «mindestens fünf Milliarden Dollar aus dem staatlichen Bergbausektor an private Gesellschaften» verschoben. Kabila und seine Familie besitzen Anteile an mehr als 80 Unternehmen: Farmen, Bergbaufirmen, Fluggesellschaften, Hotels; ausserdem Diamanten-Schürfrechte.

Eigentlich hätte Kabila im Dezember 2016 Wahlen zulassen müssen, zu denen er selbst nicht mehr antreten darf. Doch er lässt den Wahltermin immer wieder verschieben und Proteste niederschlagen. Derzeit heisst es, am 23. Dezember werde gewählt, und anstelle Kabilas werde ein Mann namens Ramazani Shadary antreten: ein enger Vertrauter des Präsidenten, der das System Kabila verlässlich fortführen und gegen den Volkszorn abschirmen dürfte.

Erstellt: 18.09.2018, 14:49 Uhr

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