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Die ignorierten Kämpferinnen

Frauen waren treibende Kraft in der ägyptischen Revolution. Jetzt wählt das Land einen Präsidenten, der die Interessen der Ägypterinnen nicht vertreten wird. Frust und Enttäuschung herrschen vor.

Monica Fahmy
Schlange stehen für die Stimmabgabe. Doch Frauen fühlen sich von den ägyptischen Präsidentschaftskandidaten nicht wirklich vertreten. (23. Mai 2012)
Schlange stehen für die Stimmabgabe. Doch Frauen fühlen sich von den ägyptischen Präsidentschaftskandidaten nicht wirklich vertreten. (23. Mai 2012)
Reuters
Dieses Bild wurde zum Symbol der Gewalt des ägyptischen Militärs gegen Frauen: Soldaten reissen eine Aktivisten zu Boden und treten auf sie ein. (17. Dezember 2011)
Dieses Bild wurde zum Symbol der Gewalt des ägyptischen Militärs gegen Frauen: Soldaten reissen eine Aktivisten zu Boden und treten auf sie ein. (17. Dezember 2011)
Reuters
Marsch gegen die Gewalt: Tausende Frauen gingen danach auf den Tahrir-Platz und protestierten gegen das Militär. (23. Dezember 2011)
Marsch gegen die Gewalt: Tausende Frauen gingen danach auf den Tahrir-Platz und protestierten gegen das Militär. (23. Dezember 2011)
Reuters
Will Frauen in seine Regierung einbeziehen: Der frühere Aussenminister Amr Moussa bleibt aber dabei vage. Die anderen Kandidaten sagen lediglich, dass sie Frauen «schätzen». Was sie für bessere Frauenrechte tun wollen, sagt keiner.
Will Frauen in seine Regierung einbeziehen: Der frühere Aussenminister Amr Moussa bleibt aber dabei vage. Die anderen Kandidaten sagen lediglich, dass sie Frauen «schätzen». Was sie für bessere Frauenrechte tun wollen, sagt keiner.
AFP
Erhob erfolgreich Einspruch gegen den Ausschluss durch die Wahlkommission: Der frühere Premierminister Ahmed Shafik.
Erhob erfolgreich Einspruch gegen den Ausschluss durch die Wahlkommission: Der frühere Premierminister Ahmed Shafik.
Keystone
Kann auf die Unterstützung der Geistlichen zählen: Der Sprecher der Muslimbruderschaft, Mohammed Mursi.
Kann auf die Unterstützung der Geistlichen zählen: Der Sprecher der Muslimbruderschaft, Mohammed Mursi.
Keystone
Gemässigter Islamist und Konkurrent Mursis: Abdel Moneim Abu al-Futuh.
Gemässigter Islamist und Konkurrent Mursis: Abdel Moneim Abu al-Futuh.
Keystone
Ex-Generalsekretär der Union Muslimischer Gelehrter und Vorsitzender der Vereinigung für Kultur und Dialog: Mohamed Selim El-Awa.
Ex-Generalsekretär der Union Muslimischer Gelehrter und Vorsitzender der Vereinigung für Kultur und Dialog: Mohamed Selim El-Awa.
Keystone
Der Kandidat der Demokratischen Friedenspartei ist ein ehemaliger Kampfpilot: Hossam Khairallah.
Der Kandidat der Demokratischen Friedenspartei ist ein ehemaliger Kampfpilot: Hossam Khairallah.
Keystone
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Auf dem Tahrir-Platz in Kairo spielten Frauen während der ägyptischen Revolution eine zentrale Rolle und kämpften für die Revolution. Nicht zuletzt ihnen ist es mitzuverdanken, dass der langjährige Machthaber Hosni Mubarak weichen und Platz für die ersten demokratischen Wahlen der neuen ägyptischen Geschichte machen musste. Doch egal, welcher der Präsidentschaftskandidaten morgen in die Stichwahl kommt – oder, was unwahrscheinlich ist, als neuer Präsident feststeht – er wird die Interessen der Ägypterinnen nicht wirklich vertreten.

«Eines wissen die Ägypter sicher, ihr nächster Präsident ist nicht eine Frau», schreibt Hania Sholkamy in einem Kommentar auf Cnn.com. Sholkamy ist Assistenzprofessorin am Social Research Centre der amerikanischen Universität in Kairo. Die Präsidentschaftskandidaten hätten eines gemeinsam, die «Banalität ihres Engagements für Frauenrechte und Fragen der Geschlechtergerechtigkeit», so Sholkamy. Man höre zwar von allen Kandidaten, dass sie Frauen «schätzen» und fänden, dass die Hälfte der ägyptischen Gesellschaft respektiert werden müsste. Aber damit hat es sich dann.

