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«Der zweite Teil des Horrorfilms»

Nach dem Angriff auf ein internationales Schiff will die Welt eine Erklärung aus Israel. Der Schaden für das Ansehen des Landes ist massiv.

Weltweite Proteste: Demonstranten am Dienstag vor der israelischen Botschaft in Wien.
Weltweite Proteste: Demonstranten am Dienstag vor der israelischen Botschaft in Wien.

«Operation Mini Cast Lead» nennt Gideon Levy von «Haaretz» das, was Israel am Montag angerichtet hat. «Cast Lead» war der Name jenes radikalen Militäreinsatzes in Gaza im Januar 2009, bei dem über 1100 Palästinenser und 13 israelische Soldaten ums Leben kamen. «Krieg gegen Gaza» lautete der Name, den «Al Jazeera» damals dem Einsatz gab.

Der Angriff israelischer Soldaten auf das Schiff Mavi Marmara am Montag, so also Gideon Levy, ist ein ähnliches Desaster von kleinerer Dimension. Neun Menschen starben nach aktuellen israelischen und türkischen Angaben, als Soldaten das Schiff mit über 500 Passagieren stürmten. Ob die Toten zivile Aktivisten waren (Organisation Free Gaza) oder verkappte Terroristenhelfer (israelische Regierung), wird noch zu klären sein.

Der Einsatz vereine alle Aspekte, die auch «Cast Lead» kennzeichneten, schreibt Levy. «Die für gewöhnlich falsche Behauptung, die anderen hätten angefangen, und nicht die Landung von Truppen aus Helikoptern mitten auf offener See, ausserhalb von israelischem Territorium.» Weiter folgte die Aussage, dass der erste Gewaltakt von den Aktivisten gekommen sei sowie der generelle Anspruch, dass die Blockade von Gaza legal und dass eine Landung an den Ufern Gazas gegen das Gesetz verstosse. «Gott allein weiss, welches Gesetz.» Dieser letzte Satz ist durchaus nicht nur als Sprachfloskel zu verstehen.

Wie schon bei «Cast Lead», argumentiert Levy weiter, habe man auf die Öffentlichkeitsarbeit geachtet, «als ob es etwas zu erklären gebe», und wieder sei im Inland gefragt worden – warum nur haben die Soldaten nicht noch radikaler durchgegriffen.

«Und wieder», so das Fazit Levys, «bezahlt Israel einen hohen diplomatischen Preis, einen, dessen man sich im Vorfeld nicht bewusst war.» Nur Israeli, die eine Gehirnwäsche hinter sich hätten, würden die Propaganda glauben. Stattdessen frage man sich, wozu der Einsatz gut war. «Falls der Militäreinsatz letztes Jahr einen Wendepunkt in der Haltung der Welt uns gegenüber war, so ist dies der zweite Teil des Horrorfilms.» Die Fortsetzungsfolge einer Serie.

Tatsächlich gerät Israel nach dem Militäreinsatz international immer stärker unter Druck. In diesen Stunden debattiert die Nato an einer Dringlichkeitssitzung über den Umgang mit dem Entscheid. Der amerikanische Präsident stellte sich nicht hinter Israel und sein Selbstverteidigungsrecht, sondern will zuerst sämtliche Fakten kennen, wie er am Montag vorsichtig verlauten liess.

EU bezieht Position

In Europa sind die Reaktionen noch stärker: Die Türkei spricht von einem «blutigen Massaker» und hat ihren Botschafter aus Tel Aviv abgezogen. Frankreich verlangte heute die sofortige Freilassung derjenigen Franzosen, die nach wie vor in Israel festgehalten werden. Unmutsbezeichnungen erreichten Tel Aviv aus sämtlichen 27 EU-Staaten. In verschiedenen europäischen Städten, auch in Zürich, Bern und Basel, gehen die Menschen auf die Strasse – und kritisieren dabei fast ausschliesslich Israel. Auch die EU bezieht Position: Sie wolle «ihre Bemühungen um eine Aufhebung der Gaza-Blockade verstärken», sicherte EU-Aussenministerin Catherine Ashton dem palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fajjad in einem Telefonanruf am Dienstag zu, dasselbe tat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Unter den 671 Menschen an Bord der Hilfsflotte waren rund 400 Türken, über 30 Griechen, elf Deutsche sowie Aktivisten aus etwa 20 weiteren Ländern, darunter Amerikaner und Russen. Wie «Haaretz»berichtet sind inzwischen 50 Aktivisten wieder freigelassen worden, 46 würden in Spitälern behandelt. Die restlichen werden nach wie vor festgehalten.

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