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Die Davongelaufenen

In gambischen Dörfern fehlt eine ganze Generation junger Männer, die in Europa ihr Glück sucht. Zurück bleiben Frauen und Alte, die auf Hilfe aus der Ferne hoffen.

Wer jung ist und etwas erreichen will, den drängt    es nach Europa: Gambische Fussballer beim Training. Foto: Michael Zumstein (VU, Laif)
Wer jung ist und etwas erreichen will, den drängt es nach Europa: Gambische Fussballer beim Training. Foto: Michael Zumstein (VU, Laif)

In den Geschichtsbüchern wird Abdulaie für immer eine blosse Nummer ­bleiben. Einer von mehr als 5000 Menschen, die im vergangenen Jahr beim Versuch, nach Europa zu gelangen, ­gescheitert sind – und im Mittelmeer ertranken. «Hier hat er mir erzählt, dass er bald losziehen würde», sagt Lamin und zeigt auf eine Holzbank, die am Ufer des mächtigen Gambia-Flusses steht: «Ich habe es ihm nicht geglaubt.»

Für sein Misstrauen hatte der Hausmeister einer derzeit leer stehenden Touristen-Lodge gute Gründe. Lamins bester Freund führte ein Leben, für das ihn viele beneideten: Der Touristenführer hatte einen guten Job, kam im ganzen Land herum, verdiente nicht schlecht und fuhr abends mit dem Auto seines Vaters durch die Gegend. Trotzdem war Abdulaie wenige Tage später weg. Da habe er natürlich gleich gewusst, was Sache sei, sagt Lamin. Und mit ihm alle anderen Einwohner des knapp 100 Kilometer östlich der gambischen Hauptstadt Banjul gelegenen Dorfs Brutang Bolong.

Dass ein junger Mann verschwindet, kommt hier ständig vor. Bereits lange vor Abdulaie hatte sich Lamins jüngerer Bruder auf die Socken gemacht, ihm folgten zwei Söhne des Dorfchefs Bakari Ceesay, dann ein Kollege des Kunstlehrers Hassan Jarju. In fast jeder Familie Brutang Bolongs fehlt inzwischen zumindest ein männlicher Spross: Manchen Dörfern, klagen Kenner des Landes, sei eine ganze Generation junger Männer abhandengekommen. Dann sind Frauen, Kinder und Alte auf sich selbst gestellt: Sie leben von der Hoffnung, dass die Davongelaufenen irgendwann einmal etwas Geld nach Hause überweisen.

Auch die Söhne des Dorfchefs Bakari Ceesay haben Brutang Bolongs verlassen. Foto: Johannes Dieterich
Auch die Söhne des Dorfchefs Bakari Ceesay haben Brutang Bolongs verlassen. Foto: Johannes Dieterich

Bei Abdulaie kam es nicht so weit. Der 28-Jährige rief zwei Wochen nach seinem Verschwinden seinen Vater aus Libyen an: Er brauche dringend etwas Geld, um über das Meer zu kommen, liess er wissen. Er könne nur mit einer Überweisung rechnen, wenn er unverzüglich die Heimreise antrete, soll sein Vater geantwortet haben. Schliesslich muss Abdulaie auf andere Weise an Geld gekommen sein: Wenige Wochen später erhielt seine Familie die Nachricht, dass er bei der Überquerung des Mittelmeers ertrunken sei. «Uns ist nicht einmal etwas zum Beerdigen von ihm geblieben», klagt Lamin.

Die lebensgefährliche Tour

Von keinem anderen Land Afrikas machen sich prozentual gesehen mehr Menschen auf den Weg in den gelobten Norden als von Gambia. Dem knapp zwei Millionen Einwohner zählenden westafrikanischen Kleinstaat kamen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) bereits mehr als fünf Prozent der Bevölkerung abhanden – über 100'000 Menschen. Allein im vergangenen Jahr zogen 11'300 Gambier durch Senegal, Mali, Burkina Faso und Niger nach Libyen, um schliesslich in meist seeuntüchtigen Booten nach Italien überzusetzen. «Back Way» nennen die Gambier die lebensgefährliche und illegale Tour, dem der «Front Way» gegenübersteht: Dass jemand auf offiziellem Weg – also mit Visum und Flugticket – nach Europa gelangt, ist jedoch so unwahrscheinlich, wie am Ufer des Gambia-Flusses auf ein Goldnugget zu stossen.

