Eine Heldin

Vian Dakhil hat die USA dazu gebracht, Luftschläge gegen den Islamischen Staat zu fliegen. Nun hat sie ein neues Ziel im Visier.

Vian Dakhil reist unermüdlich um die Welt, um auf das Schicksal der Jesiden hinzuweisen.

Vian Dakhil reist unermüdlich um die Welt, um auf das Schicksal der Jesiden hinzuweisen. Bild: Redux, Laif

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie anstrengend es ist, eine Heldin zu sein. Vian Dakhil tun die Füsse weh. Sie sitzt auf dem Sofa und fragt, ob es recht sei, wenn sie ihre Schuhe ausziehe. Stilettos. Dazu Kostüm und eine fliederfarbene Ledertasche, keine der ganz teuren, aber eine, die signalisiert: Da kommt eine Frau von Welt.

Gerade war sie noch oben auf der Bühne. Die Moderatorin des Menschenrechtskongresses, des «Geneva Summit for Human Rights and Democracy», hat ihren Arm getätschelt.

Zum achten Mal wurde dieser Kongress durchgeführt. Wie jedes Jahr wurde ein Preis an eine Frau vergeben, die den Stern der Menschlichkeit ein ­wenig zum Leuchten gebracht hat. Der Women’s Rights Award ging Ende Februar an die 45-jährige Jesidin und irakische Parlamentarierin: an die Frau, die im irakischen Parlament eine Rede gehalten hatte, die durch Mark und Bein ging.

Die Rede vom Vian Dakhil. Quelle: Youtube

Es war der 5. August 2014, als Vian Dakhil im Namen ihres Volkes sprach: Im Namen von schätzungsweise 700 000 Jesiden, die seit Jahrhunderten im Nordirak rund um das Sinjar-Gebirge leben und an einen Gott glauben, der die Welt aus einer Perle geschaffen hat. Sie haben keine heilige Schrift, die Geschichten und Lieder geben die Alten den Jungen mündlich weiter. Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) nennt sie «Teufelsanbeter» und war gerade daran, ein Massaker am gesamten Volk zu verüben.

Irgendjemand, ruft Vian Dakhil ins Parlament, müsse doch davon gehört haben. Vian Dakhils Stimme geht in ein Kreischen über, während ein Abgeordneter sie daran erinnert, sich an das vereinbarte Manuskript zu halten. Dann fährt sie fort: «Wir werden geschlachtet, wir werden ausgelöscht. Ein ganzes Volk ist in Gefahr, von der Erdoberfläche zu verschwinden. Im Namen der Menschlichkeit, Brüder, rettet uns!» Am Ende sackt Vian Dakhil zusammen.

Ihr Auftritt im Parlament, sagt sie, mache sie stolz. Und sie frage sich, woher sie die Kraft genommen habe, so energisch aufzutreten, dass es kein Weghören gab. Die Worte fanden ihren Weg aus ihrem Mund in die Welt. CNN stellte das Video von ihrer Rede online. Innert weniger Tage wurde es Tausende Male angeklickt. Es heisst, selbst Barack Obama habe das Video gesehen und sich davon beeinflussen lassen. Jedenfalls gab er, wenige Tage nachdem Dakhils Hilfeschrei online gegangen war, sein Einverständnis an US-Verbände, die kurdischen Kämpfer bei der Befreiung der Jesiden aus der Luft zu unterstützen.

Tausende Jesiden harrten damals schon seit Tagen im Sinjar-Gebirge aus. Sie hatten auf der Flucht vor den IS-Schergen überstürzt ihre Häuser verlassen. Viele von ihnen barfuss – es blieb nicht einmal Zeit, um Schuhe anzuziehen. Frauen trugen ihre Kleinkinder, Männer die Alten – so lange, bis sie nicht mehr konnten. Auf dem Weg ins karge Gebirge blieben Kinder und Alte irgendwann auf der Strecke, verdursteten, starben. Wer nicht floh, wurde auf der Stelle erschossen oder gefangen genommen.

Die Jesiden sagen, das Eingreifen der USA habe ihnen das Leben gerettet. Vian Dakhil habe ihr Volk gerettet.

Immer wieder fragt sie sich: «Tue ich genug?» Das Heldinsein ist so anstrengend, weil sie weiss, dass Helden vom Sockel stürzen können. Oder in ihrer Mission scheitern. Das ist es, was Vian Dakhil umtreibt. Sie will die Menschen, die sie regelmässig in Flüchtlingslagern besucht, nicht enttäuschen. 400 000 Jesiden sind seit der Eroberung grosser Gebiete im Nordirak durch den IS heimatlos, auf der Flucht.

