Des Papstes «gefährlichste Reise»

Das Kirchenoberhaupt besucht Kenia und die Zentralafrikanische Republik, wo Christentum und Islam gewalttätig aufeinanderprallen. Und auch das dritte Ziel hat einen schlechten Ruf.

Die Zeitung verkündet es: Der Papst will der kenianischen Hauptstadt Nairobi einen Besuch abstatten. Foto: Simon Maina (AFP)

Die Zeitung verkündet es: Der Papst will der kenianischen Hauptstadt Nairobi einen Besuch abstatten. Foto: Simon Maina (AFP)

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Zu all den schmeichelhaften Attributen, die der Papst in seiner zweieinhalbjährigen Stellvertreterzeit bereits eingeheimst hat, kommt jetzt noch ein weiteres hinzu: Der 78-jährige Mann ist mutig. Seine fünftägige Afrikareise, die heute mit der Ankunft in Nairobi beginnt, wird Franziskus in zwei afrikanische Brandherde führen: die Zentralafrikanische Republik und Kenia, wo Islam und Christentum gewalttätig aufeinanderprallen. Auch das dritte Ziel, Uganda, hat eine explosive Reputation: Es ist das Land, in dem «christliche» Abgeordnete die ­Todesstrafe für Homosexuelle einführen wollten. Die Wahl der Reiseziele unterstreicht, dass Franziskus nicht in die ­Peripherie ausweicht, sondern sich in medias res begibt: Es sei «die gefährlichste Reise» eines Papstes seit langem, heisst es im Vatikan.

Keine schusssichere Weste

Kenia erlebte in den vergangenen Jahren einige der grausamsten Terroranschläge überhaupt. In Nairobis Einkaufszentrum Westgate brachten Kämpfer der somalischen Terrorgruppe al-Shabab im September 2013 mehr als 70 Menschen um, in der Universität von Garissa wurden Anfang dieses Jahres 147 Studenten massakriert. Ein Anschlag auf einen der Oberhäupter der von islamistischen Extremisten als «Kreuzfahrer» bezeichneten Christen wäre ein nicht mehr zu überbietender Propaganda-Erfolg für die Jihadisten.

Dass es nicht so weit kommt, dafür sollen in Kenia unter anderem 10'000 zusätzlich eingestellte Polizeikräfte sorgen. Gerüchte, wonach der Papst während seines Afrikabesuchs eine schuss­sichere Weste tragen würde, wurden vom Vatikan dementiert.

In Nairobi wird Franziskus eine Messe zelebrieren, zu der 1,4 Millionen Menschen erwartet werden – fast jeder Zehnte der 19 Millionen Katholiken des Landes. Aus ganz Ostafrika haben sich 60 Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe angemeldet, den reibungslosen Verlauf des Mega-Gottesdienstes sollen 9000 Priester garantieren.

Franziskus wird jedoch nicht unter seinesgleichen bleiben. Geplant ist der Besuch eines Slums in Nairobis Kangemi-Distrikt, wo mehr als 600'000 Menschen ohne fliessendes Wasser und Toiletten leben, sowie eine Zusammenkunft mit dem Oberhaupt der Muslime in Kenia. Eine Gelegenheit, um sich über das sich rapide verschlechternde Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in aller Welt auszutauschen.

Anschliessend fliegt der Papst nach Uganda, das in den vergangenen Jahren wegen seines zunehmend autokratischen Präsidenten und wegen der Versuche einer Mehrheit seiner Parlamentarier in die Schlagzeilen geriet, homosexuelle Mitbürger mindestens mit langer Haft, wenn nicht sogar mit dem Tod zu bestrafen. Der jüngste Vorstoss der Schwulenjäger wurde vom Verfassungsgericht des Landes gestoppt. Franziskus wird hier vorsichtig lavieren müssen, denn selbst seine Bischöfe machen sich dort für die Kriminalisierung «sündiger» sexueller Vorlieben ihrer schwarzen Schäfchen stark. Den in immer grösserer Zahl aus dem Land fliehenden Homosexuellen würde es allerdings schon ausreichen, wenn der Papst seinen im Juli 2013 geäusserten Satz wiederholen würde: «Wenn jemand schwul ist, den Herrn sucht und einen guten Willen hat, wie könnte ich ihn verurteilen?»

Franzosen in Bangui warnen

Ob die letzte Etappe des Oberhirten tatsächlich zustande kommt, steht noch immer nicht ganz fest: Schliesslich kam es in der Zentralafrikanischen Republik noch bis vor wenigen Tagen zu tödlichen Zusammenstössen zwischen christlichen Milizen und muslimischen Rebellen. Die im Unruhestaat stationierte französische Eingreiftruppe hat den Heiligen Vater vor einem Besuch in Bangui eindringlich gewarnt: Doch genau dort wird Franziskus am dringendsten gebraucht. Die christlichen Milizionäre setzen derzeit alles daran, auch noch die letzten Muslime aus der Hauptstadt zu vertreiben und die ethnisch-religiöse «Säuberung» der Staatsruine zu vollenden. Wenn jemand seinen sündigen Glaubensbrüdern ins Gewissen reden kann, dann ist es ihr Heiliger Vater.

Die an Franziskus’ Besuch gerichteten Erwartungen sind hoch. Die New Yorker Organisation Human Rights Watch sandte dem Papst einen Brief, in dem sie die Menschenrechtsverletzungen in den drei Staaten aufzählt und das Kirchenoberhaupt bittet, diese anzusprechen. Doch der Brief ist sieben Seiten lang und der Besuch fünf Tage kurz – ein Programm, das selbst den Heiligen Vater an seine Grenzen führen wird.

Erstellt: 24.11.2015, 23:33 Uhr

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