Brutang Bolong werde täglich ärmer, klagt Dorfchef Ceesay. Aus Mangel an Fischern würden kaum noch Tiere aus dem Fluss gefangen, der letzte Bootsbauer habe seine Werkstatt vor ein paar Monaten dicht gemacht. Fischer Musa Badjie hängte seinen Beruf wegen zu hohen Blutdrucks an den Nagel. Jetzt versucht der 56-Jährige, seine mehr als 30-köpfige Grossfamilie – drei Frauen, fünf Kinder, zwei unverheiratete Schwestern sowie zwei verwitwete Schwägerinnen einschliesslich ihrer Kinder – durch Landwirtschaft über Wasser zu halten. An Land mangelt es dem Farmer nicht, genauso wenig an Mangobäumen. Die werfen in der Erntezeit dermassen viele Früchte ab, dass sich die Kühe aus der Nachbarschaft damit den Bauch vollschlagen. Verkaufen kann Badjie seine Mangos allerdings nicht: In dem Kleinstaat, der weder über eine Saftfabrik noch über eine Fruchtexportfirma verfügt, gibt es keinen Markt dafür.

Jetzt baut der Farmer Wassermelonen an. Weil der alte rote Dorftraktor schon seit Jahren auf seinem Gehöft steht, ohne noch einen Mucks zu machen, und die letzte Kuh zur Beerdigung seines Vaters geschlachtet wurde, ­müssen die Badjies ihre Felder eigenhändig bestellen. Ohne vierrädrige oder vierbeinige Hilfe könne die Familie nicht mehr als zwei Hektaren Land bewirtschaften, sagt Papa Musa: Eine Hektare gehe für den zum Eigenbedarf benötigten Mais drauf; die auf der anderen Hektare angebauten Wassermelonen brächten jährlich umgerechnet etwa 1000 Franken ein. Davon – sowie vom Mais, den Hühnern und den Mangobergen – müssen die Badjies ein Jahr lang überleben.

Musas ältester Sohn Ousman ist 22 Jahre alt. Er hat im vergangenen Jahr Abitur gemacht, jetzt besucht er ein College für Lehramtsanwärter. In Wahrheit hat er jedoch ganz andere Pläne: Er möchte so schnell wie möglich weg von hier. Oft sammeln die Farmer heimlich Geld, um ihren Kindern die Reise über den «Back Way» zu finanzieren, denn einen «Front Way» gibt es in Wahrheit längst nicht mehr. Die ersten Kontaktmänner der Ausreisewilligen sind einheimische Schlepper, die zumindest den Beginn bis etwa in die nigrische Wüstenstadt Agadez organisieren: Händler, Busunternehmer oder sogar muslimische Geistliche, die sich auf diese Weise noch ein Zubrot verdienen.

Zur Begleichung der anfallenden Kosten verkaufen viele Familien ein Stück Land oder eine Kuh.

Zur Begleichung der anfallenden Kosten verkaufen viele Familien ein Stück Land oder eine Kuh – in der Hoffnung, dass sich die Investition nach der Ankunft ihrer Gesandten in Europa auszahlt. Tatsächlich machen die Remissionen, die diese nach Hause schicken, ein stolzes Viertel des gambischen Bruttosozialprodukts aus. Überall im Land sind angefangene Häuser zu sehen, die erfolgreiche Migranten über Jahre hinweg – wann immer etwas Geld zur Verfügung steht – in die Höhe ziehen. Junge Frauen, heisst es im Dorf Brutang Bolong, seien nur noch an jenen Männern interessiert, die es im Ausland zu etwas brachten. «Wer etwas aus sich machen will», sagt Lamin, «geht weg.»