Vian Dakhil, das sieht man ihr an, gibt nicht gerne Interviews, möchte so schnell wie möglich wieder weg. Heute Genf, übermorgen zurück nach Bagdad, dann Mailand. Sie war in Washington, wo sie vor Ausschüssen sprach, sie tourt durch Europa, immer auf Achse, immer auf den Beinen, immer mit der gleichen Botschaft: Vergesst uns nicht. Sie hat keine Wahl, sie muss. Das Leben, sagt sie, hat es so gewollt. Dabei hatte sie einen anderen Traum.

Nur noch mit Personenschutz

Sie kommt 1971 als erstes von neun Kindern am Fuss des Sinjar-Gebirges zur Welt. Die Eltern nennen das Mädchen Vian – «Liebe». Wenige Jahre später zieht die Familie, die zur obersten Kaste der Jesiden gehört, nach Arbil ins Kurdengebiet. Vian Dakhil will Ärztin werden wie ihr Vater und ihr Onkel, sie studiert Mikrobiologie und Immunologie. Mitte der 90er-Jahre, sie arbeitet an der Uni, kommt es zu ethnischen Spannungen zwischen der Mehrheit der sunnitischen Kurden und den Minderheiten. Dakhil setzt sich für die ihren ein und berät lokale Parlamentarier.

Man kennt sie nun auch in der Nachbarprovinz Ninive, wo sie ursprünglich herkommt und wo die meisten Jesiden ansässig sind. 2010 wird sie für die Kurdische Demokratische Partei als Kandidatin dieser Provinz nominiert und auf Anhieb ins irakische Parlament gewählt. 2014 die Wiederwahl.

Im Irak bewegt sich die Politikerin nur mit Personenschutz. Ihre Agenda ist geheim. Nie weiss ihre Familie in Arbil, wann sie nach Hause kommt. Vian Dakhil taucht auf und verschwindet wieder. Die IS-Terroristen sähen sie lieber tot. Keine Frau hassen sie mehr als die unverschleierte, selbstbewusste Frau im Hosenanzug.

Dakhil lässt keine Gelegenheit aus, um auf die Grausamkeiten der IS-Schergen aufmerksam zu machen. Sie kennt die Zahl genau: 3580. So viele jesidische Frauen befinden sich noch in IS-Gefangenschaft. Es waren im August 2014 fast doppelt so viele. Sie werden als Sexsklavinnen gehalten, geschändet, vergewaltigt, und wenn die Kämpfer ihrer Körper überdrüssig sind, in der Wüste ausgesetzt oder auf Märkten weiterverkauft.

Wenn nachts das Telefon klingelt

«Ich würde mir manchmal am liebsten die Ohren zuhalten», sagt Vian Dakhil. Sie hat mit vielen dieser ehemaligen Sklavinnen gesprochen. Sie hat mit ihnen geweint. Mütter erzählen, wie sie zusehen mussten, wie Terroristen ihre Töchter, noch Mädchen, mehrfach vergewaltigten und dann verbluten liessen. Dakhil weiss von mehreren Dutzend Frauen, die sich in Gefangenschaft das Leben genommen haben. Manchmal klingelt ihr Telefon mitten in der Nacht. Vian Dakhil antwortet immer. Wenn die Stimme am anderen Ende flüstert, weiss sie, um was es geht. Einige der Frauen können ihre Handys vor ihren Peinigern verstecken. Dakhils Nummer macht die Runde. Wenn sie einen Anruf bekommt, versucht sie, herauszufinden, wo sich die Frauen befinden. Noch im Nordirak oder schon in Syrien, wo die Kämpfer für ihren Einsatz mit Jesidinnen belohnt werden?

Einem Netzwerk von Leuten, zu denen Dakhil gehört, ist es gelungen, in den letzten Monaten Hunderte von Frauen zu befreien.

Dakhil: «Manchmal kaufe ich diese Mädchen selber frei.»

Wie viel bezahlen Sie?

Dakhil: «Manchmal 3000, manchmal 4000 Dollar. Es kommt auf den Besitzer an. Die Tatsache, dass ich Mädchen kaufe, macht mich traurig. Ich fühle mich schlecht dabei.»

Wie viele haben Sie schon gekauft?

Dakhil: «Viele. Ich will nicht darüber reden.»

Täter ohne Reue

Einmal hat Vian Dakhil einen inhaftierten IS-Kämpfer getroffen. Sie hat ihn gefragt, wieso er Menschen umbringe, Frauen vergewaltige. Der Terrorist hat geantwortet, er werde es wieder tun, wenn die Zeit dafür komme. Der junge Mann, sagt Dakhil, hätte einen instabilen Eindruck auf sie gemacht. Es ist bekannt, dass viele der IS-Schergen unter Einfluss von Drogen stehen.