Frauen werden ignoriert

Vor den Wahlbüros stehen Schlangen, nach Geschlechtern getrennt. Die beachtliche Anzahl Frauen, die ihre Stimme abgeben, sei für jedermann ersichtlich. «Dennoch werden Frauen als politisch Handelnde und als Bürgerinnen in allen Programmen der Kandidaten ignoriert», kritisiert Hania Sholkamy. Um die Stimmen der Frauen zu bekommen, ist den Kandidaten fast jedes Mittel recht. Arme Frauen werden mit Nahrungsmitteln, Krankenversicherungen und Bargeld bestochen. Frauen werden von Angehörigen genötigt, einem Kandidaten die Stimme abzugeben. Und Kandidaten dreschen Phrasen über die Möglichkeit, dass Frauen in ihrem Kabinett dann hohe Ämter erhalten, ohne diese «Möglichkeit» jedoch zu konkretisieren.

Während der Revolution spielten Frauen eine zentrale Rolle und wuchsen daran. Auch die Frauen, die nicht protestierten, hätten während der Revolution an Stärke gewonnen, sagt Nehad Abu El-Komsan vom ägyptischen Centre for Women's Rights zu Bbc.co.uk. «Sie waren in einer Ausnahmesituation, auch diejenigen, die keine Aktivistinnen waren. Sie mussten zu Hause für alles sorgen, während ihre Männer protestierten. Das gab ihnen Selbstvertrauen.» Auf politischer Ebene werde mit Frauen aber immer noch in «derselben stereotypischen Art umgegangen wie vor der Revolution», bemängelt Nehad Abu El-Komsan.

Angst vor den Islamisten

Bis Frauen zu ihren Rechten kämen, werde es «eine Ewigkeit» dauern, sagt Dina Abou El-Soud zu diversen Medien. Die 35-jährige ist Inhaberin einer Jugendherberge in der Nähe des Tahrir-Platzes. Während der Revolution konnten sich erschöpfte «Revolutionäre» dort ausruhen. Dina Abou El-Soud gründete danach die Revolutionary Women's Coalition, damit Frauen in der Nach-Revolutions-Politik besser vertreten wären. «Frauen müssen dafür sorgen, dass Frauenrechte in der Politik zum Thema werden», sagt sie.

Auf dem Tahrir-Platz, vor Mubaraks Sturz, seien sie als Gleichberechtigte behandelt und respektiert worden, sagen Aktivistinnen. Danach hätten sie oft gehört: «Jetzt könnt ihr nach Hause gehen, wir werden dann schon auf euch zurückkommen». Eva Kerolous, die einzige Frau, die in Ägypten zur Bürgermeisterin gewählt wurde, fürchtet sich vor einem Sieg der Islamisten. Frauen würden «an den Rand der Gesellschaft gedrängt und ignoriert», sagt sie zu Theglobeandmail.com. Wie die meisten Christen wird sie ihre Stimme für Ahmed Shafik abgeben, obwohl er der letzte Ministerpräsident des Mubarak-Regimes war.

Gewalt und sexuelle Belästigung

Dass sie plötzlich ein Kopftuch tragen müssten ist noch eine der geringeren Sorgen liberaler Ägypterinnen. Erst kürzlich wurde etwa im islamistisch dominierten Parlament darüber debattiert, die Beschneidung zu legalisieren. Nach der Revolution gab es auch Berichte, wonach Frauen in der Armee Jungfräulichkeits-Tests unterzogen wurden. Um die Welt ging das Bild einer Aktivistin, die von Sicherheitskräften zu Boden gerissen, dabei halb entkleidet und getreten wurde. Die «Frau im blauen BH» wurde zum Sinnbild dessen, was Frauen droht, wenn sie für ihre Rechte einstehen.

Hunderte Frauen gingen Tage später auf den Tahrir-Platz, um gegen die Militärgewalt zu protestieren. Internationaler Druck half, dass ihre Stimme gehört wurde. Zumindest für eine Zeit lang. Auch wenn sich viele Ägypterinnen wenig von den Wahlen versprechen, sie bauen auf einen liberalen Kandidaten. «Dann wäre in Sachen Frauenrechte wenigstens nicht alles verloren», gibt sich eine ägyptische Aktivistin optimistisch. Auch wenn es noch ein weiter Weg ist, die revolutionären Ägypterinnen sind entschlossen, weiter für ihre Rechte zu kämpfen.

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