«Der Westen müsste versuchen, den IS zu spalten»

Terrorexperte Florian Wätzel plädiert für Verhandlungen, um die radikalen Islamisten zu stoppen. Welche Möglichkeiten er vorschlägt – und woran sie scheitern könnten.

Schwenken die IS-Flagge und rufen islamistische Slogans: Demonstranten in Mosul.

Schwenken die IS-Flagge und rufen islamistische Slogans: Demonstranten in Mosul. Bild: STR/AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Terroranschläge wie in Brüssel und Paris geben dem Westen das Gefühl, machtlos zu sein. Doch muss sich Europa wirklich an den Terror gewöhnen? Kann der Westen nicht mit dem IS verhandeln?
Mit militärischen Mittel allein wird der IS nicht zu besiegen sein. Vielmehr benötigen wir eine ganzheitliche Strategie, die militärische und politische Massnahmen beinhaltet. Verhandlungen können ein Teil einer solchen Strategie sein. Allerdings kann mit dem IS, so wie er sich zurzeit darstellt, nicht verhandelt werden. Denn das würde bedeuten, dass man ihn als Organisation anerkennt.

Wie könnten dann diese Verhandlungen aussehen?
Es gibt zwei Möglichkeiten. Einerseits könnte der IS gezwungen werden, als Ganzes gemässigter zu werden. Damit würde der IS sein ursprüngliches Wesen verändern und wäre nicht mehr der IS von heute. Die Option halte ich allerdings für unwahrscheinlich.

Was wäre die zweite Möglichkeit?
Diese wäre für mich realistischer. Der Westen müsste versuchen, den IS zu spalten, indem er nur mit einzelnen Fraktionen innerhalb des IS verhandelt. Der IS ist nämlich gar nicht so eine geschlossene Einheit, wie er sich selber gerne darstellt. Neben den radikalen Jihadisten finden wir im IS auch ehemalige Mitglieder der Baath-Partei sowie Angehörige der sunnitischen Stämme. Vor allem die sunnitischen Stämme wären offen für Verhandlungen. Gleichzeitig könnte man den militärischen Druck auf die verbleibenden radikalen Kräfte erhöhen.

Würden diese Teile des IS überhaupt mit dem Westen verhandeln?
Ich denke, die sunnitischen Stämme hätten ein grosses Interesse an den Verhandlungen, weil sich ihre Situation verbessern würde. Sie haben sich nicht dem IS angeschlossen, weil sie die Organisation befürworten. Die Regierungen in Syrien und im Irak haben sie unterdrückt und verdrängt, weil sie Sunniten sind. Dies hat sie zum IS getrieben. Diesen Prozess müsste man wieder umkehren. Die Regierungen in Syrien und im Irak müssten in die Verhandlungen eingebunden werden, weil sie auch die Zugeständnisse machen müssten.

Was müsste man diesen Gruppen denn bieten, damit sie den IS verlassen?
Man müsste sie wieder stärker in den politischen Prozess im Irak integrieren und ihnen Schutz garantieren. Viele Sunniten fühlen sich von der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad bedroht. Auch die Sicherheitskräfte bestehen fast nur aus Schiiten, dies müsste ausgeglichen werden. Das Gleiche gilt für Syrien. Der IS kann in diesen Ländern bestehen, weil er von den konfessionellen Spannungen profitiert.

Warum glauben Sie, dass dies funktionieren würde?
Es hat ja schon einmal funktioniert. Im Zuge des Aufstands gegen die amerikanische Besetzung des Iraks nach 2003 haben viele Stämme mit al-Qaida im Irak kooperiert. Al-Qaidas Gewaltherrschaft richtete sich jedoch auch zunehmend gegen die eigene Unterstützerbasis. Zwischen 2005 und 2007 war die Situation für die sunnitischen Stämme so schlecht, dass sie durch Verhandlungen bereit waren, gegen al-Qaida zu kämpfen. Sie haben die Seite gewechselt und dafür mehr politische Einbindung und Sicherheit bekommen. Al-Qaida wurde dadurch erheblich geschwächt. Aus ihren Überbleibseln entstand allerdings der IS. Nach dem amerikanischen Abzug aus dem Irak hat die Regierung in Bagdad die Sunniten jedoch wieder zunehmend unterdrückt. Das hat dazu geführt, dass die Stämme sich wieder den Jihadisten angeschlossen haben. Ihre Beteiligung am Kampf des IS lässt sich also nicht ideologisch begründen.

Die Anschläge in Europa werden von Jihadisten verübt. Inwiefern würden diese Verhandlungen nützen, dass es hier weniger Terror gibt?
Wenn sich die sunnitischen Stämme und andere moderate Sunniten vom IS abwenden würden, könnte der IS leichter zu schlagen sein. Der Westen wird nicht darum herumkommen, die radikalen Kräfte militärisch zu bekämpfen. Aber dieser Kampf wäre wesentlich einfacher, als er es heute ist. Er würde weniger Blut und weniger Geld kosten.

Woran liegt es, dass bis heute niemand mit dem IS verhandelt hat?
Die grösste Herausforderung ist die praktische Umsetzung. Die Problematik ist, dass man die Regierung in Bagdad dafür gewinnen müsste. Die schiitische Regierung war bisher dazu nicht bereit. Noch problematischer ist es aber mit Damaskus. Von westlicher Seite ist niemand bereit, mit dem Assad-Regime zusammenzuarbeiten. Das ist auch gut so. Schliesslich ist es doch die Gewalt des Assad-Regimes, die viele Sunniten in die Arme des IS treibt. Der Westen sollte den Friedensprozess in Syrien konsequent vorantreiben. Dann könnte die Übergangsregierung mit Teilen des IS verhandeln.

Erstellt: 25.03.2016, 17:32 Uhr

Florian Wätzel forscht in den Bereichen Terrorismus und Radikalisierung am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel.

Artikel zum Thema

USA melden Tod von IS-Finanzchef

Sieben Millionen Dollar hatten die USA auf ihn ausgesetzt – nun soll Abdul Rahman Mustafa al-Kaduli, die Nummer zwei des IS, tot sein. Mehr...

Die Schlacht um Mosul

Im Irak hat die «Operation Eroberung» gegen den IS begonnen. Antworten auf die wichtigsten Fragen zur geplanten Befreiung der irakischen Hochburg des Terrorkalifats. Mehr...

IS bildete 400 Kämpfer für Angriffe in Europa aus

Obwohl der Islamische Staat im Irak und in Syrien in die Enge getrieben wird, nimmt sein Einfluss in Europa immer mehr zu. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Hoher Blutdruck: Senken Sie das Risiko

Ein zu hoher Blutdruck kann gefährlich werden. Vor allem, wenn er lange nicht erkannt wird. Die jährliche Blutdruckmessung in der Rotpunkt Apotheke hilft mit, die Risiken zu senken.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...