Vian Dakhil arbeitet im irakischen Parlament an einem Gesetz, das jeden kriminalisiert, der dem IS geholfen hat, auf Minderheiten loszugehen. Sie weiss, dass viele sunnitische Nordiraker, benachteiligt in einem nun von Schiiten regierten Land, mit dem IS sympathisierten und den Schlächtern verrieten, wo Christen, wo Jesiden, wo Schiiten oder Turkmenen wohnten. Auch die Helfer, findet Dakhil, sollen verurteilt werden. Zudem will sie, dass das Massaker an den Jesiden als Genozid anerkannt wird.

«Man muss irgendwo anfangen, wieder Gerechtigkeit herzustellen», sagt Dakhil, die sich die Zukunft noch nicht so richtig vorstellen mag. Werden Jesiden und sunnitische Araber wieder friedlich zusammenleben können nach allem, was geschehen ist? Dörfer könne man wieder aufbauen. Doch wisse sie nicht, wie der Frieden wieder in die Herzen einkehre.

Vian Dakhil schaut auf die Uhr. Sie hat nun doch länger gesprochen, als sie eigentlich wollte. Ihr Bruder sitzt daneben und hilft, wenn sie um englische Worte ringt, die ihr nicht einfallen wollen. Manchmal begleitet auch eine der Schwestern sie auf ihrer Mission. Eine eigene Familie hat sie nicht. Unmöglich, in ihrer Kaste einen Mann zu finden, der ähnlich gut gebildet ist wie sie. So ­modern sie lebt: Tradition bleibt Tradition. Auch unter ihresgleichen gilt: Wer ausserhalb ihres Volkes heiratet, gehört nicht mehr dazu. Sie sei, sagt sie, mit ihrer Arbeit verheiratet, mit einer Arbeit, in der sie sich als Frau nur mit besonderen Massnahmen Gehör verschaffen kann. Denn im Mittleren Osten, sagt Vian Dakhil, kämen immer die Männer zuerst. Gut finde sie das nicht, aber das sei einfach die Wahrheit.

«Zehn wie Vian für den ganzen Irak»

Sie selber gehört zu den wenigen ihres Volkes, die Anschluss an die globalisierte Welt gefunden haben. Jesiden gelten als verschlossen, bleiben unter sich, heiraten nur unter sich. Ihre Gesellschaft ist streng hierarchisch und in Kasten unterteilt. Ihre Bildung ist eher dürftig, auch weil der Staat sie schon immer sich selber überlassen hat.

Solange ihr Volk sie als Heldin feiert und sie vom Ausland Aufmerksamkeit erhält, kann sich Vian Dakhil mehr erlauben als andere Frauen. Gerade hat sie wieder lautstark verkündet, wie korrupt der Irak sei und wie viele Hilfsgelder in den Taschen der Mächtigen verschwinden würden. Ihr Bruder sagt, Vian habe eine unglaubliche Energie. Sollte es mehr Frauen wie Vian im Irak geben? Der Bruder zögert und sagt schliesslich: «Vielleicht zehn – zehn Frauen wie Vian für den ganzen Irak.»

Vian Dakhil hat ihre Schuhe angezogen und ist wieder auf den Beinen. Sie hört nicht, was ihr Bruder sagt, sie ist im Kopf schon anderswo. Vor einem Jahr noch sass sie im Rollstuhl. Ein Helikop­ter, der den eingekesselten Jesiden Hilfsgüter brachte, wurde von Menschen überrannt. Völlig überladen, stürzte der Helikopter beim Start ab. Der Pilot starb. Vian Dakhil lag verletzt unter vielen Menschen. Die Medien meldeten, sie sei tot. Doch die Frau, die nie eine Heldin sein wollte, richtet sich immer wieder auf.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.03.2016, 20:59 Uhr

Artikel zum Thema

IS exekutiert eigene Kämpfer aus Holland

200 Niederländer haben sich dem islamischen Staat angeschlossen. Nun hat die Terrororganisation in Syrien acht von ihnen wegen versuchter Fahnenflucht umgebracht. Mehr...

IS tötet in Bagdad 33 Menschen

Zwei Selbstmordattentäter sprengten sich bei einem Markt in Bagdad in die Luft. Ausserdem brachte der Islamische Staat vorübergehend eine Armeestellung unter seine Kontrolle. Mehr...

Die IS-Theologie der Sexsklaverei

Die Terrormiliz IS missbraucht Frauen und Mädchen und beruft sich auf religiöses Recht. Die systematische Ausbeutung begann mit dem Angriff auf die Jesiden vor einem Jahr. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Er braucht ein gutes Gleichgewicht: Ein Gaucho reitet in Uruguay ein Rodeo-Pferd. (17. April 2019)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...