Saudiarabien öffnet seine Armee für Frauen

Saudiarabien setzt die Armeespitze ab und öffnet die Truppe für Frauen. Kronprinz Muhammad bin Salman will die Gesellschaft umbauen – öffentlicher Widerspruch bleibt unerwünscht.

Saudische Frauen als Zuschauerinnen am Marathon in Riad: Ihr Anteil an der arbeitenden Bevölkerung soll von derzeit 22 auf 30 Prozent angehoben werden. Foto: Reuters

Saudische Frauen als Zuschauerinnen am Marathon in Riad: Ihr Anteil an der arbeitenden Bevölkerung soll von derzeit 22 auf 30 Prozent angehoben werden. Foto: Reuters

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Die Sensation war gut versteckt in einer Stellenausschreibung des saudischen Innenministeriums: Bis 1. März würden Bewerbungen von Frauen aus den Provinzen Riad, Mekka, Medina und Qasim entgegengenommen – für Posten im Rang eines Soldaten im Militär des Königreichs.

Frauen sollen zwar nicht in Kampfeinsätzen dienen, aber auch viele westliche Länder haben ihre Streitkräfte erst vor wenigen Jahren für Frauen geöffnet; in der Schweizer Armee können sie seit 1995 gleichberechtigt Dienst tun. Die deutsche Bundeswehr erlaubte ihnen erst nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs 2001 den Dienst an der Waffe; zuvor standen ihnen nur der Sanitäts- und der Militärmusikdienst offen.

Die Öffnung der Armee ist Teil eines grösseren Umbaus der Gesellschaft der traditionell von Männern dominierten Gesellschaft Saudiarabiens, die in der ambitionierten Vision 2030 von Kronprinz Muhammad bin Salman angelegt ist. Das Strategiepapier umreisst die Entwick­lungs­pläne und sieht vor, den Anteil von Frauen in der arbeitenden Bevölkerung von derzeit 22 auf 30 Prozent zu erhöhen. Als Signal in diese Richtung gilt die Ernennung von Tamadur bint Youssef al-Ramah zur stellvertretenden Ministerin für Arbeit und Soziales. Noch belegt das Königreich Platz 141 im ­Bericht über Geschlechtergleichstellung des Weltwirtschaftsforums – von 144 erfassten Ländern.

Zugleich hat der oft nur bei seinen ­Initialen MbS genannte Thronfolger, der überdies das Amt des Verteidigungs­ministers bekleidet, eine breit angelegte Reform der Armee und des Sicherheitsapparats angestossen, die etwa zum Aufbau einer eigenen Rüstungsindustrie führen soll. Mit diesen Umbrüchen gehen nun auch personelle Veränderungen einher: König Salman tauschte per Dekret eine Reihe führender Offiziere aus. So wird Generalstabschef Abdulrahman al-Bunyan abgelöst durch seinen bisherigen Vize, Fayyad al-Ruwaili. Weiter erhielten Heer, Luftwaffe, die Luftverteidigung und die Raketentruppe neue Kommandanten. Gründe für die Umbesetzungen wurden nicht genannt.

Saudiarabien führt mit den Vereinigten Arabischen Emiraten eine Militär­koalition, die im Jemen seit drei Jahren an der Seite der international anerkannten Regierung gegen vom Iran unterstützte Huthi-Rebellen kämpft. Das Ziel, Präsident Abd Rabbuh Mansur al-Hadi wieder die Macht über den ganzen Jemen zu verschaffen, liegt trotz Tausender Luftangriffe in weiter Ferne. Stattdessen wird Saudiarabien immer stärker für die hohe Zahl ziviler Opfer, die Zerstörung der Infrastruktur und die kata­strophale Lage der grossen Mehrheit der Jemeniten verantwortlich gemacht.

Eine junge Gesellschaft

Allerdings fügt sich die Personalrochade auch in den breiteren Trend ein, die Führungsebenen von Ministerien und Behörden zu verjüngen – Posten, die lange gemäss dem Senioritätsprinzip überwiegend von Männern jenseits der 70 gehalten wurden. Kronprinz Muhammad setzt dagegen auf das Leistungsprinzip und entsprechende Indikatoren. Er will die Dynamik der oft im Ausland hervorragend ausgebildeten jungen Generation nutzen, um seine Reformen umzusetzen – finden sie doch gerade bei ihr grossen Anklang. Zwei Drittel der Saudis sind unter 30, der Kronprinz selbst ist gerade einmal 32 Jahre alt.

Kritiker werfen ihm vor, die Umbesetzungen dienten dazu, seine Macht zu festigen und die Bürokratie durch loyale Anhänger zu bändigen. Es gibt auch Stimmen, die Muhammad bin Salman überbordenden Ehrgeiz vorwerfen. Allerdings werden sie immer leiser. Die gesellschaftlichen Reformen, die Eröffnung von Kinos oder die Erteilung von Führerscheinen an Frauen, die für Juni angekündigt ist, gehen nicht mit einer politischen Öffnung einher. Öffentlicher Widerspruch wird in der absoluten Monarchie heute noch weniger geduldet als früher.

Die Bewerbungskriterien für die Soldatinnen zeigen auch, wie komplex ein derart weitreichender Umbau einer Gesellschaft ist: Abgesehen von einer Mindestgrösse von 1,55 Metern müssen sie saudischer Herkunft sein und dürfen nicht mit Nicht-Saudis verheiratet sein. Zudem muss ihr männlicher Vormund in derselben Provinz leben, in der sie sich bewerben. Zwar hat der König Behörden angewiesen, Frauen alle Dienstleistungen zu gewähren, für die nicht gesetzlich das Einverständnis des Vormunds vorgeschrieben ist. Auch wurde eine Überprüfung des Systems angeordnet, das der Ausgangspunkt der Benachteiligung von Frauen in Saudiarabien ist. Die Abschaffung wurde bislang aber nicht angekündigt.

Erstellt: 28.02.2018, 07:28 Uhr

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