Der Trend sei inzwischen ausser Kontrolle geraten, meint Kunstlehrer Hassan Jarju: Das einstige Migranten-Rinnsal habe sich zu einem reissenden Strom ausgeweitet. Seine Schüler redeten von Europa wie vom Schlaraffenland. Im inzwischen allgegenwärtigen Satellitenfernsehen würden sie täglich mit dem nördlich des Mittelmeeres angeblich geführten Dolce Vita konfrontiert. Er und seine Kollegen suchten solchen Träumen realistische Bilder vom kläglichen Leben der Migranten in europäischen Lagern oder überfüllten Wohnheimen entgegenzusetzen. Das sei jedoch genauso wirkungslos, wie einen süchtigen Raucher vor den Gefahren einer verteerten Lunge zu warnen.

«Wer etwas aus sich machen will», sagt Lamin, «geht weg.» Foto: Johannes Dieterich
«Wer etwas aus sich machen will», sagt Lamin, «geht weg.» Foto: Johannes Dieterich

Auch Lamins ungläubigem Lächeln ist zu entnehmen, dass er den Berichten vom armseligen Migranten­leben in Europa nicht traut. Er habe über Facebook ganz andere Geschichten ge­sehen, sagt der Hausmeister, der uns sein Gehalt – wohl aus Scham – nicht verraten will: «Das Leben dort ist so viel cooler als hier.» Die Migration sei zu einer regelrechten Mode geworden, erklärt Kunstlehrer Jarju: «Wer cool oder mutig sein will, macht sich vom Acker.»

Die Pläne des EU-Botschafters

In seinem Büro in der Hauptstadt Banjul berichtet EU-Botschafter Attila Lajos von den Versuchen der Union, der Abwan­derungswelle etwas entgegenzusetzen. Etwa indem in den Herkunftsländern wirtschaftliche Anreize geschaffen würden. Staaten, die bereit sind, in Europa abgeschobene Migranten aufzunehmen, würden mit Entwicklungsprojekten belohnt, sagt der Diplomat aus Ungarn: So werde den jungen Männern zu Hause eine Perspektive geboten. Ob das Konzept aufgeht, konnte bis jetzt noch nicht nachgewiesen werden. In Gambia war bis vor kurzem der exzentrische Diktator Yahya Jammeh an der Macht, der donnerstags Aidskranke mit Bananen und Gebeten zu heilen vorgab und sich in der übrigen Zeit aus der Staatskasse bereicherte. Eine Zusammenarbeit mit ihm sei unmöglich ­gewesen, sagt Botschafter Lajos: Dem 22 Jahre lang regierenden Despoten sei der Exodus seiner Bevölkerung gerade recht gekommen. Seien doch die Migranten mit ihren Überweisungen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Kürzlich haben sich die Gambier ihres Schwerenöters entledigt, doch dass die Abwanderung deshalb zu einem Stillstand kommen wird, ist unwahrscheinlich. Die Migration aus Afrika werde eher von Aspirationen als von Armut oder repressiver Herrschaft angeregt, weiss Hein de Haas, Gründungsmitglied des Internationalen Migrations-Instituts in Oxford. In Hungerländern wie Malawi, Niger oder dem Südsudan ist die Bevölkerung viel zu sehr mit dem blossen Über­leben beschäftigt, um aufwendige Pläne zum Ausreisen schmieden zu können. Und in Bürgerkriegsstaaten wie Burundi, dem Osten des Kongo oder der Zentralafrikanischen Republik sind die Menschen schon froh, wenn sie sich im Nachbarland in Sicherheit bringen können. Die Mehrheit der nach Europa drängenden Afrikaner kommt aus Ländern wie Nigeria, Ghana, Gambia, Äthiopien oder Senegal, deren Bevölkerung es sich leisten kann, von einem besseren Leben zu träumen – und sich in seine Richtung auf den Weg zu machen. In einem afrikanischen Land für Entwicklung zu sorgen, könnte die Migration sogar noch anregen, statt sie zum Versiegen zu bringen.

Zum Arsenal der europäischen Abwehrwaffen gehören laut EU-Botschafter Lajos ausser den Entwicklungs­projekten in den Herkunftsländern auch der Kampf gegen das Schlepperwesen sowie schärfere Aufnahmekontrollen in Europa. Wie erfolgreich diese Anstrengungen sein werden, muss sich noch ­herausstellen.

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