Die Apokalypse von Aleppo

Die eskalierende Gewalt in der nordsyrischen Stadt Aleppo bedroht gemäss UNO das Leben von Hunderttausenden Einwohnern.

Bewohner eines von Aufständischen gehaltenen Quartiers  von Aleppo stehen Schlange für Brot.  Foto: Abdalrhman Ismail (Reuters)

Bewohner eines von Aufständischen gehaltenen Quartiers von Aleppo stehen Schlange für Brot. Foto: Abdalrhman Ismail (Reuters)

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Die Vereinten Nationen warnen vor einer neuen Versorgungskrise in der syrischen Grossstadt Aleppo. Die UNO und andere Hilfsorganisationen hätten nur noch ausreichend Lebensmittel, um 145'000 Menschen in dem von Rebellen kontrollierten Ostteil der einstigen Wirtschaftsmetropole einen Monat lang zu ernähren, hiess es in Genf. Nach Schätzungen westlicher Geheimdienste halten sich etwa 300'000 Zivilisten in dem Gebiet auf, die UNO sprach von 200'000 bis 300'000 Betroffenen. Bewohner berichteten, die Preise für Lebensmittel, Benzin und andere Güter des täglichen Bedarfs hätten sich in den vergangenen Tagen bereits verdoppelt. Aleppo, die zweitgrösste Stadt Syriens, ist seit 2012 zwischen Armee und Rebellen geteilt.

Regierungstreue Einheiten hatten vor einer Woche die strategisch wichtige Castello-Strasse eingenommen, die einzige noch verbleibende Hauptverbindungsroute in Richtung der türkischen Grenze, und somit den Belagerungsring geschlossen. Nach Angaben der UNO ist die Strasse nicht mehr passierbar. Über sie seien vorher Lebensmittel, Medikamente und andere Hilfsgüter in den östlichen Teil der Stadt transportiert worden.

Die Rebellen haben zwar Vorräte angelegt, die es ihnen nach Einschätzung von Oppositionellen ermöglichen würden, auch eine monatelange Belagerung zu überstehen. Zudem gibt es Schmugglernetzwerke und Tunnelsysteme, über die Waffen und Munition und anderes in die Stadt gelangen könnten. Leidtragende wären aber einmal mehr die Zivilisten. Insgesamt leben nach UNO-Schätzungen schon bislang mindestens 60'000 Menschen in Syrien in belagerten Gebieten. Das Regime von Bashar al-Assad und mit ihm verbündete Milizen riegeln den Zugang zu 15 Orten ab. Bei der Stadt Deir al-Zor hat der IS die Versorgung für Zehntausende Menschen abgeschnitten.

Nur notdürftig versorgt

Bei einer Offensive der Regierungstruppen gegen Aleppo mit Unterstützung der russischen Luftwaffe waren Anfang des Jahres bereits Zehntausende Menschen aus der Stadt und ihrer Umgebung in Richtung der türkischen Grenze geflohen. Viele kehrten später in die umkämpfte Stadt zurück, weil die Zustände in den improvisierten Lagern im Grenzgebiet unerträglich sind. Sie werden von der Türkei aus nur notdürftig versorgt, und einige der Lager waren zwischen die Fronten geraten. Die türkische Regierung hat die Grenze abgeriegelt und lässt nur noch Verwundete passieren.

Bei schweren Gefechten in Aleppo sind in den vergangenen Tagen bereits Dutzende Menschen getötet worden. Nachdem die Truppen des Regimes von Bashar al-Assad den Belagerungsring geschlossen hatten, versuchten die Rebellen, mit einem Angriff auf von der Regierung kontrollierte Stadtteile sich Entlastung zu verschaffen. Dabei feuerten sie Granaten und Raketen in die Altstadt, die Zitadelle und andere Gebiete, in denen viele Zivilisten leben. Kampfjets der syrischen Armee und nach Angaben von Rebellen auch die russische Luftwaffe bombardierten wie schon in den Tagen und Wochen zuvor Viertel im Osten der Stadt. Ein zwischenzeitlich einseitig von der Regierung ausgerufener Waffenstillstand wurde nicht eingehalten.

Regierungsgegnern droht schwere Niederlage

Aleppo ist eine der letzten grossen Städte in Syrien, in denen sich die Rebellen noch halten konnten. Würde es der Regierung und den mit ihr verbündeten Milizen gelingen, die Stadt vollständig zurückzuerobern oder, wie an anderen Orten zuvor, einen Abzug der Kämpfer zu erzwingen, wäre dies eine schwere Niederlage für die Regierungsgegner. In Aleppo sind Einheiten der Freien Syrischen Armee und islamistischer Gruppen vertreten, dazu nach Einschätzung von Geheimdiensten eine kleine dreistellige Zahl von Kämpfern der Al-Nusra-Front, des syrischen Ablegers des Terrornetzwerks al-Qaida. Deren Präsenz hat Russland immer wieder als Rechtfertigung für Angriffe vorgebracht, ungeachtet dessen, dass die anderen Gruppen in der Stadt von einer offiziell noch geltenden Waffenruhe profitieren sollten, die Russland und die USA im Februar ausgehandelt hatten. In einer möglichen Runde weiterer Verhandlungen zwischen dem Regime und der Opposition unter UNO-Vermittlung in Genf würde die Position der Regierung durch militärische Erfolge in Aleppo weiter gestärkt.

Auch in anderen Teilen Syriens gibt es weiterhin schwere Kämpfe. So flogen Kampfjets Angriffe in der Provinz Homs und Idlib. Auch in den Vororten von Damaskus, die von Rebellen kontrolliert werden, gibt es weiter Gefechte.

Erstellt: 14.07.2016, 21:43 Uhr

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